Alle unter einem Dach

14. Februar 2018, 20:41 Uhr

Die junge Mutter Marischa Broermann trägt ihre zweijährige Tochter auf dem Arm und zeigt auf einen weitläufigen Raum zum großen Garten hin. »Dies ist unsere Sommerküche, da können wir dann Marmelade einkochen oder bei Festen Suppe kochen.« Von ihrer Dachterrasse hat sie einen weiten Blick über Darmstadt. Durch die Sommerküche gelangt man zu den Gästezimmern, der Werkstatt, einem Baderaum und der Tiefgarage mit verschiedenen Fahrzeugen, auf die Broermann Zugriff hat. Auch für die Betreuung ihrer Tochter ist meist jemand zur Stelle. Erst vor wenigen Tagen ist die Erziehungswissenschaftlerin (30) in das generationenübergreifende Wohn- und Lebensprojekt »Agora« in Darmstadt eingezogen. Mit 90 Menschen in 50 Wohnungen ist es eines der größten gemeinschaftlichen Wohnprojekte in Hessen. Eine Wohnform, die nach Ansicht von Experten immer mehr Anhänger findet. Ein Grund ist neben dem teurer werdenden Immobilienmarkt der Wunsch nach sozialem Zusammenhalt.

»Es ist ein Gegenmodell zur wachsenden Anonymität in der Gesellschaft«, sagt die Sprecherin des Netzwerks für gemeinschaftliches Wohnen in Frankfurt, Birgit Kasper. Ihrer Erfahrung nach gibt es mehr Nachfragen als Angebote. Auch bei »Agora« in Darmstadt sind alle Wohnungen vergeben und die Warteliste der Interessenten ist lang.

Nach Expertenschätzung gibt es Hunderte von gemeinschaftlichen Wohnprojekten in Hessen – von dem Seniorenhaus bis zum mehrere Gebäude umfassenden Projekt. »Formen gemeinschaftlichen Wohnens bieten gute Möglichkeiten, den Lebens- und Wohnvorstellungen vieler Menschen gerecht zu werden. Nämlich, selbstständig zu leben, aber nicht allein, unabhängig zu sein, aber mit Verantwortung für andere und nur im Notfall, aber nicht »rundum« versorgt zu sein«, teilt das hessische Sozialministerium auf Anfrage mit.

Nachbarschaftsstreit gibt’s auch

»Zu eng, zu klassisch, zu spießig. Wir wollten im Alter einfach nicht in der Kleinfamilie wohnen«, sagt die Psychologin und »Agora«-Mitbegründerin Beate Fischer-Schlappa (64). Die einzelnen Wohnungen sind kleiner als viele gewohnt sind, dafür wird Wohnraum geteilt. Alle Einheiten sind barrierefrei, es gibt ein öffentliches Lokal und Veranstaltungen, von Tangomusik bis Flohmarkt. Die Darmstädter Gruppe hat sich bewusst für die Rechtsform der Genossenschaft entschieden, um auch Menschen Wohnraum zu geben, die sich kein Eigentum leisten können. »Natürlich ist es viel teurer geworden als geplant«, sagt die Psychologin. Statt zwölf Millionen Euro kostete »Agora« dann 15 Millionen Euro. Beim Einzug wird einmalig ein Pflichtteil von 250 Euro pro Quadratmeter fällig, monatlich beträgt das »Nutzungsentgelt« zwölf Euro pro Quadratmeter.

Doch bei all dem Miteinander bleibt auch der gewöhnliche Nachbarschaftsstreit nicht aus. »Es muss schon eine gewisse Konfliktbereitschaft da sein, wenn man in so ein Projekt zieht«, sagt die Sprecherin der Fachstelle für Wohnberatung, Claudia Ulrich. Andere Projekte setzen auf die professionelle Begleitung von Mediatoren oder Supervisoren.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Dachterrassen
  • Experten
  • Feste
  • Gärten
  • Immobilienmarkt
  • Marmelade
  • Pflichtteil
  • Psychologinnen und Psychologen
  • Sozialbereich
  • Wohnbereiche
  • Frankfurt
  • DPA
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 x 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.