20. Mai 2014, 09:08 Uhr

Leica mit neuem Selbstbewusstsein

Wetzlar (dpa). Wenige Worte begründen im Jahr 1914 einen Mythos: »Liliput-Kamera fertig« notiert Oskar Barnack, der soeben die erste Leica gebaut hat und damit die Fotografie verändern sollte. 100 Jahre später feiert die Leica Camera AG groß, das Jubiläum ebenso wie sich selbst.
20. Mai 2014, 09:08 Uhr
Die neue Firmenzentrale der Leica Camera AG im Leitz-Park wird am Freitag offiziell eröffnet. Damit zieht das Traditionsunternehmen wieder zurück nach Wetzlar. (Foto: DPA Deutsche Presseagentur)

Nach einer schweren Krise blickt das Traditionsunternehmen wieder auf Erfolge. Das soll auch mit einer noblen neuen Firmenzentrale, die am Freitag in Wetzlar im Leitz-Park eröffnet wird, ins rechte Licht gerückt werden.

»Es ist durchaus ein selbstbewusstes Zeichen, das wir hier setzen«, sagt Vorstandschef Alfred Schopf. »Aber es funktioniert natürlich nicht ohne eine wirtschaftliche Basis. Wir wären nicht hierher gezogen, wenn sich das nicht rechnen würde.« Etwas mehr als 25 Jahre lang lag der Firmensitz versteckt im benachbarten Städtchen Solms. Der Umzug gehöre auch zur klar auf Wachstum ausgelegten Strategie des Unternehmens. Man wolle aber vor allem zurück zu seinen Wurzeln.

Ein Liebhaberprodukt

Rückblick dorthin: Oskar Barnack (1879-1936) war Mitarbeiter der damaligen Leitz-Werke in Wetzlar, die optische Geräte herstellten. Mit seiner »Ur-Leica« konstruierte er die erste Kleinbildkamera für 35-Millimeter-Film. Auf den Markt kam der handliche Apparat 1925 – und der Schnappschuss eroberte die Bildwelt. Bis dahin hatten Fotografen ihre sperrigen Plattenkameras geschleppt.

Der legendäre Ruf der Leica sei gerechtfertigt, sagt Stephan Günzel, Professor für Medientheorie. »Die Leica hat die Fotografie revolutioniert – bis in die Bildästhetik hinein.« Das Bahnbrechende bestand demnach in ihrer geringen Größe, der leichten Handhabbarkeit und kurzen Belichtungszeit. »Man konnte sie mit einer Hand halten, sie war extrem leise«, erklärt Günzel, der an der Berliner Technischen Kunsthochschule auch Fotogeschichte lehrt. Nun konnten Fotografen schnell die Kamera zücken und auch unbemerkt Momentaufnahmen schießen. Authentische Fotos, Reportagebilder, Kriegsfotografien, das alles war nun möglich.

Berühmte Fotografen wie Henri Cartier-Bresson oder Robert Capa arbeiteten mit einer Leica. Die »Verlängerung meines Auges«, nannte sie einst »der Mann mit der Leica«, Cartier-Bresson. Im Lauf der Jahre schossen Fotografen prägende Bilder damit. Etwa das Foto einer Straße in Vietnam, auf der Kinder nach einem Napalmbombenangriff schreiend davonlaufen – darunter ein nacktes, brandverletztes Mädchen. »Solche Bilder haben die Wahrnehmung von Zeit verändert«, sagt Günzel. »Denn sie konnten einen Augenblick zum Stehen bringen.« Das sei zwar auch zuvor möglich gewesen, doch nur vereinzelt, und nun auch in guter Qualität.

Im Jubiläumsjahr richtet Leica den Fokus stolz auf diese Aspekte der Firmengeschichte. In der neuen Zentrale gibt es einen Museumsbereich, der diese dokumentiert. Zur Historie gehört aber auch die wachsende und schließlich dominierende Konkurrenz der asiatischen Kamerahersteller und die folgende Existenzkrise. Vor fast zehn Jahren drohte dem mittelhessischen Unternehmen das Aus. Der Pionier von einst hatte den technischen Anschluss verloren.

»Vor drei, vier Jahren hieß es immer: Leica ist die Marke, die die Digitalfotografie verschlafen hat«, sagt Vorstandschef Schopf. »Heute ist es die Kamerafirma, die die Digitalisierung beinahe verschlafen hat.« Der Punkt sei aber: »Leica hat bereits 1996 die digitale Leica S1 auf den Markt gebracht, die eine für damalige Verhältnisse herausragende Aufnahmequalität geboten hat. Die Marktreaktion war aber verhalten.« Danach habe man lange nach einem Partner gesucht, der Leica einen passenden Sensor für Digitalkameras habe liefern können. 2008 sei dieser dann gefunden worden.

Mit neu eingeführten – digitalen – Produkten gelang Leica der Weg aus der Misere. Im Geschäftsjahr 2010/2011 erzielte das Unternehmen mit heute rund 1400 Mitarbeitern ein Rekordergebnis von 36,3 Millionen und einen Umsatz von 248,8 Millionen Euro.

Im Jahr 2012 verabschiedete sich Leica von der Börse und veröffentlicht seitdem keine Zahlen mehr. »Sie können davon ausgehen, wir sind weiter gut gewachsen«, erklärt Alfred Schopf. Das Unternehmen bleibt aber mit seinen hochpreisigen Produkten auf dem asiatisch dominierten Kameramarkt ein Nischenanbieter. Eine Leica, das sei heute ein Liebhaberprodukt, sagt Medien-Professor Günzel.

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