23. Dezember 2017, 16:00 Uhr

Eine Weihnachtsgeschichte

Pfarrer, Rentnerin und vier Flüchtlinge

Ein Pfarrerpaar und eine Rentnerin helfen vier Flüchtlingen, in Deutschland Fuß zu fassen. Dabei schauen sie nicht auf die Religion. Eine Geschichte, die an Weihnachten beginnt.
23. Dezember 2017, 16:00 Uhr
Pfarrer Olaf Lewerenz (v. l.) steht mit Petros aus Eritrea und Rentnerin Heide Hintze, die die Flüchtlinge unterstützt, in der Katharinenkirche in Frankfurt. (Foto: dpa)

Am Anfang war eine Frage: Die Seelsorgerin in der Psychiatrie der Frankfurter Uni-Klinik suchte für einen Nigerianer über Weihnachten eine Herberge und Geborgenheit. Pfarrer Olaf Lewerenz und sein Mann sagten spontan zu. »Wir haben zusammen Weihnachten gefeiert, und dann ist er geblieben«, erinnert sich der Geistliche an die erste Begegnung mit John 2012. Daraus entstand eine intensive, großfamilienähnliche Verbindung. Zu dem Nigerianer kamen drei andere Geflüchtete. Zwei von ihnen – Hamed aus Afghanistan und Petros aus Eritrea – verbrachten mehrere Monate in Lewerenz’ Gemeinde im Kirchenasyl.

 

Unterschiede stören nicht

 

Rentnerin Heide Hintze gehört auch zu der Gruppe: Sie unterstützt die jungen Männer seit dem Weihnachtsfest mit John. »Es gibt Unterschiede in der Sprache, kulturell und bei allem möglichen, aber wir verstehen uns gut«, sagt Lewerenz, der Weihnachten wieder alle eingeladen hat. John studiert inzwischen Jura und hat eine eigene Wohnung. Der 27-Jährige, der aus einer Juristenfamilie stammt, war geflüchtet, als die radikalislamistische Terrororganisation Boko Haram seine Familie entführt hatte, wie Lewerenz berichtet. »Er weiß nicht, was mit ihnen ist.« Sein ehemaliges kleines Zimmer im Gemeindehaus hat er Petros überlassen. Der inzwischen 22-jährige Eritreer wohnt immer noch dort, aber längst nicht mehr im Kirchenasyl. Sein Asylantrag sei inzwischen anerkannt, berichtet Lewerenz.

 

Schwere Traumatisierung

 

Die anderen drei jungen Männer haben diese Klarheit nicht. Johns Asylantrag sei bereits im Flughafen-Schnellverfahren abgelehnt worden, berichtet der Pfarrer. Nach zwei Suizidversuchen sei er in die Psychiatrie gebracht worden. Seither lebe er mit einer Aufenthaltserlaubnis aufgrund schwerer Traumatisierung, die allerdings Ende des Jahres ablaufe. Der Afghane Hamed (21) wurde in seinem Asylverfahren zum ersten Mal im September 2017 angehört – nach rund dreidreiviertel Jahren in Deutschland, wie Hintze berichtet. Das Verfahren ist noch nicht entschieden. Jawid (22), der Hamed in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen kennengelernt hat, sei schon ein gutes Jahr vorher angehört worden. Sein Asylantrag wurde inzwischen abgelehnt, eine Klage dagegen laufe. Die beiden jungen Afghanen haben inzwischen eine Ausbildungsstelle: Hamed als Konfektionsschneider, Jawid als Hotelfachmann.

 

Kirchenasyl war einzige Chance

 

Petros, der kein Wort Deutsch sprach, als er im Sommer 2013 in die Bundesrepublik kam, musste sich lange verstecken. Er sei vor dem Militär, das seinen Vater ermordet habe, mit einem ungarischen Visum in die Niederlande geflüchtet, berichtet er. Nach vier Monaten in Gießen und Frankfurt sollte er erneut abgeschoben werden. »Kirchenasyl war die einzige Lösung«, sagt Petros. »Es musste schnell gehen«, erinnert sich Lewerenz, inzwischen Stadtkirchenpfarrer. Und daran, dass Petros nicht zu Weihnachten, sondern kurz vor Ostern 2014 kam. Fast ein halbes Jahr durfte er die Gemeinderäume nicht verlassen, dann ging sein Asylverfahren an die Bundesrepublik über, das Kirchenasyl war zu Ende. Nach einem einjährigen Praktikum bildet eine Tochter der Deutschen Bahn Petros zum Fachinformatiker für Systemintegration aus.

Manches bereden die jungen Männer am liebsten mit Hintze. Auch über die Pfarrer und ihre Homosexualität hätten sie anfangs mit ihr gesprochen, erzählt die 67-Jährige. »Inzwischen ist das zur Normalität geworden«, sagt Petros.

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