11. Januar 2019, 10:05 Uhr

Die Hundertjährige

100 Jahre Leben: Gisela Distler-Brendel feiert in Hausen Geburtstag

Sie ist Mitbegründerin des Musikpädagogischen Instituts, spielte auf den Bühnen der Welt: Gisela Distler-Brendel. Mit 84 Jahren wurde sie sogar noch Adoptivmutter.
11. Januar 2019, 10:05 Uhr
Gisela Distler-Brendel, im Hintergrund ihr Lieblingsinstrument, das Cembalo. (Foto: pad)

So ganz geheuer ist ihr diese dreistellige Zahl dann doch nicht: »Ich habe einfach so weitergelebt. Jetzt kommt mir diese Zahl 100 merkwürdig vor. Wie eine Grenze, die man überschreitet, von der man nicht weiß, was auf der anderen Seite liegt«, sagte Gisela Distler-Brendel. Immerhin feiert sie heute ihren 100. Geburtstag. Im Stadttheater Gießen haben Distler-Brendels Musikerkollegen eine kleine Überraschung vorbereitet, morgen dann will sie in Kloster Arnsburg mit den Menschen feiern, die in ihrem Leben eine besondere Rolle gespielt haben und noch anwesend sein können.

 

Mit dem Klavier fing alles an

Prägend für ihr Leben war zunächst ihre Familie. Am 11. Januar 1919 wurde Gisela Brendel in Quakenbrück geboren. In Lüneburg wuchs sie auf. Ihr Vater unterrichtete Deutsch und Geschichte an einem Mädchengymnasium und war Mitglied einer expressionistischen Dichter-Gruppe. Ihre Mutter, eine Jüdin, stammte aus Russland und war nach Deutschland gekommen, um Germanistik und Philosophie zu studieren und später zu promovieren. Da verwundert es kaum, dass Gisela Brendel und ihre beiden Schwestern schon früh mit Kunst, Literatur und Malerei in Kontakt kamen.

Im Haus der Brendels wohnte auch eine junge Frau, die Klavierunterricht gab. Das Mädchen war von den Klängen fasziniert, wollte unbedingt auch Klavierspielen lernen. »Das war die Grundlage für meinen späteren Beruf«, sagt sie. Gerne denkt sie an die Zeit zurück, als sie mit ihrem Vater auf dem Instrument musizierte.

 

Heirat erst nach Ende des Nazi-Regimes möglich

Als die Nazis an die Macht kamen, beraubten sie die junge Frau Stück um Stück ihrer Möglichkeiten. »Der Nationalsozialismus bedeutete Verfolgung und Rechtlosigkeit.« Brendels Mutter wurde verfolgt, sie selbst erhielt Berufsverbot, durfte nicht heiraten. Erst nach 1945 wurden sie und ihr Mann Hubertus getraut. Den Geiger hatte sie bei einem Konzertbesuch kennengelernt: »Ich habe ihn gehört, da hat er mir gefallen.« Doch schon kurze Zeit später mussten beide einen schweren Schicksalsschlag verkraften: Der gemeinsame Sohn, ihr einziger, verunglückte im Alter von nur zwei Jahren.

Das Paar spielte gemeinsam und in größeren Ensembles Konzerte im In- und Ausland, feierte mit einem Quartett für Barockmusik Erfolge. Während ein Musikstudium damit für Gisela Distler-Brendel überflüssig geworden war, interessierte sie sich nun für den Zweig der Pädagogik. Sie wurde die erste hauptamtliche Lehrkraft für Musikerziehung an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und baute zusammen mit weiteren Akademikern das Institut für Musikpädagogik und Musikwissenschaften auf.

 

Distler-Brendel: Musiklehrer muss Instrument spielen

Während das Institut heute in einem schönen Gebäude sitzt, begann einst alles in einem bescheidenen Rahmen: »Wir waren in einer Baracke untergebracht.« Ihr Ansatz, dass ein Musiklehrer auch selbst Instrumente spielen können muss, klingt heute selbstverständlich, damals aber war er revolutionär. Für die instrumentale Ausbildung der Studenten musste sie bei der Uni-Leitung kämpfen. 1973 wurde sie zur Professorin berufen und lehrte bis zu ihrer Pensionierung 1985. Ihr Mann verstarb bereits 1972.

Musik aber blieb auch weiter ihr Leben. Mit Künstlern des Stadttheaters (heute philharmonisches Orchester) bildete Gisela Distler-Brendel ein Ensemble und spielte Konzerte. Außerdem nutzte sie die nun gewonnene Freizeit für Reisen quer durch Europa, »von Schottland bis Estland, von Griechenland bis in den hohen Norden. Daran denke ich noch heute.« Die Fotoalben aus dieser Zeit sind ihre besonderen Schätze, ebenso wie das Cembalo. Noch immer spielt sie gerne auf dem Instrument, auch wenn mittlerweile manchmal die Finger nicht mehr ganz so mitmachen wollen. Seit einem schweren Sturz vor drei Jahren ist sie gehbehindert, »ohne das hätte ich eigentlich keinen Grund zur Klage«.

 

Enkel bereiten Jubilarin große Freude

Sie mag neue Literatur, hört gerne Musik, besonders von Bach und Schubert, und verfolgt noch immer in der Gießener Allgemeinen Zeitung und den Fernsehnachrichten »mit großem Interesse, aber auch Zorn und Sorgen die Ereignisse in Politik und Umwelt«.

Fit hält sie auch der Kontakt mit jungen Menschen: 2001 etwa lernt sie eine junge Afghanin kennen, die vor den Taliban aus der Heimat geflüchtet war. Die Freundschaft zu dem Mädchen wurde so eng, dass Gisela Distler-Brendel sie kurzerhand 2004 adoptiert. Die junge Frau hat mittlerweile geheiratet und ist Mutter von zwei Mädchen und einem Jungen. Mindestens einmal im Monat kommt die Familie zu Besuch in Hausen vorbei. »Dann ist Oma Gisela von Dankbarkeit und Freude erfüllt«, sagt die Jubilarin lächelnd. Eines möchte sich die 100-Jährige darum auch nach ihrem Geburtstag nicht verbieten lassen: Das Spielen mit ihren Enkeln. Da ist es egal, ob auf dem Karton des Memoryspiels als Altersangabe »6 bis 99 Jahre« steht.

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