27. Dezember 2017, 05:00 Uhr

»von oben«

Darum ist Langd das Mekka der Geologen

Ein alter Steinbruch, ein historischer Brunnen und Geologie-Studenten, die aus ganz Europa nach Langd kommen. Was den Hungener Stadtteil ausmacht, lesen Sie in unserer Serie "von oben".
27. Dezember 2017, 05:00 Uhr
Von Wald und Feldern umgeben liegt das ehemalige Bauerndorf Langd im Südosten des Landkreises Gießen. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Einst soll Kaiser Barbarossa an dem Dorf vorbeigekommen sein, ein Brunnen trägt deshalb seinen Namen. Heute sind es Geologie-Studenten aus ganz Europa, die es in den Hungener Stadtteil zieht. Nicht wegen der ehemaligen Wasserquelle, sondern wegen des alten Steinbruchs. Die Rede ist von Langd. Jenem 756-Seelen-Ort im Südosten des Landkreises, den unser Luftfotograf Manfred Henß für den heutigen Teil der Serie »von oben« in den Fokus genommen hat. Ein Dorf wie viele andere – und doch auf seine Weise besonders.



Beispielsweise wegen des Barbarossa-Brunnens. Wie dieser zu seinem Namen kam? Der Sage nach hatte Friedrich I. bei einer Jagd in den Wäldern des Vogelsberges sein Gefolge verloren und sich in die Gegend von Langd verirrt. Dort traf er auf einen Bauern, der ihm einen Holzbecher reichte, den er aus einer versteckten Quelle gefüllt hatte.

Da Langd sehr arm war – noch bis zum Zweiten Weltkrieg überwiegend ein Bauerndorf – soll ihm der »Rotbart« zum Dank für zehn Jahre den Zehnten erlassen haben. Wer diese und andere Geschichten über Langd erfahren möchte, wendet sich an Reinhold Dörr. Der 81-Jährige ist dort aufgewachsen und weiß viel zu erzählen.

 

Wo der Uhu zuhause ist

Auch über eine weitere Besonderheit im Hungener Stadtteil, den alten Steinbruch. Hier kommen alljährlich Geologie-Studenten hin, um sich die einmaligen Sedimentschichten anzuschauen, die dort zu sehen sind. Sie zeigen den Aufbau dieses Kraterausläufers des Vogelsbergs und geben Einblicke in die vulkanische Geschichte der Region.

Der Uhu, Symbol für die Artenvielfalt in stillgelegten Steinbrüchen, ist seit 1999 Brutvogel dort. Ein Grund dafür, dass der NABU Hessen den Steinbruch 2005 erwarb. Anfang der 1970er Jahre war er geschlossen worden, nachdem man dort jahrzehntelang Basalt abgebaut hatte. Vorher, so nimmt man an, geschah dies auf dem sogenannten »Köppel«. Das Gestein ist heute noch kennzeichnend für die Mehrzahl der historischen Gebäude im alten Ortskern, beispielsweise das Haus des Ortsvorstehers.

 

Treffpunkt »Birke«

Mutmaßlich auch aus Bruchsteinen errichtet wurde die Gastwirtschaft »Zur Birke«. Eröffnet 1858 von Otto Sann, dem Urgroßvater von Erwin Becker, dessen Frau – mittlerweile 90 Jahre alt – die Türen der Wirtschaft immer noch für Stammkunden öffnet. Jeden Donnerstag für die Kartenspieler. Früher spielte sich dort das gesellige Dorfleben ab. Genauer gesagt im großen Saal mit Bühne, den Otto Sann um 1900 an die Gastwirtschaft anbauen ließ. Hier fanden sich auch eine Kegelbahn und ein Kino. Theater- und Tanzabende wurden abgehalten, Fasching und Kirmes gefeiert.

Letztere geht seit Ende der 1970er Jahre zwar auf dem Festplatz über die Bühne, aber – der Tradition folgend – an vier Tagen Mitte Juli. Verantwortlich zeichnen die Vereine, allen voran Feuerwehr und Sportler. »Die Vereinsgemeinschaft hier funktioniert. Der Zusammenhalt ist gut«, sagt Dirk Müssig, ebenfalls gebürtiger Langder und seit 2011 Ortsvorsteher. Auch der Nachwuchs packt mit an, beispielsweise jene rund 20 Mädchen und Jungen, die regelmäßig das Jugendzentrum besuchen. Sie halten den Grillplatz in Ordnung und kümmern sich um dessen Vermietung. »In diesem Jahr haben sie sogar das Dorfgemeinschaftshaus gestrichen«, lobt Müssig.

 

Neues Leben in altem Kornspeicher

Womit das Dorf nicht aufwarten kann - und da stellt es im ländlichen Raum keine Ausnahme dar – ist eine ordentliche Nahversorgung. Bäcker, Metzger oder Einkaufsmarkt gibt es in Langd ebenso wenig mehr wie ein Kreditinstitut, einen Arzt oder eine Apotheke. Dafür aber ein Museum.

Betrieben wird es von Reinhold Dörr in der Hiesbach 23. Dort, wo der Ur-Ur-Großvater seiner Frau 1850 eine Schusterwerkstatt eröffnete. Als Dörr 1997 in Rente ging – er war Bauhofleiter in Hungen – arrangierte der Senior nicht nur die ehemalige Wirkungsstätte zum Museum um. Er baute auch den alten Kornspeicher zum Präsentationsraum aus. Dort zeigt der frühere Stadtbrandinspektor heute alte landwirtschaftliche Geräte, gesammelte Werke der Feuerwehr, Festbücher und vieles mehr, das an frühere Zeiten erinnert.

Noch etwas Besonderes verbindet sich mit Langd, konkret mit seinem Namen. Erstmals urkundlich erwähnt im Jahr 1242 als Lank, danach erschien es unter den Namen Langete, Oberlangd und Niederlangd. Heißt konkret: Es gab eine Zeit, da bestand der Ort aus zwei dicht beieinander liegenden Teilen. Während Niederlangd als das heutige Langd weiter besteht, wurde Oberlangd im 16. Jahrhundert zur Wüstung.

 

Serie »von oben«

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die unser Luftfotograf Manfred Henß aus aufgenommen hat. Sie, liebe Leserinnen und Leser, erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive. Die bisher veröffentlichten Beiträge und ein Portrait über Henß sind im Internet unter www.giessener-allgemeine.de zu finden.

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