Kinokritik

»Die Flügel der Menschen« – entspannend

Für einen entspannten Kinobesuch zum Jahresende oder Jahresanfang rät unser Kinokritiker Sascha Jouini zu diesem Film.
29. Dezember 2017, 20:38 Uhr
Filmszene. (Foto: Neue Visionen Filmverleih (Neue Visionen Filmverleih))

Erhabenheit verströmt die weite kirgisische Gebirgslandschaft, davor wirken die Bewohner klein und machtlos. Zentaur (Aktan Arym Kubat), einer der Dorfleute, trauert einer Zeit nach, in der die Menschen noch miteinander vereint und zum Teilen bereit waren. Sein Groll richtet sich gegen Oligarchen: Aus seiner Sicht häufen diese blind Reichtümer an und zerstören die Umwelt. So entspringt es seinem Gerechtigkeitsempfinden, teure Rennpferde freizulassen. Pikanterweise ist unter den Wirtschaftsmagnaten, auf die er es abgesehen hat, ausgerechnet sein Cousin Karabay (Bolot Tentimyshov).

Tradition trifft Moderne

Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Aktan Arym Kubat beleuchtet in seinem Drama inspiriert eine Welt, in der Tradition und Moderne aufeinanderprallen und unterschiedliche religiöse Haltungen wie Wertvorstellungen Konflikte auslösen. Vom thematischen Kern, aber auch hinsichtlich der ausgefeilten Landschaftsaufnahmen, erinnert das Drama grob an den kirgisischen Film »Nomaden des Himmels«, der vor eineinhalb Jahren in den Kinos lief. Hier wie dort kann man sich der ruhigen Kraft der Bilder kaum entziehen, dabei rücken jeweils Brauchtümer in den Fokus, die unwiederbringlich verloren zu gehen drohen.

Nach einem Sprichwort sind Pferde die Flügel der Menschen. Außerdem birgt die Namensgebung tiefere Symbolik, ist Zentaur in der griechischen Mythologie doch ein Mischwesen aus Pferd und Mensch. Die Faszination des Mittfünfzigers für die Unpaarhufer zeigt sich schon allein darin, dass er seinem Sohn Nurberdi alte Mythen über die Tiere erzählt. Bereits fünf Jahre alt, spricht Nurberdi noch kaum. Seine Mutter Maripa (Zarema Asanalieva) ist taubstumm. Die Ehe mit der hübschen Frau erfüllt Zentaur nicht, weshalb er mit der Verkäuferin Sharapat (Taalaikan Abazova) flirtet.

Dem Protagonisten steht Pferdedieb Sadyr (Ilim Kalmuratov) gegenüber, dem es nur ums Geld geht. Ihn setzen die Oligarchen ein, um den Täter in eine Falle zu locken. Im weiteren Verlauf nimmt die bis zum Schluss fesselnde Geschichte tragische Wendungen.

Bis ins Detail mutet das sehenswerte Drama durchdacht inszeniert an. Besonders gefällt die Reminiszenz an Zentaurs Tätigkeit als Filmvorführer in einem Saal, der nun als Moschee dient. Im Ganzen haftet der Geschichte eine auf andere Gesellschaften übertragbare, zum Nachdenken anregende moralische Dimension an.

»Die Flügel der Menschen« läuft in der Region bis kommenden Mittwoch, jeweils um 19 Uhr, nur im Licher »Traumstern«. Die animierende Programmzusammenstellung der Kinobetreiber beeindruckt schon beim Vorfilm »The art of flying«, der mit virtuosen Flugformationen eines in den Niederlanden aufgenommenen Starenschwarms zum beschaulichen Sujet hinführt.

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