Straßenkarneval

Dieser Frosch muss ein wahrer Narr sein

Fastnachtsdienstag erreicht der Straßenkarneval auch in Freienseen seinen Höhepunkt. Mit der 50. Auflage zählt der Zug zu den ältesten weit und breit. Immer vorneweg: ein Frosch.
07. Februar 2018, 10:00 Uhr
Seit einem halben Jahrhundert immer vorneweg: Der Frosch, Wappentier des Dörfchens im Seenbachtal, führt seit jeher den Freienseener Faststnachtszug an. (Fotos: pm)

Als Nachfolger von Horst Bastian wurde Jürgen Uhl vor 16 Jahren Zugmarschall. Ein wichtiges Amt, wenn es um das Narrentum in Freienseen geht. Seit 1972 gehört der Ort zur Stadt Laubach. Mehr oder weniger freiwillig, und das nicht ohne Grund: Als Laubachs Grafen noch das Sagen hatten, suchten sie dem Freien Reichsdorf das Wasser abzugraben. Lang ist’s her, doch blitzt der Zwist hin und wieder auf, erst recht in der fünften Jahreszeit.

Auch jetzt, da Jürgen Uhl von den Anfängen des Straßenkarnevals in dem 800-Seelen-Ort erzählt. »Bis vor wenigen Jahren«, scherzt er »ließen die Laubacher ihren Zug wie wir am Fastnachtsdienstag laufen. Dann haben sie aufgegeben, sind auf den Samstag ausgewichen«. Mit am Tisch im Hause Uhl sitzt Renate Hofmann (76). Auch sie ein Urgestein der hiesigen Fastnacht, vor allem aber war sie es, die vor 50 Jahren den ersten Umzug aufs Gleis gesetzt hat.

 

Freienseener sind »die Freäsch«

Beim Blick auf alte Fotos fällt er dann erstmals ins Auge: ein großer grüner Frosch. »Der zieht bei uns immer vorneweg«, klärt Hofmann auf. Kein Wunder, heißen die Freienseener im Volksmund doch »die Freäsch«. Wie das? Der Sage nach haben sie vor bald 1000 Jahren Kaiser Barbarossa eine ruhige Nacht beschert, der den Lärm der Frösche im nahen Teich partout nicht abkonnte. Die Bewohner, gar nicht müde, vertrieben die Tiere mit Dreschflegeln. Zum Dank soll der »Rotbart« ihre Siedlung zum Freien Reichsdorf erhoben haben.

 
Fotostrecke: Straßenkarneval in Freienseen

Etwas später dann, Ende der 1960er, kam der Frosch als Gallionsfigur zu neuen Ehren. Zu verdanken hat er dies Renate Hofmann und ihren Mitstreiterinnen aus der Gymnastikgruppe. Wie bereits zuvor bei Maskenbällen oder Fremdensitzungen zu erleben, waren die längst vom närrischen Bazillus infiziert.

Jetzt also setzten sie noch einen drauf und begründeten Freienseens Zugtradition. Gewissermaßen eine Weiterentwicklung des alten Brauchs des »Plätscherns«: Stets an Fastnacht zogen maskierte Jugendliche durchs Dorf, machten mit Schweinsblasen, gefüllt mit Erbsen, höllischen Lärm und erschreckten die Kinder. Darum ging es Renate Hofmann, Irene Bastian, Gerda Riedel oder Hannelore Jung natürlich nicht, sondern einzig um den Spaß.

 

Größer von Jahr zu Jahr

»Wir haben alles selbst gemacht«, blickt Hofmann zurück. Nicht nur, wie Mann annehmen könnte, die Kostüme und Masken: Nein, mit Hammer und Säge verwandelten die handwerklich begabten Frauen einen Heu- zum Motivwagen. Klar, dass auch eine Frau den »Bulldog« steuerte. Die Freienseener staunten und riefen: »Guck, die närrischen Weiber kommen.«

 

Wir haben alles selbst gemacht, auch den Wagenbau

Renate Hofmann

Der Anfang also war gemacht und fiel auf fruchtbaren Boden. Der närrische Lindwurm, im Jahr eins eher ein Fortsatz, wuchs und gedieh, wurde von Jahr zu Jahr länger. Vereine und private Grüppchen schlossen sich an. Sogar von außerhalb: »Aus Lardenbach oder Gonterskirchen kamen die ersten«, erinnert sich der 65-jährige Zugmarschall. Schließlich übernahm der TSV als größter Ortsverein die Organisation – die Gymnastikdamen durften sich fortan ganz aufs Feiern konzentrieren.



Immer ein Hingucker waren und sind die zahlreichen Fußgruppen, oft einem Motto gemäß kostümiert. Die Motivwagen griffen meist das Dorfgeschehen auf. Etwa das Missgeschick einer Geburtstagsgesellschaft, die nicht ganz freiwillig ein Bad im Seenbach nahm. Selten nur sind politische Themen aufs Tapet gekommen. Und wenn, dann ohne die deftig-harsche Kritik der großen Rosenmontagszüge. Die Eingemeindung nach Laubach, die Dorfschule oder die Windkraftpläne stehen für diese moderaten Töne. Der heftige Streit um die Zwangsarbeiterbaracke in 1990ern bildete da die einzige Ausnahme.

 

Kamelle statt Kondome

Besonders aufwendig gestaltet werden bis heute die Prinzenwagen. Mal grüßten die Tollitäten aus einer (Frosch-)Königskrone, mal aus einem riesigen Obstkorb. Geändert aber hat sich das ganze andere Drumherum: Die Musik kam früher aus Instrumenten, aus dröhnenden Lautsprechern nicht.

Für die Kinder gab’s ausschließlich Kamelle. Nicht, wie heute oft beklagt und für diese Zielgruppe eher weniger brauchbar, Werbeflyer, Schnapsfläschchen oder Kondome. Die Freienseener versuchen das zu vermeiden, doch weiß auch Uhl um die gestiegenen Ansprüche. Entsprechend steigen die Kosten, zwischen 350 und 400 Euro fließen heute in Bonbons, Erdnussflips et cetera.

Doch das ficht weder die Mitbegünderin noch denn Zugmarschall an, und so wird es wohl auch die nächsten 50 Jahre in dem Seenbachtaldorf heißen: »Uffgepasst, de Zuch kimmt!«

Info

Einmal »Hessens größter Zug«

Seine größte Ausdehnung sollte der Freienseener Fastnachtszug bei der 44. Auflage erfahren. »Damals waren wir mit bald 50 Nummern sogar Hessens größter Zug«, erinnert sich Zugmarschall Jürgen Uhl. Um doch auf Nachfrage einzuräumen »...bezogen auf die Einwohnerzahl.« Zuletzt hat sich die Zahl der Zugnummern um die 35 eingependelt.

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