Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz, in dem die Nazis etwa 1,1 Millionen Menschen umgebracht haben, von der Roten Armee befreit. Die UN hat den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts bestimmt. Darauf machte nun Hartmut Roeschen, Lehrer an der Gesamtschule Hungen (Gesahu), Pennäler des Jahrgangs 12 und 13 aufmerksam. Anlass bot die folgende außergewöhnliche Schulstunde: Igal Avidan las aus seinem Werk »Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete«.

Noch mehr als die Lesung aber fesselte Avidan die Jugendlichen mit einer fast unglaublichen Geschichte: In der Zeit der Nazi-Diktatur hatte ein arabisch-muslimischer Arzt – neben anderen – die Berliner Jüdin Anna Boros gerettet. 2013 wurde Dr. Mohamed (Mod) Helmy als »Gerechter unter den Völkern« gewürdigt. Somit wurde er der erste Araber, an dessen Wirken in der Gedenkstätte Yad Yashem erinnert wird.

70 Jahre nach Kriegsende hat der jüdische Schriftsteller und Journalist Igal Avidan das Geschehen mit unglaublichem Aufwand recherchiert, die Ergebnisse in Buchform veröffentlicht. Anna Boros, so hieß die Jüdin, war in den 30ern mit den Eltern aus Rumänien nach Berlin gekommen, wo sie bald Ausgrenzung und Verfolgung erleiden sollte. Ihre Mutter hatte 1929 einen Deutschen geheiratet, was jedoch nur kurze Zeit einen gewissen Schutz vor Verfolgung bot. Anna besuchte zunächst die Volksschule, die sie aber im November 1938 verlassen musste – ein Nazi-Gesetz versperrte Juden den Zugang zu deutschen Schulen. Von 1939 bis 1940 war sie zu Hause, auch jüdische Schulen waren geschlossen worden. Täglich erlebte Anna nun die Schikanen, den alltäglichen Rassismus: Juden mussten den gelben Stern tragen, jüdische Vornamen annehmen, um nur zwei Beispiele der Demütigungen zu nennen. Annas Mutter wurde einmal beim Einkaufen kontrolliert und bestraft. Begründung: Sie war um 8.40 Uhr auf dem Markt, der für Juden erst ab 12 Uhr geöffnet war, um dann das zu erstehen, was übrig geblieben war. Anna floh schließlich in den kleinen Ort Buch nahe der Hauptstadt. Als »arabische Nichte« des ägyptischen Arztes Mod Helmy getarnt, fand sie hier Unterschlupf.

Ihr Retter entstammte einer reichen ägyptischen Offiziersfamilie, hatte an der Humboldt Universität Medizin studiert. Nach dem Abschluss arbeitete er als Arzt im Krankenhaus Moabit, war dort der einzige Araber in einer Ärzteschaft, die zu 70 Prozent jüdisch war. Wie Avidan recherchierte, erregte der dunkelhäutige Kollege bei seinen Kollegen Missfallen. Die fanden es »unerhört, dass ein schwarzer Urologe blonde Frauen behandeln darf«. Ironie der Geschichte: Später, unter den Nazis, musste Helmy das Krankenhaus verlassen, da er sich negativ über Hitler, Himmler und die Nazi-Clique geäußert habe.

Wer im Untergrund lebte, hatte keine Lebensmittelmarken, zudem war alles rationiert. Das, so machte der Autor den Schülern klar, habe es zusätzlich erschwert, Schutzsuchende zu versorgen.

1943 konvertierte Anna zum Islam, um einen Moslem zu heiraten und die jüdische Abstammung zu kaschieren. Am Ende aber wurde es für sie doch noch einmal eng: Ihre Mutter hatte sich verplappert, das Versteck verraten. Helmy, der noch weiteren Juden das Überleben im Versteck ermöglichte, wurde von der Gestapo vorgeladen, kam ins Gefängnis. Am 21. April 1945 standen die russischen Panzer vor der Tür, und nochmals waren dramatische Situationen zu überstehen, da Rotarmisten Jagd auf Frauen machten. Anders als Millionen Juden jedoch überlebten Anna und ihr Retter.

Es seien sehr aufwendige Recherchen gewesen, berichtete Avidan auf Fragen der Schüler. Über 1000 Dokumente und Akten habe er eingesehen, dabei auf die Unterstützung zweiter Historiker bauen können.

(Foto: kjg)

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