05. August 2018, 15:00 Uhr

Gewalttat

Gewalttat in Gonterskirchen vor Gericht - Experte im Interview: »Wir tappen im Dunkeln«

Nach einem brutalen Überfall in Laubach stehen ab Dienstag fünf Männer wegen Mordes vor Gericht. Ein Experte erklärt, warum der Prozess nichts gegen die organisierte Kriminalität ausrichten wird.
05. August 2018, 15:00 Uhr
Ab kommenden Dienstag soll ein Gerichtsverfahren klären, wie es im November in diesem Haus in Gonterskirchen zu einem Mord und einer Brandstiftung gekommen ist. (Foto: srs)

Ein Mammutprozess beginnt am kommenden Dienstag am Gießener Landgericht: Fünf Männer stehen nach einem brutalen Überfall im November in Gonterskirchen vor Gericht, 113 Zeugen sind geladen. Ein 57-Jähriger wurde damals getötet, sein Haus angezündet. Drogengeschäfte im großen Stil sollen der Hintergrund der Gewalttat sein. Der Rechtswissenschaftler Arndt Sinn erklärt im Interview, warum der Prozess nichts gegen die organisierte Kriminalität ausrichten wird.

+++ Lesen Sie auch: Anklage im Laubacher Mordfall: Hintergründe werden bekannt +++

Ist der Fall in Gonterskirchen aus Ihrer Sicht ungewöhnlich für ein Verbrechen der organisierten Kriminalität?

Prof. Arndt Sinn : Die organisierte Kriminalität versucht, Aufsehen zu vermeiden. Sie handelt mit Drogen, Waffen, Menschen, Arzneimitteln – kurz: mit allem, womit man Geld verdienen kann. Wenn man Aufsehen erregt, indem man Menschen umbringt oder Häuser anzündet, kommen ihnen Strafverfolgungsbehörden auf die Spur. Wir kennen die Mafia-Morde in Duisburg, es passiert immer mal etwas. Wenn es sich in Gonterskirchen um ein Verbrechen der organisierten Kriminalität handeln sollte, ist dieses Gewaltpotential ungewöhnlich.

Die Brutalität ist ungewöhnlich. Denn Gewalt schadet kriminellen Geschäften

Prof. Arndt Sinn

Weil es für die kriminellen Geschäfte schädlich ist.

Sinn: Eben. Deshalb spielen in Gonterskirchen möglicherweise Hintergründe eine Rolle, die wir gar nicht absehen können, die tiefer gehen als nur ein fehlender Geldkoffer oder ein Drogenpaket.

Arndt Sinn ist Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Osnabrück. Sinn, der in Gießen an der Justus-Liebig-Universität promoviert und habilitiert hat, gilt bundesweit als einer der führenden Experten in der Erforschung der organisierten Kriminalität.(Foto: pm)
Arndt Sinn ist Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Osnabrück. Sinn, der ...

Sie meinen persönliche Gründe?

Sinn: Es können auch Marktgründe sein. Wenn sich im Drogengeschäft bestimmte Gruppierungen ins Gehege kommen, kann es zu sehr gewalttätigen Verhaltensweisen kommen. Die Gruppierungen versuchen dann, die marktbeherrschende Stellung zu behalten oder neue Märkte zu erobern.

Das Opfer in Gonterskirchen soll Drogengeschäfte in großem Stil getätigt haben. Ist es typisch, dass Drahtzieher der organisierten Kriminalität zurückgezogen in kleinen Dörfern leben?

Sinn: Ich kann ihnen nicht sagen, wo und wie sie leben. Wahrscheinlich sitzen viele der Hintermänner im Ausland. Wir wissen wenig über die organisierte Kriminalität in Deutschland. Seit dem 11. September 2001 und weiteren Anschlägen stecken die Ermittlungsbehörden extrem viele Ressourcen in die Terrorismusprävention. Das ist völlig gerechtfertigt. Aber es gibt zu wenige Ermittlungen über die Strukturen der organisierten Kriminalität. Jedes Jahr gibt das Bundeskriminalamt ein polizeiliches Lagebild heraus, stabil ist da immer von 570, 580 Gruppierungen in Deutschland die Rede. Da ändert sich kaum etwas dran, weil man nicht tiefer einsteigt.

 

 

600 kriminelle Gruppierungen in Deutschland

 

Könnte eine Gerichtsverhandlung wie jetzt zum Fall in Gonterskirchen dazu beitragen, tiefer einzutauchen?

Sinn: Könnte? Ja. Das wird aber nicht passieren. Weil das Gericht einen Fall aufzuklären hat: Es geht zum Beispiel um Mord, Brandstiftung. Das Gericht wird nicht die Täterstruktur dahinter aufklären. Die Gerichte scheuen sich, zur Mitgliedschaft in kriminellen Vereinigungen zu verhandeln, weil es unglaublich viel Aufwand macht. Ich bin ein großer Kritiker dieser Praxis. Auch bei den Gerichten sind in dieser Richtung zu wenig Ressourcen vorhanden. Das müssen wir uns aber leisten können.

Was wissen wir über die knapp 600 Gruppierungen in Deutschland?

Sinn: Nicht viel. Sie sind multinational zusammengesetzt, wobei deutsche Täter dominieren. Wenn Sie im Bereich der Wirtschaftskriminalität agieren wollen, dann müssen sie eben die Sprache und die kulturellen Rahmenbedingungen kennen.

+++Artikel aus dem November 2017: Details zur Gewalttat in Laubach+++

Spielen Rockerbanden wie die Hells Angels eine zentrale Rolle?

Sinn: Die Rockerkriminalität fällt auf, man sieht sie. Über Wirtschaftskriminalität aber will kaum jemand reden, da haben wir auch Strukturen der organisierten Kriminalität, zum Beispiel im Bereich von Umsatzsteuer- und Subventionsbetrügereien.

Alle Angeklagten im Gonterskirchener Fall sind marokkanische Staatsbürger. Könnte die marokkanische Mafia dahinterstecken?

Sinn: Das kann man nicht unmittelbar schließen. Man könnte genauso sagen, dass da eine Gruppierung für Dienste aus dem Dark-Net angeheuert wurde und das Geld über Bitcoins bezahlt wurde. Das ist Kaffeesatzleserei, da will ich mich zurückhalten.

Kurioserweise sind die Täter mit einem Mietwagen stecken geblieben und mussten ein anderes Fluchtauto suchen. Daher wurden zwei Verdächtige gefasst. Wie professionell sind Täter in solchen Kreisen?

Sinn: Wir dürfen uns die organisierte Kriminalität nicht immer so vorstellen, dass das die größten Denker sind. Sie sind sicher sehr kreativ. Einige Leute machen die Drecksarbeit.

 

 

Wer gefälschte Handtaschen kauft, unterstützt organisierte Kriminalität

 

Wie tief ist organisierte Kriminalität in unserer Gesellschaft verankert?

Sinn: Sehr tief. Weil sie unsere Strukturen ausnutzt, um Geld zu verdienen. Das ganze Banken- und Finanzkreislaufsystem wird missbraucht, um Geld zu waschen. Und die Täter der organisierten Kriminalität geben ihr Geld irgendwann auch aus, für Immobilien, Autos Restaurants. Wir tragen dann als Kunden selbst dazu bei, das schmutzige Geld reinzuwaschen.

Und die Bevölkerung ist meist ahnungslos.

Sinn: Ja, teilweise naiv. Jeder, der am spanischen Strand, in Italien oder am Naschmarkt von Wien gefälschte Uhren oder Handtaschen kauft, unterstützt organisierte Kriminalität. Wer gefälschte Arzneimittel im Internet kauft, unterstützt sie. Kriminalpolitisch ist derzeit zudem alles wichtiger. Vor allem Terrorismus und Cyber-Crime stehen auf der Agenda. Natürlich ist das wichtig. Aber die organisierte Kriminalität reibt sich die Hände und sagt: Macht mal, wir verdienen unser Geld weiter.

Wieviel Prozent der Bevölkerung macht denn die organisierte Kriminalität aus?

Sinn: Das kann man nicht genau sagen. In Deutschland sind es nach dem jüngsten Lagebild des Bundeskriminalamts rund 8300 Personen.

Wie bekämpft man die organisierte Kriminalität?

Sinn: Nötig sind Strukturermittlungen. Das heißt, es muss untersucht werden, welche Personen in welchen Netzwerken verbunden sind. Was ändert sich schon, wenn man 100 Kilogramm Kokain aus der Elbe zieht? Nichts. Für die organisierte Kriminalität ist es ein Verlust, klar. Dann müssen die eben zwei Wochen länger auf den Lamborghini warten. Wir müssen wissen, wer dahinter steckt. Wenn wir uns das nicht leisten, wird das unsere Gesellschaft langfristig schädigen. Ermittler müssen international zusammenarbeiten. Und wie in Gonterskirchen machen Täter auch Fehler, es gibt Schwachstellen. Im Gerichtsverfahren werden die Taten möglicherweise aufgeklärt. Das gibt natürlich Genugtuung, Aber nicht mehr. Nach dem Urteil tappen wir weiter im Dunkeln.

 

Arndt Sinn ist Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Osnabrück. Sinn, der in Gießen an der Justus-Liebig-Universität promoviert und habilitiert hat, gilt bundesweit als einer der führenden Experten in der Erforschung der organisierten Kriminalität.

 

Info

Chronologie der Ereignisse

Dienstag 28. November, 21.30 Uhr: Eine Gruppe von sechs vermummten Männern passt vor einem Haus in Gonterskirchen am Heiligenstock einen 57 Jahre alten Deutschen und eine 59-jährige Spanierin ab. Das Gebäude stand die letzten zwei Jahre leer, das Paar hielt sich dort zeitweise auf.

Die folgenden vier Stunden: Das Haus wird durchwühlt, Geld und Wertsachen gefordert. Das Paar wird geschlagen.

Mittwoch 29. November, 1 Uhr: Das Gebäude wird in Brand gesetzt. Nachbarn des Hauses verständigen Polizei und Feuerwehr. Die Spanierin wird mit Hilfe der Nachbarn über ein Fenster befreit. Feuerwehrleute finden bei den Löscharbeiten den verkohlten Leichnam des 57-Jährigen.

Mittwoch, 29. November, abends: Zwei Männer, 30 und 37 Jahre alt, werden von der Polizei in Friedrichsdorf festgenommen.

Die folgenden Monate: Drei weitere Männer werden aufgrund von europäischen Haftbefehlen in Spanien, den Niederlanden und Belgien festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Zwei von ihnen haben die Tat teilweise eingeräumt. Alle haben die marokkanische Staatsbürgerschaft.

April 2018: Die Staatsanwaltschaft Gießen erhebt Anklage gegen fünf Männer.

Dienstag, 7. August, 9 Uhr: Das Gerichtsverfahren beginnt am Gießener Landgericht. Es dürfte ein Mammutprozess werden. 113 Zeugen sind geladen.

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