30. Dezember 2017, 10:00 Uhr

Disko-Serie

Graf Zeppelin: Luftschiff mit Party-Garantie

Anders als die Geschichtsschreibung vermuten lässt, startete die Graf Zeppelin ihre wilde Reise in Buseck. 15 Jahre lang bis Mitte der 90er war sie eine der angesagtesten Diskos im Landkreis. Für heiße Party-Nächte sorgten Paul und die »Hektix«.
30. Dezember 2017, 10:00 Uhr
Wie eine Familie: Paul Strauch (r.) und sein Team.

Disko

In den 70er und 80er boomten Diskotheken. Viele der legendären Tanztempel gibt es längst nicht mehr. In unserer Serie »Saturday Night Fever« öffnen wir noch einmal die Türen.

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Disko-Kugeln und bunte Spots über der Tanzfläche. Dahinter das DJ-Pult. Ganz links zwischen den Toiletten die Theke. Wer den ehemalige Graf Zeppelin heute betritt, fühlt sich in Jugendzeiten zurückversetzt, gewinnt den Eindruck, als hätte das »Luftschiff« tags zuvor erst abgehoben. Einzig die rustikalen Tische, Bänke und Stühle wurden durch schicke Sitzgelegenheiten ersetzt, die alten Lampen durch moderne Leuchten. Denn seit dem letzten offiziellen »Flug« sind viele Jahre vergangen. Der ehemalige Disko-Chef betreibt hier heute das Tanzcafé Magic. Seine Gäste sind meist 50 Jahre und älter, die Partys nicht mehr so wild wie früher.

Die Bude fünf Tage die Woche brechend

Paul Strauch, Inhaber

Paul Strauch und sein Bruder »Hektix«, die eigentlich Peter und Dieter heißen, eröffneten am 15. November 1980 einen Jugendtreff in Großen-Buseck. Es war die Geburtsstunde des Graf Zeppelin. Die beiden Gießener, der eine KfZ-Mechaniker, der andere Nachrichtentechniker, erfüllten sich mit der Location im alten Ortskern einen Lebenstraum. »Wir wollten unbedingt eine Disko aufmachen«, sagt Paul Strauch. Das Angebot kam an, fortan war »die Bude fünf Tage die Woche brechend voll«, erinnert er sich. Egal ob Rock-, Beat- oder – immer montags – Videoabend. Das Problem: Die Räumlichkeiten waren nicht für die Besuchermengen ausgelegt, geschweige denn genügend Parkplätze vorhanden.

 

Nachbarn erstatten Anzeige

Ohne Cool & The Gang, Depeche Mode oder die Neue Deutsche Welle vergeht kein Abend, wenn Paul Strauch auflegt.
Ohne Cool & The Gang, Depeche Mode oder die Neue Deutsche Welle vergeht kein Abend, wenn P...

Die Anwohner hatten bald genug von röhrenden Motoren und Heranwachsenden, die sich nicht im Griff hatten, nachts auf die Straße erbrachen und in Kellerfenster urinierten. Sie erstatteten Anzeige. »Aus heutiger Sicht kann ich das gut verstehen«, sagt Strauch, der mittlerweile auch älter und ruhiger geworden ist. Mehrfach war der Graf Zeppelin Verhandlungsgegenstand vor Gericht, und letztlich mussten die Strauch-Brüder gehen.

»Zum Glück war uns der damalige Bürgermeister Helmut Hofmann wohlgesonnen«, sagt der 58-Jährige. Paul Strauch erhielt von der Gemeinde ein 5000 Quadratmeter großes Grundstück im Industriegebiet, baute ein Wohnhaus mit angrenzender Diskothek und eröffnete am 11. November 1985 den Graf Zeppelin II – weit weg von Menschen, die ihren Schlaf haben wollten und mit ausreichend Parkplätzen vor der Tür.



Dem Erfolg tat der Umzug keinen Abbruch. Mehrfach die Woche hob das Luftschiff, mit »Kapitän« Strauch am DJ-Pult ab. Cool & The Gang, Stevie B., Barry White, aber auch Depeche Mode und die Neue Deutsche Welle waren immer mit an Bord – außer, sein Bruder legte Rockmusik auf, was einmal pro Woche geschah. »Das Ding hat gebrummt wie verrückt«, sagt Strauch. »Paul und Hektix« – immer selbst mitten im Geschehen – waren der Garant für den Erfolg, ebenso wie das Personal, das den Brüdern über Jahre treu blieb.

 

hr-Moderator als DJ in Buseck

Immer auf Tuchfühlung mit den Stammgästen, wie hier DJ »Hektix« beim Rockabend, der Bruder von Paul Strauch.
Immer auf Tuchfühlung mit den Stammgästen, wie hier DJ »Hektix« beim Rockabend, der Bruder...

»Am Wochenende sind hier abends 800 Leute durchmarschiert«, sagt der Geschäftsmann, der mittlerweile 37 Jahre Erfahrung in der Branche hat. Anfangs kamen die nur aus Buseck und Reiskirchen, später aus dem ganzen Landkreis und darüber hinaus, denn mit dem Umzug wurde das Einzugsgebiet immer größer. Als einmal hr-Moderator Werner Reinke im Graf Zeppelin auflegte, drängten sich sogar 1200 Musikbegeisterte um den DJ. Strauch: »Das war für uns das Non-Plus-Ultra.«

Doch nicht immer blieb es bei guter Musik und ausgelassener Stimmung. Denn wenn Alkohol im Spiel ist – und der floss im Graf Zeppelin in Strömen – sind Auseinandersetzungen meist nicht weit. Und die wurden auch körperlich ausgetragen. An eine Massenschlägerei erinnert sich Strauch besonders gut. Sie ereignete sich am Eröffnungsabend 1985.

Eine Frankfurter Rocker-Clique kam und erklärte: »Wir machen deinen Laden nieder«, erinnert sich der Disco-Chef. Strauch: »Das geschah, und dann ging die Party weiter.« Ebenso wie nach anderen Zwischenfällen. Oft bei viel Cola-Cognac, Amaretto-Apfelsaft oder »Blauem Engel« – eine Mischung aus Orangensaft und Blue Curacao, erklärt Strauch. »Eimerweise haben wir das Zeug gezapft.«

 

Neues Konzept: Keine Türsteher, keine junge Leute, kein Ärger

Bis Mitte der 1990er Jahre lief der Laden wie Lottchen. »Dann haben die Leute angefangen, nicht mehr so oft in Diskos zu gehen«, berichtet der Gastronom. Das Stammpublikum wurde immer kleiner, Alkoholexzesse und Schlägereien unter den noch vorhanden Gästen immer häufiger, ebenso die Besuche der Polizei. Strauch: »Das war eine ganz schlimme Zeit, und irgendwann wollte ich nicht mehr.« Er machte einen Schnitt und eröffnete 2007 mit seiner Frau das Tanzcafé Magic mit ganz neuem Konzept. Überwiegend für geschlossene Gesellschaften. Ohne Türsteher, ohne junge Leute, ohne Ärger. Allerdings immer wieder mit Revival-Partys im Programm.

Musik ist sein Leben: Noch heute steht Paul Strauch am DJ-Pult, wenn im Tanzcafé Magic gefeiert wird oder er zur Revivalparty eingeladen hat. 	(Fotos: pm/ti)
Musik ist sein Leben: Noch heute steht Paul Strauch am DJ-Pult, wenn im Tanzcafé Magic gef...

Ob er den guten alten Zeiten nachtrauert? »Das kann man so nicht sagen. Natürlich ist es schade, dass es vorbei ist. Aber durch die Revival-Partys und die Tatsache, dass fast jedes Wochenende ehemalige Stammgäste im Magic feiern, sehe ich die Leute heute immer noch«, sagt Strauch. Fazit: Der Graf Zeppelin lebt weiter.

Info

Aus Graf Zeppelin wird Tanzcafé Magic

15 Jahre lang war der Graf Zeppelin in Großen-Buseck eine der In-Diskotheken im Landkreis Gießen. 1996 erfolgte – nachdem die Disko vorübergehend unter dem Namen Scheune gelaufen war – der Umbau zum Bistrorant, das erneut Graf Zeppelin hieß. Im Jahr 2000 verpachtete Paul Strauch das Lokal, das fortan als Billard- und Dartcafé betrieben wurde und Daddys hieß. 2003 übernahm der Chef selbst wieder das Ruder, eröffnete die Diskothek Pablo, die 2003 zum Malibu wurde. Seit 2007 betreibt er das Tanzcafé Magic.

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