14. Februar 2019, 10:00 Uhr

Pflegeplätze

Leerstände in Seniorenheimen, Platznot bei der Kurzzeitpflege im Landkreis Gießen

Es fehlt an Pflegeplätzen – aber nicht in Seniorenheimen, sondern in der Kurzzeitpflege. Der Bedarf daran wird größer, für die Betreiber rechnen sie sich jedoch nicht.
14. Februar 2019, 10:00 Uhr
Wenn pflegende Angehörige selbst ins Krankenhaus müssen oder der Pflegebedürftige nach einer Operation noch nicht fit genug ist, dass er direkt nach Hause kann, werden Kurzzeitpflegeplätze benötigt. Im Landkreis Gießen sind diese fast ausschließlich in Seniorenheimen angesiedelt. (Symbolfoto: dpa) (Foto: Patrick Seeger (dpa))

Während der Landkreis Gießen bei Plätzen in Seniorenheimen überversorgt ist, mittlerweile sogar Heime mit Leerständen zu kämpfen haben, wird der Bedarf an Kurzzeit- und Tagespflegeplätzen immer größer. Gleichzeitig aber fehlt es an Personal. Zudem beklagen die Anbieter, dass sich solche Angebote für sie teilweise nicht rechnen. Über genau diese Gemengelage diskutierte der Seniorenbeirat des Landkreises bei seiner jüngsten Tagung in Linden.

 

Mehr Menschen in der Pflegestufe 1

Ruth Hoffmann berichtete aus Sicht der Altenhilfeplanung. Sie skizzierte, dass gerade im Bereich der häuslichen Pflege und der ehemaligen Pflegestufe 1 ein deutlicher Bedarfsanstieg zu verzeichnen ist: So stieg die Zahl der Pflegebedürftigen in Pflegestufe 1 von 2760 im Jahr 2003 auf 4717 im Jahr 2015 – aktuellere Zahlen liegen nicht vor. In Pflegestufe 2 gab es einen moderaten Anstieg, ebenso in Stufe 3. »Der Einstieg in die Pflege ist mittlerweile sehr viel früher möglich«, sagte Hoffmann. Unter anderem würden nun auch Menschen mit Demenz adäquat in die Pflegestufen eingeordnet.

Die Menschen, die nun dazu gekommen sind, brauchen in der Regel keinen stationären Pflegeplatz, sondern werden Zuhause versorgt, sagte Hoffmann. Das Problem: In den Seniorenzentren gibt es aber die meisten Plätze. Fast jede Kommune hat ein eigenes Seniorenheim. »In Lich sind es 146 Plätze, in Fernwald 131. Da muss man schon gucken: Wo kommen die Leute eigentlich her?«, sagte Hoffmann. »Es wird immer deutlicher, dass wir die ambulante Pflege aktiv stärken müssen.«

 

Tagespflege bei Pflegepersonal wegen Arbeitszeiten beliebt

Momentan gibt es knapp 50 ambulante Pflegedienste im Landkreis. Diese brauchen jedoch im Vergleich zu einer stationären Einrichtung wesentlich mehr Personal, um die gleiche Anzahl an Senioren zu betreuen, da zum Beispiel Fahrzeiten hinzukommen. Zudem ist es in der gesamten Branche schwer, Personal zu finden. Mittlerweile würden gar Krankenhäuser versuchen, Mitarbeiter aus der Seniorenpflege abzuwerben. Die Pflegekräfte selbst bevorzugen oft die Arbeit in den Tagespflegen: Geregelte Arbeitszeiten, keine Nachtschichten und freie Wochenenden.

Gleichzeitig gibt es im Bereich der Tagespflegen und Kurzzeitpflegen zu wenig Betreuungsplätze. Letztere werden meist kurzfristig benötigt – etwa wenn der pflegende Angehörige selbst ins Krankenhaus muss oder der Pflegebedürftige nach einer Operation noch nicht wieder so fit ist, dass er direkt in die eigenen vier Wände zurück kann.

Hoffmann berichtete, dass die meisten Kurzzeitpflegeplätze derzeit in den Seniorenheimen neben dem regulären Betrieb angeboten werden. Dadurch bestehe jedoch das Problem, dass die Zahl der Plätze schwankend sei. Für sie ist die optimale Lösung eine Einrichtung, die nur Kurzzeitpflege anbietet.

 

Entlohnung für Kurzzeitpflege deckt die Kosten nicht

Marco Schulte-Lünzum, Regionalvorstand der Johanniter, erklärte, dass er diese Idee zwar sympathisch finde. Er selbst habe schon über solch ein Kurzzeitpflege-Angebot in Lich nachgedacht. Nur ist das nicht kostendeckend umsetzbar: »Ich habe es nicht gerechnet bekommen.« Die Johanniter betreiben in Buseck eine Tagespflegeeinrichtung mit 18 Plätzen. Diese laufe sehr gut, sagt Schulte-Lünzum. Und das hat Gründe: Vergleicht man die finanzielle Gemengelage von Tages- und Kurzzeitpflege, wird die Crux deutlich. Eine Tagespflege ist auf acht Stunden angelegt, eine Kurzzeitpflege auf 24 Stunden. Doch für jene 24 Stunden bekommt der Einrichtungsbetreiber von der Pflegeversicherung nur ein Drittel mehr als beim Tagespflegeangebot. Kein Wunder also, dass die meisten davor zurückschrecken.

Nun ist der Platzbedarf an Kurzzeitpflege noch überschaubar. Momentan wird er mit 0,1 Prozent der Bevölkerung berechnet. Dies bedeutet für eine Gemeinde wie Buseck, dass rechnerisch ein Bedarf von 13 Plätzen besteht. »So eine Einrichtung ist mit einer Belegungszahl von 85 Prozent berechnet«, sagte Schulte-Lünzum. Wird diese nicht erreicht, macht der Betreiber so oder so minus.

Mit Blick auf die gestiegenen Zahlen bei der häuslichen Pflege sieht der Johanniter-Mann allerdings auch Probleme auf die Seniorenheime zukommen. »Die sind mit Belegungszahlen von 99 Prozent berechnet – nur das eine Prozent darüber ist die Marge des Betreibers.« Mittlerweile gebe es aber Seniorenheime, bei denen ein Viertel der Zimmer leerstehe.

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