Pakt für den Nachmittag

»Schule für alle« – außer Nevio in Biebertal?

Der »Pakt für den Nachmittag« soll für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen. In Biebertal hapert es allerdings bei der Umsetzung: Hier darf ein herzkranker Junge nicht teilnehmen, da er keinen Integrationshelfer hat.
10. Juli 2018, 13:00 Uhr

Von Patrick Dehnhardt , 1 Kommentar
Nevio ist ein fröhliches Kind und macht Dinge, die ein Neunjähriger eben gerne macht. Ob mit dem Hund oder Fußball spielen. (Foto: privat)

Nevio würde gerne Polizist oder Tierarzt werden. Vielleicht auch Rettungshundestaffelführer. Ganz entschieden hat er sich noch nicht. Muss er auch noch nicht: Der Neunjährige besucht die Grundschule in Biebertal. Gerade hat er Sommerferien. Doch auf das neue Schuljahr kann er sich nicht freuen. An seiner Schule wird es dann den »Pakt für den Nachmittag« geben (siehe Info-Kasten unten). Während all seine Freunde in den Nachmittagsstunden mit dabei sein werden, wird er von dem Angebot ausgeschlossen sein. Zumindest ist das der Stand heute. Der Grund: Das Personal traut sich nicht zu, den herzkranken Jungen zu betreuen.

Nevio und seine Familie haben gelernt, mit der Krankheit umzugehen. Der Junge ist keine vier Stunden auf der Welt, als er das erste Mal operiert wird. Die Ärzte diagnostizieren ein hypoplastisches Linksherz – eine Herzkammer und der Vorhof fehlen komplett. Am siebten Tag nach seiner Geburt wird er über 14 Stunden operiert, die nächste große OP folgt mit drei Monaten. Doch der kleine Junge ist ein großer Kämpfer.

Hiobsbotschaften reißen nicht ab

Für seine Eltern Saskia Schmalacker und Adriano Meschiari reißen die Hiobsbotschaften aber nicht ab. Mit 17 Monaten hat Nevio einen Schlaganfall. Zwischenzeitlich ist seine linke Körperhälfte gelähmt. Als er sechs wird, kommen Schwächeanfälle hinzu. Teilweise wird Nevio bewusstlos. Über Monate suchen die Ärzte nach der Ursache, noch immer ist die Diagnose nicht endgültig. Es wird vermutet, dass es sich um eine Form der Epilepsie handeln könnte. Um genaue Informationen zu bekommen, trägt der Junge seit Jahren einen Event-Recorder – eine Art Langzeit-EKG in Chipform – in seiner Brust, die die Herzfrequenz aufzeichnet.

Es dauert lange, bis sich der Alltag in der Familie einstellt. Mit drei Jahren kann Nevio in den Kindergarten gehen. Die Betreuerinnen lassen sich genau erklären, was sie in einem möglichen Notfall tun müssen. Es funktioniert. Auch weil Nevio trotz seiner jungen Jahre sehr genau auf sich achtet. Sobald er merkt, dass etwas nicht stimmt, er sich unwohl fühlt, meldet er sich bei seinen Eltern oder der Aufsicht.

Nevio findet Freunde, die ihn so nehmen wie er ist. Wenn er etwa mal an einem Tag schwächer ist, lassen sie ihn beim Fußball als Torwart mitspielen. Merken sie, dass es ihm schlecht geht, holen sie sofort Hilfe und die Tasche mit dem Notfallset. Das klappt auch an der Grundschule gut – gelebte Inklusion. Da er eine Aufsichtsperson braucht, wenn er beispielsweise zur Toilette geht, stellt ihm das Jugendamt einen Integrationshelfer. Obwohl es keine Aussicht darauf gibt, dass sich Nevios Zustand verbessert, mittlerweile auch ein einhundertprozentiger Behinderungsgrad anerkannt ist, muss die Familie diese Hilfe jedes Jahr mit einem Vorlauf von mehreren Monaten vor dem neuen Schuljahr beantragen.

Keine Integrationshilfe bei freiwilligen Angeboten

Da die Nachmittagsbetreuung der Grundschule in Nevios altem Kindergarten stattfindet und die Betreuerinnen ihn und seine Krankheit kennen, braucht er hier keine Integrationshilfe. Zum Glück: Für Schul-AGs weigert sich das Jugendamt, eine Integrationshilfe zu bezahlen – da es sich um freiwillige Angebote handele.

Als die Eltern erfahren, dass der »Pakt für den Nachmittag« in Biebertal umgesetzt werden soll, haben sie gleich ein schlechtes Gefühl. Bereits bei einem Elternabend im März fragen sie nach, ob es Probleme geben könnte. Ebenso wenige Wochen später, als Schuldezernentin Dr. Christiane Schmahl das System vorstellt. Stets heißt es, das würde schon klappen. Adriano Meschiari berichtet gar vom Angebot Schmahls, man könne sich bei Problemen direkt an sie wenden.

Eltern verzweifelt

Am 27. Juni dann der Schock: Die Schule lehnt eine Aufnahme Nevios in die Nachmittagsbetreuung ohne eine Integrationshilfe ab. »Eine Eins-zu-eins-Betreuung erscheint aufgrund der ärztlichen Diagnosen Ihres Kindes fachlich angemessen und aus gesundheitlicher Fürsorge dringend erforderlich«, heißt es in dem Schreiben. Die Eltern sind entsetzt. Selbst wenn sie jetzt die Anträge dafür stellen, dürfte es Monate dauern, bis diese bearbeitet sind – das zumindest ist ihre Erfahrung. Und ob ihnen das Amt für Jugend und Soziales letztlich eine Integrationshilfe bewilligt, steht in den Sternen. In ihrer Verzweiflung wenden sich die Eltern an die Gießener Allgemeine Zeitung.

Die Antwort der zuständigen Behörde fällt nun weit moderater aus. Hans-Peter Stock, Sozialdezernent des Landkreis Gießen, erklärt jedenfalls auf Anfrage dieser Zeitung: »Wir befinden uns in einem laufenden Verfahren und sind in enger Abstimmung zweier Dezernate. Es handelt sich zwar um eine freiwillige Leistung, aber wir gehen davon aus, dass der Antrag rechtzeitig und positiv beschieden werden kann.«

Ein Hoffnungsschimmer für Nevio.

 

INFO

Pakt für den Nachmittag
  • Eltern arbeiten oft länger als ihre Kinder in der Schule sind. Unter anderem um dieses Betreuungsproblem zu entschärfen, wurde der »Pakt für den Nachmittag« eingeführt. Hierbei werden die Kinder an den Grundschulen nach Ende der regulären Unterrichtszeiten weiter bis wahlweise 14.30 Uhr/15 Uhr oder 16.30 Uhr/17 Uhr betreut.
  • Den Kindern wird auch ein Mittagessen angeboten.

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