30. Oktober 2018, 18:00 Uhr

Flucht aus der DDR

Was die spektakuläre Ballon-Flucht aus der DDR mit Annerod zu tun hat

1979 flüchteten zwei Familien mit einem selbstgebauten Heißluftballon aus der DDR. Der Thriller. »Ballon« läuft derzeit im Kino. Doch es gibt eine Geschichte dahinter. Und die spielt in Annerod.
30. Oktober 2018, 18:00 Uhr
»Ballon«: Unter diesem Titel hat Regisseur Michael Bully Herbig die spektakuläre Flucht der Familien Strelzyk und Wetzel verfilmt. In der Lebensgeschichte der Strelzyks spielt auch Annerod eine Rolle. (Foto: StudioCanal/dpa )

Sie wollten die Freiheit und wurden zu Medienstars. Nach ihrer spektakulären Flucht aus der DDR mit einem selbstgebauten Heißluftballon standen die Familien Strelzyk und Wetzel plötzlich im Scheinwerferlicht, ihre Geschichte wurde sogar von Hollywood verfilmt. Jetzt, fast 40 Jahre später, lässt Regisseur Michael Bully Herbig die Erinnerungen wieder wach werden. Seit Ende September läuft sein Thriller »Ballon« in den Kinos.

Was nach so langer Zeit kaum noch bekannt ist: Nach der geglückten Flucht hat die Familie Strelzyk ein Jahr lang in Fernwald gelebt. Hier versuchten die Eltern mit den beiden Söhnen Frank und Andreas, nach all dem Trubel zurück in ein normales Leben zu finden.

Am 25. September 1980 berichtet die GAZ über Familie Strelzyk. (Foto: Archiv)
Am 25. September 1980 berichtet die GAZ über Familie Strelzyk. (Foto: Archiv)

Ein Redakteur der dieser Zeitung hat sie damals besucht. »Nur wenige wissen, dass eine der in der ganzen Welt berühmten Familien in einer gemütlichen Vierzimmerwohnung in Annerod lebt«, schrieb Jörg-Peter Schmidt in seinem Artikel, der am 25. September 1980 erschien.

 

Die Stasi blieb ihnen auf den Fersen

Peter Strelzyk ist im März 2017 gestorben. Gemeinsam mit seiner Frau Doris und Co-Autorin Gudrun Giese hatte er 1999 ein Buch veröffentlicht: »Schicksal Ballonflucht«. Darin ist nachzulesen, dass die Familien viele Jahre nicht zur Ruhe gekommen ist. Die Stasi blieb Eltern und Kindern auch im Westen auf den Fersen. In Annerod hatten sie schon eine Ahnung davon. Im Gespräch mit dieser Zeitung warnte Peter Strelzyk ausdrücklich davor, die Spionagetätigkeit in der Bundesrepublik zu unterschätzen.

Nach der geglückten Flucht war die Familie zunächst in ihrem Landeort Naila geblieben. Doch dort wurden sie den Stempel »Ballonflüchtling« nicht los. Als Peter Strelzyk in Gießen eine Stelle als Elektrotechniker angeboten wurde, entschlossen sie sich zum Umzug nach Annerod. Die beiden Söhne besuchten die Gießener Ostschule.

 

»Euch Verräter kriegen wir noch klein«

Schon damals wurden sie von der Staatssicherheit verfolgt. Wie in »Schicksal Ballonflucht« nachzulesen ist, war Annerod als neuer Wohnort der Strelzyks seit März 1980 aktenkundig. Eine Quelle beschreibt detailliert Wohnhaus, Straße und Umfeld. Auch die Telefonnummer wird ausgekundschaftet. Im Sommer dann kommen anonyme Anrufe: »Euch Verräter kriegen wir noch klein.« Der Unbekannte am Telefon droht mit der Entführung des jüngeren Sohnes, der damals gerade zwölf Jahre alt ist.

Jeden Morgen vor der Fahrt zur Arbeit kontrolliert Peter Strelzyk an seinem Auto Radmuttern und Bremsen und begleitet seine Söhne zur Schule. Dennoch »Trotz der ständigen Bedrohung genießen wir das Leben in Freiheit«, schreibt der Familienvater in seinen Erinnerungen.

 

Ein Mitarbeiter stellt sich als Stasi-Spitzel heraus

Als die Strelzyks beschließen, sich mit einem kleinen Elektrogeschäft selbstständig zu machen, geht ihre Zeit in Annerod zu Ende. Zum 1. Januar 1981 übernehmen sie einen Laden in Bad Kissingen. »Der Ort ist gleichgültig. Die Stasi wird ihn ohnehin in kürzester Zeit wieder ausfindig machen.« So hat Peter Strelzyk rückblickend seine damalige Gefühlslage beschrieben. Er sollte Recht behalten: Ein Mitarbeiter, den er einstellt, wird sich später als Stasi-Spitzel erweisen.

Jörg-Peter Schmidt, der die Strelzyks in Annerod interviewt hat, kann sich an seinen Besuch auch nach bald vier Jahrzehnten noch gut erinnern. »Weg aus der DDR. Weg von der Stasi. Ein neues Leben im Westnen beginnen.« So fasst er heute seine Eindrücke von damals zusammen. Doch das »Schicksal Ballonflucht« konnten die Strelzyks nie endgültig hinter sich lassen.

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