14. November 2017, 19:13 Uhr

»Wie war es im Gefängnis?«

14. November 2017, 19:13 Uhr
Zeitzeuge Utz Rachowski schildert den Schülern der Clemens-Brentano-Europaschule die Zustände in der ehemaligen DDR. (Foto: isa)

Wie war es im Gefängnis? Wie kam es zum Freikauf durch Amnesty International? Gab es einen Punkt, an dem Sie aufgeben wollten? Konnten Sie überhaupt noch jemandem vertrauen? Wie hat es sich angefühlt seine eigene Stasi-Akte zu lesen?

Diesen und vielen weiteren Fragen stellte sich Schriftsteller und Zeitzeuge Utz Rachowski am Montag in der Bibliothek der Clemens-Brentano-Europaschule. Der ehemalige DDR-Gefangene erzählte von seinem Leben in der DDR, vom Besuch der Grundschule über die Festnahme durch die Stasi bis hin zu seinem Freikauf und der Entlassung nach Westberlin. Circa einhundert Oberstufen-Schüler aus Geschichts- und Politikkursen lauschten den Erzählungen des heute 63-Jährigen. Maria Seiler, Fachsprecherin Geschichte an der CBES, und ihre Kollegin Wiebke Meuser organisierten das Zeitzeugengespräch, das im Rahmen des 10-jährigen Bibliotheksjubiläums stattfand. Der Besuch von Rachowski wurde durch die Landeszentrale für politische Bildung vermittelt und finanziert.

Aufgewachsen ist Rachowski in Reichenbach/Vogtland im Süden von Sachsen. Seine Probleme in der DDR begannen mit dem Wechsel zur Oberschule im Jahr 1968, wie er erläutert. »In der Schule ging es zu wie in einer Kaserne«, erzählt Rachowski den aufmerksam zuhörenden Schülerinnen und Schülern. Der einseitige Schulstoff in der militärisch geprägten Oberschule langweilte ihn, fuhr Rachowski fort. Statt für die Geschichte der Arbeiterbewegung interessierte er sich für Philosophie und Literatur. Dieses Interesse teilte er mit einigen Mitschülern, was schließlich zur Gründung eines Philosophie-Klubs führte. Das war von der Staatsmacht nicht gerne gesehen.

Wie Rachowski später erfuhr, wurde er bereits damals von einem Lehrer bespitzelt. Mit 16 Jahren nahm ihn der Staatssicherheitsdienst, kurz Stasi, das erste Mal fest und verhörte ihn. 1971 wurde er der Schule verwiesen und begann daraufhin eine Ausbildung zum Elektromonteur. Auch in dieser Zeit beobachtete ihn die Stasi kontinuierlich.

Zu 27 Monaten Haft verurteilt

Nach seiner Lehre konnte Rachowski das Abitur nachholen, begann ein Medizinstudium und wurde bei dem Versuch zum Fach Germanistik zu wechseln exmatrikuliert. Er arbeitet daraufhin in einem Leipziger Chemiewerk und hatte in dieser Zeit genug Zeit zum Schreiben von Texten und Gedichten. 1979 schließlich schlug die Stasi zu und verhaftet Rachowski. Er wurde wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt. Die verbrachte er teils in Einzelhaft, ohne Kontakt zur Außenwelt und teils in einem Zuchthaus in Cottbus.

»Was hat Ihnen geholfen, im Gefängnis durchzuhalten?«, lautete eine der Fragen, die ein Schüler an dieser Stelle stellte. »Die Gewissheit, dass ich zu Unrecht im Gefängnis sitze«, antwortete Rachowski. Er spricht ganz selbstverständlich von der »Stasi«« und dem »Knast«, erzählt genau, wie es dort zuging: »Es war wie in einem Nazifilm.«

Durch Intervention von Amnesty International folgte 1980, nach 14 Monaten Haft, der Freikauf und die Entlassung in die Bundesrepublik. Abgeholt wurde er von einem weiß-orangenen Mercedes mit Gießener Kennzeichen, wie sich Rachowski erinnert.

»War es schwer, dann wieder in den Alltag hineinzufinden?« fragte eine Schülerin, nachdem Rachowski seine Erzählungen beendet hatte. »Ich habe mich in Westberlin gefühlt wie in einem fremden Land, obwohl alle Deutsch sprachen«, lautete seine Antwort. »Ich musste komplett von vorne anfangen.»

Heute setzt sich Rachowski im Rahmen des internationalen Autorenverbandes P.E.N. selbst für Schriftsteller ein, die im Gefängnis sitzen. Weiterhin berät er im Auftrag des Sächsischen Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen Opfer der DDR-Diktatur bei ihrer Rehabilitierung.

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