Alpenverein

Alpenverein Gießen: Ein Ende mit Schrecken

Nach 19 Jahren muss der heftig kritisierte Vorsitzende Gunnar Theiß seinen Posten beim Alpenverein Gießen räumen. Ulrich Schlör ist sein Nachfolger. Mit Kommentar von Marc Schäfer.
06. Oktober 2017, 16:37 Uhr
Im neu gebauten Kletterzentrum ist der Weg frei für einen Neuanfang. Die Mitglieder des Gießener Alpenvereins haben in einer historischen Versammlung ein klares Signal gesetzt und einen neuen Vorstand bestimmt. (Foto: Schepp)

Während die Mitglieder im ersten Stock der Kletterhalle Ulrich Schlör zum neuen Vorsitzenden der Sektion Gießen-Oberhessen des Deutschen Alpenvereins (DAV) wählten, saugte der 62-Jährige vor der Halle an seiner Pfeife. Diese kleine Auszeit war dringend nötig, denn Schlör hatte sich vom bisherigen Vorsitzenden Gunnar Theiß am Donnerstag auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Vereins einiges anhören müssen. Er wurde als wankelmütig bezeichnet, als sprunghaft verunglimpft, und es wurde sogar infrage gestellt, dass er dem neuen Amt gesundheitlich gewachsen ist.

»Das ist ein Wirtschaftsunternehmen, kein Kasperletheater, und nichts für Leute, die vor der eigenen Haustür einen Herzinfarkt bekommen«, sagte Theiß über Schlör. Zuvor hatte Theiß kurz sein Konzept vorgestellt, mit dem er die Sektion aus der Krise führen will, die er selbst zu verantworten hat.

Historisches Mitgliedervotum

Dass Theiß nach den beiden geheimen Abstimmungen – in der ersten wurde seine von ihm selbst vorgeschlagene Kandidatur mit 13:133 Stimmen vereitelt, in der zweiten Schlör mit 126:6 Stimmen zum neuen Boss gewählt – seine sieben Sachen packen musste, dürfte für den Wanderfreund Schlör aus der Wetterau zumindest eine kleine Genugtuung für die Beleidigungen gewesen sein, die er im Zuge seiner Kandidatur einstecken musste. »Ich gratuliere Herrn Schlör, aber er hat keine Ahnung, was ihn erwartet. Ehrenamtlich ein Millionenprojekt zu managen, ist kein Zuckerschlecken«, sagte Theiß, nachdem er seine Aktentasche und zwei Ordner im Kofferraum seines Autos verstaut hatte.

+++ Drei Fragen an den neuen Vorsitzenden Ulrich Schlör +++

Ungläubiges Köpfeschütteln

Dass Theiß nicht schon vor dem ersten Wahlgang den Weg für seinen Nachfolger freigemacht hatte, sorgte im Nachhinein bei vielen Mitgliedern für Kopfschütteln. Einige ehemalige Weggefährten hätten ihm trotz aller Eskapaden die krachende Wahlniederlage gerne erspart. Doch Theiß sieht das anders: »Ich bin von dem neuen Vorsitzenden so wenig überzeugt, dass ich es für besser gehalten hätte, wenn ich den Verein weiter geführt hätte«, erklärte er nach dem Ende seiner 19-jährigen Amtszeit. Dieses sei dennoch eine »fürchterliche Erleichterung«. Zur zweiten Vorsitzenden wurde Rebecca Best, Mitarbeiterin der Kletterhalle, gewählt, Schatzmeisterin bleibt Alexandra Balser-Theiß, Ehefrau von Theiß.

Mitgliederzahl im Tiefflug

In der viereinhalbstündigen Versammlung musste Theiß für die Endphase seiner Ära einige Rückschläge quittieren. Die als Wende angekündigte Hessenmeisterschaft im Klettern hat für ein Minus von 6000 Euro gesorgt. Die Mitgliederzahl befindet sich im Tiefflug – von ehemals mehr als 4000 auf aktuell 2865. Allein seit der unwürdig verlaufenen Mitgliederversammlung im Juli 2017 sind 243 Kündigungen erfolgt, weitere Schreiben sind noch unbearbeitet. Vor der Versammlung hatte Theiß zunächst 60 bis 70 neue Kündigungen zugegeben, wurde aber umgehend von Mitarbeitern korrigiert.

Rund 350 000 Euro fehlen

Der Schuldenstand konnte durch Fördermittel und den Verkauf der ehemaligen Geschäftsstelle in der Schillerstraße, für die es rund 240 000 Euro gab, immerhin von 2,5 auf 2 Millionen Euro reduziert werden. Dennoch fehlen bis Ende des Jahres bis zu 350 000 Euro. Für 2018 erwartete Theiß ein erneutes Minus in der Kletterhalle.

Für Unmut sorgte auch seine Aussage, dass der anvisierte Betriebsleiter für die Halle nicht finanziert werden könne, obwohl ein Teil der zuletzt eingezogenen Sonderumlage an diese Position gebunden war. Durch Austritte und Rückbuchungen waren die Umlageeinnahmen aber deutlich hinter den Erwartungen geblieben.

Schlör: Keine neuen Umlagen

Insgesamt hatten die Sektionsmitglieder für die Kletterhalle bereits Umlagen in Höhe von mehreren Jahresbeiträgen entrichtet. Unter Schlör, so lautete am Donnerstag ein Wahlversprechen, werde es keine neue Umlage mehr geben.

 

Kommentar von Marc Schäfer

Größte Hypothek getilgt

Die Sektion Gießen-Oberhessen des Alpenvereins hat durch den Bau der Kletterhalle aktuell etwa 2 Millionen Euro Schulden. Von der größten Hypothek haben sich Verein und seine Mitglieder durch die Abwahl des bisherigen Vorsitzenden Gunnar Theiß aber selbst befreit. Ulrich Schlör, der neue Mann an der Spitze, ist nicht der alleinige Heilsbringer, aber er hat unmittelbar nach seiner Wahl durchblicken lassen, dass sich der Führungsstil ändern wird. Schlör will auf Kommunikation und Zusammenarbeit setzen. Er will Verantwortung delegieren. Während sein Vorgänger die Riege der Kletterer gegen sich aufgebracht und deren Verbesserungsvorschläge und Initiativen arrogant ausgebremst hatte, hat Schlör eine Vertreterin der Kletterer zur zweiten Vorsitzenden gemacht. Das ist ein kluger Schachzug, um den gespaltenen Verein zu befrieden. Auch der Plan, dass er in Alexandra Balser-Theiß weiter auf die Ehefrau seines Vorgängers als Schatzmeisterin setzt, kann aufgehen. Sie kennt Verein und wirtschaftliche Lage im Detail. Und sie ist die einzige Person aus dem alten geschäftsführenden Vorstand, bei der man Hoffnung auf versöhnliche Zusammenarbeit haben kann. Auch mit Schlör gibt es keine Garantie für das Überleben des Vereins, aber ohne Theiß gibt es wieder eine Chance.

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