Serie »von oben«

Als Rödgen vom Bergbau träumte

Rödgen gehört seit 1971 zu Gießen. Der Spitzname der Bewohner Räärer Hoink hat etwas mit der früheren Armut im Dorf zu tun.
11. Oktober 2017, 19:00 Uhr
Rödgen von oben. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Als vor einigen Wochen die Sparkasse ihre Filiale schloss, war das fast ein symbolisches Signal: Der Stadtteil Rödgen ist endgültig wieder zu seinem ursprünglichen Charakter als Dorf zurückgekehrt. Der Grundbedarf ist mit Kirche, Grundschule, Kindergarten, Bürgerhaus, zwei Gaststätten, Stadtbus-Anbindung und Außenstelle der Stadtverwaltung gedeckt. Doch ansonsten müssen die Räärer Hoink auf eine Infrastruktur mit Annehmlichkeiten für ihr Alltagsleben verzichten.

Der Spitzname der Rödgener hat etwas mit der früheren Armut im Dorf zu tun. Der Hoink aus Zwetschen wurde in fast jedem Haushalt gekocht und war der wichtigste Brotaufstrich. Eine Statistik aus dem Jahr 1919 weist aus, dass von 193 Männern damals 55 als Taglöhner arbeiteten, bei Landwirten, für die Gemeinde oder in Privathaushalten. Dazu kamen 48 Landwirte, vorwiegend mit Kleinbetrieben – und ein Rentenempfänger.

Heimatmuseum ein Juwel

Diese Aufstellung der Berufstätigen, zu der auch die 149 Ehefrauen und Töchter unter den 220 einheimischen Frauen gehörten, ist im Heimatmuseum nachzulesen. Das ist ein echtes Juwel geworden, seit der gebürtige Rödgener Professor Dieter Kraushaar vor zehn Jahren den Vorsitz des Fördervereins übernahm und mit seinem Team aus der etwas unübersichtlichen Heimatstube eine sehenswerte Dokumentation des einstigen Alltagslebens machte. Weil vieles auch didaktisch gekonnt aufbereitet ist, kommt der Nachwuchs aus der Grundschule gern zur Nachhilfe ins Haus.

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Untergebracht ist das Museum im Dachgeschoss des früheren Schulhauses, das 1969 nach dem Neubau einer Grundschule zum Bürgerhaus erweitert wurde. Zusammen mit Spritzenhaus, Backhaus, Viehwaage, Faselstall, der alten Schule von 1664 und der benachbarten Kirche, die auf einer Basaltnase thront, war hier lange der Dorfmittelpunkt.

Schlüssel für Tresor verschwunden

1971 beschloss die Gemeinde freiwillig, sich der Stadt Gießen anzuschließen. Was im Ort nicht unumstritten war, denn historisch hatte Rödgen lange der Grafschaft Busecker Tal angehört. Als damals die Verwaltung ins Rathaus am Berliner Platz umzog, war plötzlich der Schlüssel für den Tresor verschwunden. Erst 20 Jahre später tauchte er in der Verwaltungsstelle wieder auf. Die Hoffnung, wichtige Dokumente oder gar Geld zu entdecken, erfüllte sich allerdings nicht: In dem Safe fand sich nur ein belegtes Frühstücksbrötchen, das der letzte Gemeinderechner mitgebracht und vergessen hatte. Weil das Brötchen aber doch zerbröselte, erinnert heute im Heimatmuseum ein jüngeres Backwerk an diese Anekdote.

 

Alte Eiche mit sechs Metern Umfang

 

Zu den Besonderheiten Rödgens gehören gleich drei Naturdenkmäler. Die stattliche Schillerlinde gegenüber dem Sportplatz, auf dem Ziegenbergkopf gepflanzt 1859 zum 100. Geburtstag des großen Dichters, ist von anderen Bäumen umringt und deshalb kaum noch zu sehen. Besonders beeindruckend ist die Alte Eiche mit ihrem Stammumfang von über sechs Metern in Brusthöhe. Der Methusalem neben dem ehemaligen Rödgener Grillplatz befindet sich allerdings bereits im letzten Stadium seines Lebens und muss kräftig gestützt werden.

Stützhilfe braucht auch schon die über 150 Jahre Kastanie auf dem Läusberg am südlichen Ortsrand, deren Standort früher gern als Festplatz genutzt wurde. Aber auch bei Kindern war der Baum beliebt, weil sie sich die Hanglage ihres Heimatdorfs zunutze machen konnten. »Von hier aus konnten wir damals mit dem Schlitten bis hinunter nach Trohe fahren, mit einer Schiebepassage am Anfang der Troher Straße«, erinnert sich Kraushaar.

Unternehmen vor Ort

Eine aktuelle Attraktion Rödgens ist nach Einschätzung der pensionierten Fachhochschulprofessors die einstige Zigarrenfabrik. von Rinn & Cloos. Das Gebäude hatte später dem Reichsheer und der US-Army als Domizil sowie Heimatvertriebenen als Notunterkunft gedient. Seit 1986 ist hier das mittelständische Unternehmen Lakewood Guitars von Martin Seeliger ansässig. Es versorgt weltweit Musikprofis mit hochwertigen Stahlsaitengitarren. In dieser speziellen Branche hat Rödgen sich damit international einen Namen gemacht.

Von einem wirtschaftlichen Aufschwung hatten die Räärer Hoink schon 1845 einmal geträumt. Damals wollten zwei Gießener Unternehmer ein Bergwerk anlegen, weil sie im Udersberg Kalkschiefer für Lithografiedrucke sowie Eisenerz, Ölschiefer und Braunkohle vermuteten. Die Gemeinde wollte ebenfalls einen Tagebau betreiben. Aber daraus wurde nichts: Bei Probebohrungen wurden keinerlei Bodenschätze gefunden.

Knapp 2000 Einwohner

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das Wäldchen am westlichen Ortsrand noch einmal in den Blickpunkt, weil es lange von der US-Armee als Benzinlager genutzt wurde. Als Anfang 1977 eine Terrorgruppe einen Anschlag auf die Anlage ausübte, blieb Rödgen von einer Katastrophe verschont: Die drei riesigen Tanks waren bereits zwei Jahre zuvor entleert worden.

Zusatzinfo

Fest zum Jubiläum

40 Jahre später lässt es sich auch ohne Supermarkt, Apotheke, Postamt, Bäcker und Geldautomat ganz gut in Rödgen leben, weil Vereine und Kirche viele Gemeinschaftsveranstaltungen anbieten. Außerdem hat sich gerade eine private Initiative zum Ziel gesetzt, der Kommunalpolitik ein wenig Beine zu machen: Der Stadtteil soll für seine knapp 2000 Einwohner attraktiver und lebenswerter werden. Wenn das gelingt, könnte es 2026 ein rauschendes Dorffest zum 700-jährigen Bestehen geben.

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