01. Dezember 2016, 12:00 Uhr

»Da fällt mir kein Hacker-Witz mehr ein«

Gießen (srs). Ein weltweites Netz von Spionagesystemen enthüllte im Juni 2013 der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden. Dokumente, die er entwendet hatte, zeigten auf, dass die US-amerikanische National Security Agency (NSA) und ihre Partnerdienste jede Form elektronischer Kommunikation überwachen. Snowden deckte einen Skandal auf, der heute immer weniger als skandalös wahrgenommen wird. Die öffentliche Empörung schwindet. »Eine gewisse Gewöhnung ist eingetreten«, hielt die Informatikerin Dr. Constanze Kurz am Montag in der Uni-Aula fest.
01. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Constanze Kurz

Snowdens Aufdeckungen seien von hoher Wichtigkeit, betonte die 42-Jährige vor gut 400 Zuhörern. Vor allem hätten die Erkenntnisse zu einer Sensibilisierung geführt. »Wer nicht unter einem Stein lebt, der kennt jetzt das Ausmaß der Massenüberwachung.« Auch die Wirtschaft sei sensibilisiert, vor allem für die Verschlüsselung von Daten. Außerdem hätten die lange Zeit in Unwissenheit lebenden Kontrollinstanzen erfahren, auf welchen technischen Wegen die Geheimdienste heute vorgingen.
Nach einem Gutachten durch Geheimdienstler im Auftrag des US-Präsidenten Barack Obama gebe es keinen Beleg dafür, dass die Überwachung der Kommunikation zu einer Abwehr der Terrorgefahr beigetragen habe, hielt die Informatikerin fest und betonte, dass es sich selbstverständlich nicht allein um ein Problem der US-amerikanischen Geheimdienste handle. »Über die Spionage in anderen Ländern wissen wir nur weniger.« Geradezu absurd sei derweil, dass eine kriminelle Hacker-Gruppe Schad-Software der NSA gestohlen habe und derzeit zum Verkauf anbiete. »Da fällt mir kein Hacker-Witz mehr ein«, sagte die 42-Jährige.
Kurz ist eine der Sprecherinnen des Chaos Computer Clubs. Mehrfach war sie Sachverständige bei Verhandlungen des Bundesverfassungsgerichts. Rhetorisch gewandt und rasend schnell nahm sie die Zuhörer mit auf eine Tour de force durch die Abhörmethoden der NSA. Bisweilen wünschte man sich, sie würde innehalten, ausführlicher Bilanz ziehen und nicht nur an der Oberfläche der Werkzeuge der Geheimdienste kratzen.
Interessant waren ihre Ausführungen im Besonderen, wenn sie von eigenen Erfahrungen berichtete. Sie stellte das Geheimdienst-programm »Academia« vor. An 55 Universitäten in den Vereinigten Staaten seien Repräsentanten der NSA mit Vollzeitstellen beschäftigt, oftmals verdeckt. Der Geheimdienst nehme großen Einfluss, um auf Forschung einzuwirken und talentierte Informatiker für eine Tätigkeit in der NSA zu gewinnen. Immer wieder treffe sie mit US-amerikanischen Hackern zusammen. Sie habe noch keinen getroffen, der nicht zuvor in irgendeiner Form einmal für die NSA tätig gewesen sei.
Kritisch wandte ein Zuhörer ein, dass die Justus-Liebig-Universität keine Zivilklausel eingeführt habe, womit sich wissenschaftliche Einrichtungen verpflichten, ausschließlich für zivile Zwecke zu forschen. Daraufhin erhob sich Uni-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee. »Wir haben im vergangenen Jahr im Senat eine Satzung verabschiedet, wonach Wissenschaftler der Hochschule jede Forschung zu sicherheitsrelevanten Themen melden müssen«, sagte Mukherjee. »Damit haben wir nicht nur einen Texthappen beschlossen, sondern ein ständig laufendes Prüfverfahren.« (Foto: srs)

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