15. April 2018, 09:00 Uhr

Apotheken-Aus

Die letzte Apotheke der Nordstadt verschwindet

In der Marburger Straße 33 fließen derzeit viele Tränen. Ingrid Quambusch wird ihre Nord Apotheke schließen.
15. April 2018, 09:00 Uhr
Apothekerin Ingrid Quambusch hört zum kommenden Samstag auf. Somit verliert das Viertel seine letzte Apotheke. (Foto: Schepp)

Trostlos sieht sie aus, die Häuserzeile der Marburger Straße 33. »Zu verkaufen« prangt in dicken Lettern an dem Schaufenster, in dem bis Sommer letzten Jahres noch der Kiosk samt Paketstation zu Hause war. Die Fensterfront der angrenzenden Fahrschule ist schon länger verwaist. Nur noch die liebevoll dekorierte Auslage der Nord Apotheke sorgt für einen Farbtupfer in der Tristesse. Doch auch damit ist bald Schluss. »Wir werden zum 21. April schließen. Meinen drei Mitarbeitern musste ich kündigen«, sagt Apothekerin Ingrid Quambusch. Nach dem Aus der Apotheke im Asterweg vor knapp sechs Jahren verschwindet somit die letzte Apotheke aus dem Viertel. Doch die Bewohner verlieren viel mehr als ein Geschäft.

 

Vor 60 Jahren gegründet

 

Gegründet wurde die Apotheke schon vor 60 Jahren von Kurt Engel. Am 1. Juni 1999 übernahm dann Ingrid Quambusch. Bis heute versorgt sie ihre Kunden nicht nur mit Medikamenten, sie berät sie auch in Sachen Homöopathie oder Ernährung. Und vor allem: Sie ist eine soziale Anlaufstelle im Viertel. Quambusch kümmert sich, hat für alle ein offenes Ohr. Sie wirft – falls erwünscht – einen Blick auf die Laborwerte ihrer Kunden und erteilt Ratschläge. Kostenlos natürlich. »Gerade die Älteren halten gerne noch einen Plausch. Oftmals haben sie sonst niemanden mehr, mit dem sie reden können«, sagt die 65-Jährige. Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: »Diese Gespräche werden mir fehlen.«

 

Quambusch: Hätte gerne weitergemacht

 

Mit bald 66 Jahren hat Quambusch den Ruhestand mehr als verdient. Trotzdem betont sie: »Ich hätte gerne noch ein, zwei Jahre weitergemacht.« Dass sie jetzt aufhört, hat mit den Eigentumsverhältnissen des Gebäudes zu tun. »Mein Mietvertrag läuft aus. Und die Eigentümerfirma will nicht weiter vermieten, sondern verkaufen.« Für sie selbst käme ein Kauf nicht mehr in Frage, sagt die Apothekerin, und einen neuen Vermieter brauche sie für die letzten Arbeitsjahre auch nicht unbedingt.

 

Alle Wohnungen bereits verkauft

 

Quambusch ist was das angeht kein Einzelfall. Die Eigentümerfirma Vonovia mit Sitz in Bochum hat alle im Haus befindlichen Wohnungen verkauft. Dem Kioskbesitzer wurde vergangenes Jahr ebenfalls mitgeteilt, dass eine Vermietung nicht mehr in Frage käme. Man wolle sich von allen Einheiten aus »strategischen Gründen« trennen, teilt ein Unternehmenssprecher mit. Derzeit werde nach einem Käufer für die Ladenzeile gesucht. Präferiert werde ein Interessent, der alle Einheiten übernimmt.

 

Administrativer Aufwand gestiegen

 

Während Ingrid Quambusch bei der nahenden Schließung wehmütig wird, ist ihr Ehemann Klaus erleichtert. Der Rentner hat sich in den letzten Jahren um die Buchhaltung der Apotheke gekümmert. »Der administrative Aufwand hat dermaßen überhand genommen. Das ist nicht mehr tragbar.« Seine Ehefrau nickt. 60 Prozent ihrer Arbeit gingen inzwischen auf organisatorische Tätigkeiten drauf: Schriftwechsel mit Krankenkassen, Extra-Bestellung von Medikamenten, die mal wieder nicht lieferbar sind, Kontrolle von Rezepten, Einhaltung und Umsetzung gesetzlicher Vorgaben. »Meine Kunden beklagen sich schon, dass sie mich kaum noch zu Gesicht bekommen.«

 

Konkurrenz aus dem Internet

 

Gleichzeitig hätten die gesetzlichen Regelungen dazu geführt, dass man immer weiniger Geld verdienen könne. Hinzu komme der Druck durch die Online-Apotheken, die es in vielerlei Hinsicht einfacher hätten. »In Deutschland dürfen die Apotheken aufgrund der geltenden Arzneimittelpreisverordnung keine Ermäßigungen auf verschreibungspflichtige Arzneimittel geben. Es gilt ein Festpreis«, sagt Ingrid Quambsuch. Bei ausländischen Versendern seien Rabatte hingegen legal. Die Online-Apotheken haben ihren Sitz meist in den Niederlanden.

Mehr bürokratischer Aufwand, weniger Geld: Kein Wunder, dass sich für Quambuschs Apotheke kein Nachfolger fand. Viele Pharmazeuten gehen heute lieber in die Industrie. Und trotzdem liebt die Gießenerin ihren Beruf noch genauso wie am ersten Tag. Damals, als sie nach dem Studium das erste Mal in einer Apotheke arbeitete. 42 Jahre ist das jetzt her. Am kommenden Samstag wird sich dieses Kapitel schließen. Einen Spalt hält sich Quambusch aber offen. »Ich werde in Vertretung arbeiten. Auf einen Schlag von 100 auf 0 herunterzufahren ist nicht gesund.« Es ist einer dieser Ratschläge, den die Nordstadt-Bewohner vermissen werden.

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