Kunstfehler

Fehler im Gießener Uniklinikum: VfB-Jugendfußballer wird durch Operation zum Pflegefall

Ein Jugendfußballer des VfB 1900 Gießen verletzt sich beim Kicken an der Nase. Mit einer OP soll der knöcherne Riss im Uniklinikum behoben werden. Doch es kommt zu Problemen. Der junge Mann ist seitdem ein Pflegefall.
05. Februar 2018, 11:45 Uhr
So wie auf diesem Foto möchten Mutter und Geschwister ihren Sohn und Bruder in Erinnerung behalten. (Foto: Schepp)

Es war ein Spiel unter Freunden. Der 17-jährige Abdi, Jugendfußballer des VfB 1900 Gießen, hatte sich im Juli 2013 mit Bekannten zum Kicken getroffen. Bei einem Zusammenprall erlitt er eine Verletzung an der Nase. Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Am Gießener Uniklinikum wurde entschieden, dass die Nase per Operation gerichtet werden muss. Doch die OP ging schief.

Während des Eingriffs kam es zu einer Sauerstoffunterversorgung. Die Folge: schwere, irreversible Hirnschäden. »Der ehemals begeisterte Fußballer muss den Rest seines Lebens als Pflegefall fristen«, sagt Rechtsanwalt Dr. Burkhard Kirchhoff, »vermutlich blind und nicht fähig zu kontrollierten Bewegungen«. Derzeit wird der junge Mann in einer Pflegeeinrichtung in Weilmünster behandelt.

 

Ich konnte nicht weinen. Mein Körper war im Schockzustand

Abdis Mutter

Abdis Familie ist noch immer »fassungslos und erschüttert«. Und sie erhebt schwere Vorwürfe gegen die behandelnden Ärzte am Klinikum. »Man hat uns damals zur Operation überredet«, sagt die Mutter im Gespräch mit der GAZ. Im Nachhinein stellte sich aus Sicht der Familie heraus, dass sie gar nicht nötig war.

Voller Trauer erzählt sie, dass nicht nur sie selbst, sondern auch ihr Sohn gegen eine OP war. »Es ist doch nur ein Riss«, hatte die Mutter im Krankenhaus gesagt. Der zuständige Oberarzt habe die Familie überstimmt. »Das ist ein reiner Routineeingriff, das machen wir oft. Es dauert nur 15 Minuten.«

 

Ein tragischer Fehler passiert

Nach der ersten Untersuchung darf Abdi wieder nach Hause. Vier Tage später steht er früh auf. »Am 1. August um 6 Uhr war die OP angesetzt«, erinnert sich eine Schwester des damals 17-Jährigen. »Bleib zu Hause, es dauert ja nur eine Viertelstunde«, ruft er seiner Mutter noch zu. Doch die lässt sich nicht abwimmeln und begleitet ihren Sohn. Ein Bruder, der damals gerade auf dem Weg zur Arbeit ist, fährt die beiden ins Klinikum.

»Um kurz nach 7 Uhr wurde Abdi in den OP gefahren«, erinnert sich die Mutter. Nach 45 Minuten ist er noch immer nicht zurück. Als ein Arzt nach der Mutter sucht, erstarrt sie. »Kommen Sie bitte mit.« Wenig später sitzt die Frau in einem Besprechungszimmer mit weiteren Ärzten. »Es ist ein Fehler passiert«, beginnt einer der Mediziner.

 

Mutter findet Abdi regungslos in Intensivstation

»Ich möchte Abdi sehen«, erwidert die Frau und wartet nicht auf weitere Erklärungen. Sie wird zur Intensivstation gebracht, sucht auf eigene Faust nach ihrem Sohn. Sie findet ihn – regungslos. »Er hatte viele Kabel und Schläuche am Körper.« Einer der Ärzte erklärt ihr, dass man ihn in ein künstliches Koma versetzt hat und dass er in wenigen Tagen wieder aufwachen wird. »Ich konnte tagelang nicht weinen, mein Körper war im Schockzustand«, berichtet die Frau. Das Versprechen, dass Abdi wieder aufwacht, erfüllt sich nicht. »Mein großer Bruder ist ohnmächtig geworden, als er ihn zum ersten Mal gesehen hat«, erinnert sich eine Schwester. Abdis Schädeldecke wird geöffnet, weil das Gehirn aufgrund von Sauerstoffmangel anschwillt. Die Situation bleibt kritisch.

Nach mehreren Monaten auf der Gießener Intensivstation wird Abdi zunächst nach Braunfels und dann in weitere Reha-Kliniken nach Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Brandenburg verlegt. Gelegentlich gibt es kleine Hoffnungsschimmer, doch die sind nicht von Dauer. »Sein Blick geht ins Leere«, fasst es eine seiner Schwestern zusammen.

 

Demnächst Prozess vor Landgericht

»Der Arzt, der meinem Sohn das angetan hat, hat einen großen Fehler gemacht«, klagt die Mutter. »Warum konnte er 20 Minuten ohne Sauerstoff sein? Warum hat das niemand bemerkt? Warum wurde die Maschine nach der OP nicht untersucht? Warum musste er überhaupt eine Vollnarkose haben?«, bezweifelt sie, dass diese überhaupt notwendig war. Tatsächlich sind auch viereinhalb Jahre nach dem Vorfall noch viele Fragen offen. Die sollen demnächst bei einem Prozess vor dem Landgericht geklärt werden.

Anwalt Kirchhoff vertritt die Familie des jungen Mannes seit 2015 beim Kampf um ein angemessenes Schmerzensgeld und bereitet mit den Angehörigen die Klage vor. »Opfer von ärztlichen Fehlern müssen einen langen Atem haben«, bekräftigt Kirchhoff, der als Experte für Kunstfehlerprozesse gilt.

 

Klinikum beruft sich auf Schweigepflicht

Unstrittig ist offenbar der Sachverhalt, wonach bei der OP ärztliche Fehler passiert sind. »Der Versicherer der Klinik hat die Haftung zu 100 Prozent anerkannt«, berichtet Kirchhoff. Das Universitätsklinikum nimmt keine Stellung zu den Vorgängen und beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht. Auch die Verhandlungen mit der Versicherung laufen. Im Gespräch sei mittlerweile eine Summe im niedrigen sechsstelligen Bereich. Diese Größenordnung hält der Anwalt für zu gering. Er werde dafür kämpfen, dass die Familie des »schwerstgeschädigten jungen Menschen eine angemessene Entschädigungszahlung erhält«.

Bisher liegt das höchste Schmerzensgeld, das von einem deutschen Gericht zugestanden worden ist, bei einem Betrag zwischen 500 000 und 700 000 Euro. Kirchhoff könnte sich im vorliegenden Fall aber durchaus eine höhere Forderung vorstellen. Der Anwalt möchte mit der Schmerzensgeldklage ein Zeichen setzen: »Ich bin nicht für amerikanische Verhältnisse, aber die Fortentwicklung der Rechtsprechung auf diesem Sektor ist dringend notwendig.«

 

Ermittlungsverfahren zuerst abgelehnt

Kirchhoff war zunächst mit dem Versuch gescheitert, ein Ermittlungsverfahren zu erwirken. Die Gießener Staatsanwaltschaft hatte sein Ersuchen, wegen fahrlässiger Körperverletzung zu ermitteln, im Oktober 2017 abgelehnt. Daraufhin legte der Anwalt Beschwerde bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt ein und war erfolgreich.

Rouven Spieler, Pressesprecher der Gießener Staatsanwaltschaft, bestätigt, dass die Anklagebehörde damals »kein öffentliches Interesse« und die Schuld des Täters als zu gering gesehen und daher mit Zustimmung des Amtsgerichts entschieden habe, das Verfahren einzustellen. Die Generalstaatsanwaltschaft ordnete die Wiederaufnahme an.

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