Kita-Zukunft

Füttern bald Roboter unsere Kinder?

Zum Abschluss unserer Kita-Serie blicken wir in die Zukunft. Wie wird Kinderbereuung in 50 Jahren aussehen? Ein Experte klärt auf.
02. Oktober 2017, 14:00 Uhr
Roboterkind »Nao« könnte als Sprachtrainer für Kinder mit Sprachproblemen eingesetzt werden. (Foto: dpa)

Warum ist es wichtig, über die Zukunft der Kinderbetreuung zu reden?

Martin Textor: In den letzten Jahren haben viele Veränderungen in diesem Bereich stattgefunden, die von Öffentlichkeit und Politik nur begrenzt wahrgenommen wurden. Werden diese Trends für die nächsten Jahre fortgeschrieben, wird sich das Leben der Ein- bis Sechsjährigen ganz anders gestalten als die Kleinkindheit von uns Erwachsenen.

Können Sie das konkretisieren?

Textor: Ein Beispiel: Wir wissen, dass ein Zweijähriges im Schnitt 13 Stunden schläft und elf Stunden wach ist. Wird es ganztags – acht Stunden lang – in einer Kita betreut, bleibt werktags eine »Familienzeit« von drei Stunden. In diesem Zeitraum wird es geweckt, gewaschen, angezogen, gefüttert, zur Kita gefahren – abends das Gleiche in umgekehrter Folge. Zieht man durchschnittlich 43 Minuten vor dem TV ab, bleibt für die Familienerziehung nur noch das Wochenende.

+++ Hier gibt es alle Teile der Kita-Serie zum Nachlesen +++

Sie haben die Politik angesprochen. Kita-Plätze – vor allem U3 – sind Mangelware. Haben Sie als Wissenschaftler einen anderen Lösungsansatz als die Politiker?

Textor: Nein. Hier hat die Politik in vielen Städten und Gemeinden versagt. Das zeigt der Ländervergleich: Die Extreme sind Nordrhein-Westfalen, wo es 2016 nur für 25,7 Prozent der U3 einen Betreuungsplatz gab, und Brandenburg mit 57,2. Auf der Ebene der Land- und Stadtkreise reichte die Bandbreite sogar von 14,3 im Berchtesgadener Land bis 61,8 im Landkreis Spree-Neiße. Gießen ist mit 31,7 Prozent Mittelmaß.

Der Politik ist nicht bewusst, welche Aufgaben Erzieherinnen haben

Martin Textor

Wie wird die Situation 2050 sein?

Textor: In Deutschland wurden 2016 93,6 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen betreut. 2050 werden sich die Betreuungsquoten der Ein- und Zweijährigen diesem Wert angenähert haben. Zudem werden mehr Kinder ganztags eine Kita besuchen und – wenn beide Eltern bzw. Alleinerziehende Vollzeit arbeiten – für mehr als acht Stunden pro Tag. Es fallen schließlich Wegezeiten und Überstunden an.

Sie führen mögliche Zukunftsmodelle und spezielle Ausrichtungen von Kitas an. Eine ist die Betreuung durch Roboter. Wie nah sind wir diesem Modell?

Textor: Hier handelt es sich um eine eher utopische Zukunftsvision. In Japan wird seit langem an Pflegerobotern gearbeitet, die vielleicht in einigen Jahren Erzieherinnen das Wickeln und Füttern von unter Dreijährigen abnehmen werden. Dann wird der Beruf vermutlich für die zunehmende Zahl der an Hochschulen ausgebildeten Kindheitspädagogen interessant. Ferner werden in Japan und Deutschland Roboter bereits versuchsweise an Schulen eingesetzt. Sie helfen bei Hausaufgaben, fragen Vokabeln ab, turnen in der Sportstunde vor.

Interessant fand ich auch die Spezialisierung in naturwissenschaftlich bzw. bilingual ausgerichtete Schwerpunkte.

Textor: Seit mehr als zehn Jahren setzen sich Wirtschaftsverbände und Unternehmen dafür ein, dass Kitas sich mehr mit Mathematik, Naturwissenschaften und Technik befassen. Dies hat dazu geführt, dass die Bundesländer allen Kitas entsprechende Aufgaben übertragen haben. Mehrere Tausend Kitas sind bereits als »Haus der kleinen Forscher« zertifiziert worden, in denen der MINT-Bereich besonders stark berücksichtigt wird. Bilinguale Kitas gibt es seit Jahrzehnten in grenznahen Regionen, inzwischen auch in Großstädten. Ihr Ausbau hapert daran, dass Fachkräfte mit Muttersprachen wie Englisch, Französisch oder Chinesisch schwer zu finden sind.

Es gibt bereits Kitas, die 24 Stunden am Tag geöffnet haben

Martin Textor

Wie werden sich die Öffnungszeiten von Kitas verändern?

Textor: 2016 musste ein Viertel aller Erwerbstätigen regelmäßig abends oder samstags arbeiten. 8,5 Prozent waren nachts und 14,1 Prozent sonntags berufstätig. Haben diese Personen Kleinkinder, so ist deren Betreuung nur schwer zu organisieren. Seit 2016 fördert das Bundesfamilienministerium deshalb erweiterte Betreuungszeiten in Kitas mit bis zu 200 000 Euro/Jahr und in der Kindertagespflege mit bis zu 15 000 Euro. In Zukunft dürfte es also mehr Kitas geben, die nach 18 Uhr oder auch samstags geöffnet haben – falls genügend Personal gefunden wird.

Selbst ein 24/7-Angebot in sogenannten Eliten-Kitas ist denkbar?

Textor: In Großstädten gibt es Kitas, die an allen Tagen der Woche für 24 Stunden geöffnet haben. Vorreiter waren Krankenhäuser, die kein Pflegepersonal mehr fanden und sich deshalb bemühten, Fachkräften die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. Es folgten Unternehmen mit vielen Frauen in Schichtarbeit, aber auch Flughäfen. Für Eliten sind solche Regel-Angebote uninteressant. Zwar arbeitete 2016 gut ein Drittel aller Führungskräfte mehr als 48 Stunden pro Woche – aber überwiegend tagsüber. Sie wünschen sich eher mehr Flexibilität, wenn eine Sitzung mal länger dauert oder man auf Dienstreise muss.

Seit einigen Jahren steigt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund in Kindertageseinrichtungen an. Wie wird sich diese Tatsache auswirken?

Textor: 2016 hatten in Westdeutschland 33,4 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen in Kindertagesbetreuung Migrationshintergrund. In Gießen waren es 38,2 Prozent. Dabei muss beachtet werden, dass die Statistik »Migrationshintergrund« als »ausländisches Herkunftsland mindestens eines Elternteils« definiert. Aber auch manche Kinder, bei denen nur Großeltern zugewandert sind, sprechen zu Hause noch deren Sprache und leben in einer anderen Kultur. Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund dürfte in den nächsten Jahren steigen, da die Zahlen von 2016 nur ansatzweise den Zuzug der Flüchtlinge berücksichtigen. Der Öffentlichkeit und der Politik ist viel zu wenig bewusst, dass die Hauptaufgabe vieler Erzieherinnen inzwischen die Sprachanbahnung und -förderung ist, dass sie mit Kindern und Erwachsenen aus immer mehr Ländern zu tun haben und damit der interkulturellen, inklusiven und interreligiösen Erziehung sowie der Elternarbeit eine immer größere Bedeutung zukommt. All dies bei einem hohen Fachkraft-Kind-Schlüssel.

Eltern arbeiten mehr, Zeit für Erziehung fehlt. Wie soll das weitergehen?

Textor: Die Bedeutung der Familienerziehung wird vermutlich geringer und die kindliche Entwicklung stärker durch Kitas geprägt. Das hat Konsequenzen für die Bindungen von Kleinkindern: Schon jetzt berichten Erzieherinnen, dass manche U3-Kids weinen, wenn sie von Eltern abgeholt werden, und morgens gleich von der Fachkraft auf den Arm genommen werden wollen. Es ist also wichtig, dass Eltern die mit ihrem Kind verbleibende Zeit bewusst nutzen, um die Bindung zu stärken. Die Qualität der miteinander verbrachten Zeit ist wichtiger als die Quantität; sinnvolle Aktivitäten sind die Gute-Nacht-Geschichte, das gemeinsame Spielen oder das Einbinden des Kindes in Aktivitäten der Eltern wie Hausarbeit und Gartenpflege. Das Gespräch mit dem Kind ist viel wichtiger als Besuche von Museen, Theater, Spielplätzen, Freizeitparks und anderen »Events«.

Eltern müssen sich dennoch mit der Ganztagsbetreuung abfinden?

Textor: Außer es kommt zu einer stark ausgeprägten Rezession, bei der viele Eltern arbeitslos werden. Ansonsten ist deutlich zu erkennen, dass deutsche Mütter so schnell wie möglich nach der Geburt wieder erwerbstätig werden und zunehmend Vollzeit arbeiten wollen. Viele Migranten melden ihre Kinder erst in Kitas an, wenn diese bereits etwas älter sind. Da Sprachanbahnung und -förderung jedoch umso erfolgversprechender sind, je jünger die Kinder sind, wird in Zukunft vermutlich mehr »Druck« auf diese Eltern ausgeübt werden, Kinder in jüngerem Alter in Betreuung zu geben. Viele Kinder aus sozial schwachen oder zugewanderten Familien profitieren von dieser Betreuung.

Info

Der Zukunftsforscher

 

Dr. Martin R. Textor (Jg. 1954) studierte Pädagogik, Beratung und Sozialarbeit in Würzburg, Albany und Kapstadt. Er ist Angestellter am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München (derzeit beurlaubt) und Mitbegründer des Instituts für Pädagogik und Zukunftsforschung Würzburg. Er hat 40 Bücher veröffentlicht und ist Herausgeber von www.kindergartenpaedagogik.de und www.zukunftsentwicklungen.de.

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