Wegen G8/G9

Gießener Gymnasien droht großer Schülermangel

Meist platzt die Gießener Kongresshalle aus allen Nähten, wenn Abiturienten im Juni dort ihr Abitur feiern. Im Frühsommer 2021 dürfte dort aber gähnende Leere herrschen.
09. Februar 2018, 11:00 Uhr
So voll wie diese Sause von Abiturienten in Lollar dürften die Abi-Feiern an Gießener Gymnasien im Jahr 2021 nicht werden. (Archivfoto: mb)

Fast 150 junge Leute haben im vergangenen Jahr an der Liebigschule Abitur gemacht. Auch in diesem Jahr werden knapp 140 Schüler das Gymnasium mit der Hochschulreife verlassen. Blickt man ins Jahr 2020, dann sieht die Sache aber ganz anders aus. Die Frage ist, ob überhaupt genug Schüler zusammenkommen. »Wenn wir nach den Sommerferien 40 Schüler für die E-Phase haben, bieten wir einen Jahrgang an«, sagt Schulleiter Dirk Hölscher auf Anfrage dieser Zeitung.

Dass der Abi-Jahrgang 2021 für die Gießener Gymnasien sehr dünn werden könnte, hängt mit Entscheidungen aus dem Jahr 2012 zusammen. Damals votierten die Schulgemeinden von Landgraf-Ludwigs-Gymnasium und Liebigschule mit großer Mehrheit für die Abkehr von der Schulzeitverkürzung G8 und für eine Rückkehr zu G9. Die Folge: Der letzte G8-Jahrgang absolviert derzeit die Eingewöhnungsphase (E-Phase) in der Oberstufe und wird 2020 Abitur machen. Für das nachfolgende Schuljahr steht die Hochschulreife nach 13 Jahren an – und damit erst 2022.

 

Leere an Lio und LLG

Insofern rücken im kommenden Schuljahr weder an der Lio noch am LLG eigene Schüler in die Oberstufe nach. Anders sieht es an der Herderschule aus. Das Gymnasium im Gießener Westen hatte sich seinerzeit für ein Mischmodell entschieden und sowohl G8 als auch G9 angeboten. Erstmals hatte es an der Herderschule im Schuljahr 2011/12 sowohl G8- als auch G9-Klassen gegeben, berichtet Schulleiter Stefan Tross. Damals waren fünf G9-Klassen gebildet worden, in nur zwei Klassen gab es Kinder, deren Eltern sich für die Schulzeitverkürzung entschieden hatten. »Diese 54 Schüler bilden derzeit einen Jahrgang in der Qualifizierungsphase und machen nächstes Jahr Abitur«, sagt Tross. Normalerweise liegt die Jahrgangsstärke in der Oberstufe bei 140 bis 150 Jugendlichen.

 

Herderschule spürt es jetzt schon

Deshalb wird die Herderschule das, was den beiden anderen Gymnasien 2021 bevorsteht, bereits 2019 erleben. »Ein Deutsch-Leistungskurs ist nicht zustande gekommen, in Physik haben wir Grund- und Leistungskurs kombiniert«, schildert der Direktor die Veränderungen, die es aufgrund der verkleinerten Oberstufe gab. 2021 hat die Herderschule dagegen wieder einen ganz normalen Abi-Jahrgang. Insofern könnte die Schule künftige Oberstufenschüler aufnehmen, sollte an den beiden anderen Gymnasien keine E-Phase zustande kommen. Ob es so weit kommen wird, hängt von den Entscheidungen der derzeit insgesamt 1600 Zehntklässler in Stadt und Landkreis ab.

»Wir werden aus eigener Kraft keine Schüler haben«, erklärt Antje Mühlhans. Am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium ist man dabei, ein Konzept zu erarbeiten, »wie wir es trotzdem schaffen können«, sagt die Direktorin. Dass das Gymnasium auch im sogenannten Null-Jahrgang eine Oberstufengruppe unterrichten möchte, begründet sie damit, »dass wir nicht auf Jugendliche von Schulen verzichten wollen, die schon seit Jahren traditionell zu uns kommen«. Die Schulleiterin hofft auf eine Zahl von »30 plus«. Für die Umsetzung kann sie sich die Einrichtung jahrgangsübergreifender Gruppen oder die Kopplung von Grund- und Leistungskursen vorstellen.

 

So macht es die Francke-Schule

Dass ein Oberstufenjahrgang auch mit relativ kleinen Schülerzahlen funktionieren kann, berichtet Schulleiter Horst Brombach von der August-Hermann-Francke-Schule. Dort ist man ein Jahr früher zu G9 zurückgekehrt als Lio und LLG, sodass die aktuelle E-Phase von nur 33 Jugendlichen besucht wird. Zugute kam der AHF-Schule, dass sie auch einen Realschulzweig besitzt, aus dem zu Schuljahresbeginn viele Schüler in die eigene Oberstufe gewechselt sind. »Wir versuchen trotz des kleinen Jahrgangs ein breites Leistungskurs-Spektrum anzubieten«, erklärt Brombach. Im Fach Chemie gibt es beispielsweise einen kombinierten Kurs, der von acht Grundkurs- und fünf Leistungskurs-Schülern besucht wird. Der LK habe zwei Wochenstunden mehr, außerdem würden unterschiedliche Klausuren geschrieben.

 

»Ricarda« nicht betroffen

Mit einer »deutlich verstärkten Nachfrage« für seine künftige Oberstufe rechnet Werner Nissel. Der Leiter der Ricarda-Huch-Schule muss sich keine Sorgen um dünne Jahrgangsbreiten machen, da die kooperative Gesamtschule sich stets erfolgreich gegen eine Schulzeitverkürzung gewehrt hat. Die RHS geht mit sieben Klassen in die Eingewöhnungsphase. »Dieses Jahr wird die Stufe elf sehr voll werden«, rechnet Nissel mit einer großen Nachfrage.

Auf Nachfrage in einer Größenordnung, die zumindest den Aufbau eines kleinen Jahrgangs elf rechtfertigt, hofft Lio-Direktor Hölscher. »Derzeit läuft die Hospitationsphase. Am Schnupperunterricht nehmen auch Schüler aus Wetzlar und Rechtenbach teil sind«, erklärt der Schulleiter. Von Vorteil sei es für eine selbstständige Schule wie die Lio, dass sie flexibel bei der Gestaltung ihres Budgets ist. »Allerdings wäre es nicht gesund, wenn wir zu kleine Kurse anbieten müssten«, sagt Hölscher. Er rechnet damit, dass nicht die gesamte Leistungskurspalette angeboten werden kann. Die Anmeldungen, die Mitte März vorliegen sollen, seien »ein Abenteuer«. Spätestens nach den Osterferien will er die Entscheidung über die Einrichtung einer E-Phase treffen.

Info

Schulamt berät Gymnasien

»Wir haben diese besondere Situation seit vielen Monaten im Blick«, sagt Volker Karger. Welche Kurse an welchen der beiden betroffenen Gymnasien eingerichtet werden, hänge zunächst von den Anmeldezahlen für die E-Phase ab, erklärt der kommissarische Leiter des Staatlichen Schulamts. »Wenn diese Zahlen vorliegen, werden wir mit den Schulen sprechen«, kündigt Karger an und betont, dass den schulischen Gremien bei der Entscheidung über die Ausgestaltung des Angebots ein großes Gewicht eingeräumt werde. Damit ein Jahrgang zustande kommt, sollten mindestens 35 bis 40 Anmeldungen vorliegen, erklärt Karger.

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