05. Oktober 2018, 16:53 Uhr

Stopp Plastik

Gießener Laden kommt ohne Verpackungen aus

Jonas Hey und Louisa Willner verzichten im Alltag »so gut es geht« auf Plastik. Nun eröffnen die Gießener einen Laden. Im neuen »Unverpacktes Gießen« gibt es fast alles – bloß keine Verpackungen.
05. Oktober 2018, 16:53 Uhr
Jonas Hey und Louisa Willner eröffnen am nächsten Samstag den ersten Gießener Unverpackt-Laden. (Foto: Schepp)

Eine Woche vor der Eröffnung stehen die Lieferanten am Johannette-Lein-Platz Schlange. Jonas Hey (25) und Louisa Willner (24) haben alle Hände voll zu tun, um die Lieferungen im Lager zu verstauen. Anders als bei einem gewöhnlichen Supermarkt, der oft kleinteilige Päckchen auf Paletten erhält, handelt es sich bei Hey und Willner meist um große schwere Gebinde, die sie verräumen müssen. Ein 25-Kilo-Sack Erdnüsse zum Beispiel, 15 Kilo getrocknete Mangostreifen oder feine Haferflocken in rauen Mengen. Die beiden Gießener verzichten in ihrem Alltag »so gut es geht« auf Plastik. »Wir sind der Meinung, dass es unnötig ist, so viel Plastik zu produzieren und zu verwenden«, sagt Hey. Seit gut eineinhalb Jahren versucht das Paar, den Zero-Waste-Lifestyle zu leben – das bedeutet, keinen Müll zu produzieren.

 

Anlaufstelle für bewusste Kunden

Da das organisatorisch anstrengend und das Einkaufen in entsprechenden Märkten mit großen Wegstrecken verbunden sei, haben sie sich ein Herz gefasst und werden am nächsten Samstag, 13. Oktober, in der »Weinraumwohnung« einen eigenen Laden eröffnen.

Im »Unverpacktes Gießen« gibt es Lebensmittel, Hygieneartikel und Zubehör für einen bewussten nachhaltigen Lebensstil. Das gesamte Sortiment kommt ohne Verpackung aus. »Der Laden soll eine Anlaufstelle sein für bewusste Kunden, denen Umweltschutz und Nachhaltigkeit wichtig sind. In Gießen gibt es eine lebendige Bio-Szene. Viele Kunden halten dem Wochenmarkt oder Klatschmohn schon jahrelang die Treue. »Denen wollen wir es leichter machen, auch plastikfrei zu leben«, sagt Willner. Missionieren wolle man jedoch niemanden. »Wenn nur ein kleiner Teil mitmacht, ist schon geholfen.«

 

Alarmierende Zahlen

Umweltschützer sind schon lange überzeugt, dass es Zeit wird, sich mit der Vermeidung von Plastikmüll zu beschäftigen. Laut Plastikmüll-Studie 2017 wurden seit 1950 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff produziert. In Deutschland fielen schon im Jahr 2015 laut Umwelt-Bundesamt 18,2 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle an – so viel wie nie zuvor. Wenn der Plastik-Konsum mit der aktuellen Geschwindigkeit voranschreitet, gehen Forscher davon aus, dass 2050 dreimal mehr Plastik im Meer schwimmt als Fische.

Auch für Hey und Willner waren solche Zahlen alarmierend. »Man geht davon aus, dass 85 Prozent des Plastikmülls Verpackungsmüll ist«, sagt Hey. Was liegt also näher, als darauf zu verzichten? Wenn die beiden einkaufen, haben sie Wachspapier dabei, um sich Käse oder Kuchen einpacken zu lassen. »Ich trage auch immer ein Einweckglas und zwei Säckchen mit mir herum. Wenn ich mir Kaffee in das Glas gießen lasse, gucken manche zwar komisch, aber ich habe keinen Wegwerfbecher verwendet«, betont Willner.

 

Lebensmittel aus großen Spendern

In ihrem Laden wird es 120 Lebensmittelspender geben, die sogenannten Gravity-Bins sind das Herzstück. Sie erlauben den Kunden das Entnehmen der Ware in gewünschter Menge und unter Wahrung der Hygienevorschriften. Das Sortiment umfasst Nudeln, Reis und Getreideerzeugnisse, Schokolade und andere Süßigkeiten, aber auch Waschmittel und Hygieneartikel wie Shampooseife, Deocreme oder Zahnpasta-Tabs und -Bürsten aus Bambus. Auch Zwiebeln, Kartoffeln und eine Auswahl Eier, Milch und Käse aus der Region werden angeboten.

Der Ablauf des Einkaufs läuft so: Wiegen des leeren Gefäßes und Notieren des Leergewichts, Abfüllen des Produktes in gewünschter Menge, erneutes Wiegen des Behälters an der Kasse, das Leergewicht wird vom Gesamtgewicht abgezogen und die Ware bezahlt. Für spontane Einkäufe halten Hey und Willner Gläser mit Schraubverschluss und Papiertüten bereit. Ganz ohne Plastik geht es aber auch im »Unverpacktes« nicht. »Leider«, sagt Willner. Manche Lieferungen werden mit Plastikfolie umwickelt. »EU-Verordnung«, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Mit anderen Ladenbetreibern versucht sie, dagegen vorzugehen.

Hey und Willner sind überzeugt, dass das Konzept in ihrer Heimatstadt ankommt. »Gießen ist prädestiniert für einen solchen Laden. Es gibt so viele, die bewusst leben«, sagt Hey. In Deutschland wurde 2014 in Kiel der erste Unverpackt-Laden eröffnet. Derzeit gäbe es etwa 90 Läden, sagt Gregor Witt, Sprecher des Unverpackt-Verbands aus Köln. »Im vergangenen Jahr hat dieser Trend hier spürbar angezogen«, sagt er. Jetzt hat er Gießen erreicht.

Info

Zero Waste

Zero Waste bedeutet übersetzt Null Müll. Es ist eine nach Nachhaltigkeit strebende Philosophie. Sie verfolgt das Ziel, ein Leben zu führen, bei dem möglichst wenig Abfall produziert und Rohstoffe nicht vergeudet werden. Das Ziel soll insbesondere durch Konsumverweigerung, Abfallvermeidung, Reparaturen, Wiederverwendung, Kompostierung und Recycling erreicht werden. Mehrere Städte weltweit haben das Zero-Waste-Prinzip bereits auf die kommunale Ebene gehoben und erklärt, sogenannte Zero-Waste-Städte (regenerative Städte) werden zu wollen, und entsprechende Maßnahmen angekündigt oder eingeleitet. San Francisco beabsichtigt, die erste müllfreie Großstadt zu werden. (Wikipedia)

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