23. Dezember 2018, 15:00 Uhr

Weihnachtskrippen

Glaube zum Anfassen: Gießenerin hat Krippen erforscht

Die Gießenerin Dr. Birgitta Meinhardt hat die Entstehung und Symbolik von Krippen erforscht. Sie seien »Religiosität zum Anfassen«.
23. Dezember 2018, 15:00 Uhr
Früher standen Krippen vor allem in katholischen Kirchen. Heute findet man sie im Advent auch in evangelischen Gotteshäusern wie hier in der Gießener Luthergemeinde. (Foto: Schepp)

Ein neugeborenes Kind im Futtertrog, daneben die Eltern, Ochs und Esel, umringt von Hirten und den Weisen aus dem Morgenland: Die Szenerie ist den meisten Menschen vertraut. Dabei sind Weihnachtskrippen erst in den letzten Jahrzehnten in evangelischen Kirchen angekommen. Und ihre Wurzeln haben die Darstellungen von göttlichen Müttern mit Babys schon in vorchristlicher Zeit. Die Gießenerin Dr. Birgitta Meinhardt hat die Entstehung und Symbolik von Krippen erforscht. Sie seien »Religiosität zum Anfassen«.

Wie genau Jesu Geburtsort aussah, weiß niemand, erklärt die Theologin und Historikerin im GAZ-Gespräch. Vermutlich habe es sich um eine ausgebaute Höhle gehandelt, wie sie in Bethlehem ausgegraben wurden: »Vorne war der Wohnbereich, hinten der Stall.«

Die Vorstellung der Szene hat sich über die Jahrhunderte verändert. Darstellungen von Muttergottheiten gab es schon im alten Ägypten. »Die frühen Christen bedienten sich der traditionellen Bildersprache, füllten sie mit neuen Inhalten, um (Noch-)Nichtchristen von ihrem Glauben zu überzeugen«, erklärt die Expertin.

 

Vom Indianertipi bis zum Löwen

Alte Bräuche umgedeutet wurden auch beim Weihnachtsdatum. Ursprünglich wurde der Geburt Christi am 6. Januar gedacht. Im Jahr 321 verlegte Kaiser Konstantin den Gedenktag auf den 25. Dezember. Das war ein beliebter Feiertag als Geburtstag des Sonnengottes, erläutert Birgitta Meinhardt. »Konstantin wollte ein Fest für die Anhänger der alten und der neuen Religion.«

Erst 451 mit dem Konzil zu Chalkedon war das Glaubensbekenntnis ausformuliert. Um diese Inhalte den Gläubigen zu verdeutlichen, »brauchte man Bilder«, so die Theologin. Die Darstellungen sollen vor allem die Botschaft verdeutlichen,: »Jesus Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich.« So weist der Stall auf seine Menschlichkeit hin, die Verkündigung an die Hirten und die Anbetung durch die Weisen aus dem Morgenland auf seine Göttlichkeit.

Darf man göttliche Wesen zeigen? Die Weltreligionen sehen das unterschiedlich, und auch bei den Christen waren sakrale Darstellungen umstritten. Der »Bilderstreit« Ende des 8. Jahrhunderts ließ sie schließlich zu unter bestimmten Voraussetzungen. Ein Bild ist laut Meinhardt eine »gemalte Predigt und somit die Grundlage volkstümlicher Darstellungen biblischer Inhalte«. Es soll den Glauben greifbar machen, unter anderem für Menschen, die nicht lesen und schreiben können.

 

Frömmigkeit mit allen Sinnen

Diesen Gedanken griff Franz von Assisi (1182-1226) auf. Der Mann, der vom reichen Kaufmannssohn zum Gründer eines Bettelordens geworden war, feierte 1223 die Heilige Nacht mit Anhängern in der Einsiedelei Greccio nahe Assisi. Die Geburt Christi ließ er von einer Familie aus der Nachbarschaft und deren Tieren als lebendes Bild darstellen. Dazu hielt er eine mitreißende Predigt.

Nach der Reformation setzte die katholische Kirche verstärkt auf »Frömmigkeit, die alle Sinne ansprach und einen gewissen Unterhaltungswert mit emotionalen Elementen bot« – als Gegenstück zur »Tristesse des Alltags«. Dazu passten prächtig ausgestattete Barockbauten und eben auch die Krippe, erklärt die Gießenerin. Dort, wo sie von evangelischen Landesherren nicht in den Kirchen erwünscht waren, bauten sie die Katholiken zu Hause auf.

Erst seit einigen Jahrzehnten haben sie in protestantischen Kirchen Einzug gehalten. Auch in weniger religiösen Familien erfreuen sie sich großer Beliebtheit; dies drückt wohl die »Sehnsucht nach einer heilen Welt« aus, meint Birgitta Meinhardt.

 

Begleiter bis ins neue Jahr

Der Gestaltung sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Krippen können einen Bezug zum politischen Zeitgeschehen haben und Stilepochen von Barock über Expressionismus bis zur Neuen Sachlichkeit folgen. Das Heilgeschehen lässt sich leichter begreifen, wenn die Darstellung nah am Alltag des Betrachters ist. Das Spektrum ist breit: Es reicht vom westfälischen Bauernhaus mit Josef in Münsterländer Tracht über das nordamerikanische Indianertipi bis zur afrikanischen Hütte mit Kamel und Löwe.

In vielen Haushalten wird die Krippe erst am 24. Dezember aufgestellt oder – nach allmählichem Aufbau in der Adventszeit – mit der Jesusfigur fertiggestellt. Traditionell bleibt sie mindestens bis zum 6. Januar stehen. Nach römisch-katholischem Brauch begleitet sie die Menschen bis weit ins neue Jahr hinein. Stichtag zum Abbau ist hier der 2. Februar, Maria Lichtmess.

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