14. September 2018, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Manie und Malerei

Wolfgang Michaeli litt viele Jahre lang unter psychischen Störungen. Heute ist er gesund, die Krankheit ist aber noch immer fester Bestandteil seines Lebens. Und zwar in seiner Kunst.
14. September 2018, 14:00 Uhr
Wolfgang Michaeli in seinem Wohnzimmer, das er auch als Atelier nutzt. (Foto: Schepp)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Ich habe 41 Jahre Psychiatrieerfahrung: Die Begegnung mit Wolfgang Michaeli beginnt mit einem überraschend direkten Statement. Der 68-jährige Gießener litt schon früh unter Manien und Depressionen. »Am Anfang war es wie bei vielen Patienten nicht zu begreifen. Daher wurde die Krankheit auch lange nicht von einem Arzt behandelt.« Michaeli erinnert sich zum Beispiel an ein sechs Wochen langes Wachsein. »Das war in meiner Referendarzeit während der Ausbildung zum Städtebauer. Die Manie ist für den Patienten himmelhochjauchzend, gefolgt von Phasen tiefster Depression. Man gerät ständig in Konfrontation mit seiner Umgebung, der Familie. Meine Kinder kannten mich lange Zeit nur krank.«

Die psychischen Probleme mündeten 1986 in einen stationären Klinikaufenthalt. Weitere folgten. Michaeli berichtet, wie wichtig es für Psychiatriepatienten sei, eine Tagesstruktur aufzubauen und beizubehalten. Und hier nimmt die Kunst eine bedeutende Rolle ein.

2001, kurz vor dem Ende eines stationären Aufenthalts, saß Michaeli im Park der Klinik Am Steg und überlegte, wie er sein so wechselvolles Leben künstlerisch aufarbeiten könnte. Die Kunst hat den gebürtigen Wetzlarer schließlich seit frühester Jugend begleitet. Er begann, Materialien zu sammeln, die seit 2001 die »Baustellen seines Lebens« illustrieren: Tabakverpackungen, Tablettenschachteln, Kassetten mit Radiotexten. Inzwischen sind daraus Installationen geworden, die derzeit in einer Ausstellung des Wetzlarer Kunstvereins präsentiert werden. Die Arbeiten wurden bereits 2016 in Berlin mit großer Resonanz vorgestellt.

 

Gelernter Architekt

Michaeli erklärt die Auswahl seiner Objekte an der Rolle, die Medikamente in seinem Leben einnehmen. Es beginnt mit dem Rezept des Hausarztes, dem Abholen der verordneten Medikamente in der Apotheke und dem Stellen der Tagesdosis. Sieben mal am Tag muss eine Tablette eingenommen werden. Michaeli sammelt die Verpackungen, Blister und Beipackzettel. Er lagert sie ein und fügt sie mit Schere und Klebstoff zu einem Kunstwerk zusammen. Als Architekt bietet sich ihm die Herausforderung, Gebäude wie den Commerzbankturm in Frankfurt maßstabgetreu nachzubilden.

Michaeli ist starker Raucher. Auch der Tabak spielt insofern eine wichtige Rolle in seinem Leben. Mal sind Streichholzschachteln zu einem Kunstwerk verbunden worden. Mal sind es Tabakpackungen. Auf einer von ihnen steht: »Das Rauchen aufgeben – für Ihre Lieben weiterleben«. Zu erwähnen sind noch die mit Radiotexten bespielten Kassetten. Mehrere Tausend sind es, sorgsam beschriftet, aber nicht archiviert. Michaeli ist mit dem Rundfunk aufgewachsen. Sendungen aufzunehmen, gibt ihm die Möglichkeit Berichte zu hören, zurückzuspulen und erneut zu hören, ganz wie es seinem eigenen Rhythmus entspricht.

Den Grundstein für Michaelis künstlerisches Tun haben Paul Kloose, Alfred Georg Fischer und Leonore Vahrson-Freund gelegt. Michaeli hätte gerne Kunst studiert, das aber war ihm, dem jüngstem von sieben Geschwistern, verwehrt. Der Vater hielt nichts von derart »brotloser Kunst«. Michaeli entschied sich für ein Architekturstudium an der RTWH in Aachen und arbeitete nebenher als Tutor für Bildnerisches Gestalten. 25 Jahre lang war er in seinem Beruf als Stadtplaner aktiv. Mit 50 ging er krankheitsbedingt in den vorzeitigen Ruhestand. Heute ist er im Neuen Kunstverein in Gießen engagiert, im Marburger Kunstverein sowie im Wetzlarer Kunstverein. Sein politisch-gesellschaftliches Interesse reflektiert sich in verschiedenen Ehrenämtern, sei es in der Psychiatrieseelsorge, der Obdachlosenhilfe oder der Flüchtlingsseelsorge.

 

In jungen Jahren erkrankt

Im Alter von 27 Jahren tauchten seine psychische Probleme erstmals auf. »Gesund geworden bin durch eine Verhaltenstherapie an der Uniklinik. Ich habe gelernt, mich nicht zu überlasten, Kalender zu führen und eine Tagesstruktur zu haben.« Sich mit Malerei oder künstlerischem Gestalten zu befassen, sei dabei ein stabilisierendes Element.

Das Atelier von Michaeli befindet sich auf engstem Raum im heimischen Wohnzimmer, zum Lagern seiner Werkstoffe dient der Keller. Auf der Arbeitsplatte liegen Farbtuben, Buntstifte und Sprühdosen. Michaeli liebt es, mit unterschiedlichen Techniken zu experimentieren und Materialien zu kombinieren. »Schauen, arbeiten und wieder schauen,« so beschreibt der Künstler den Entstehungsprozess eines Bildes. Oft sitzt er tagelang an einem Werk. Das strengt ihn an, führt ihn aber auch zu überraschenden und beglückenden Ergebnissen. »Seine Bilder sind immer wieder neu und anders«, freut sich Ehefrau Manuela, die das künstlerisches Schaffen ihres Mannes nach Kräften unterstützt.

 

Die Werke von Wolfgang Michaeli werden derzeit unter dem Titel »Baustellen« in der Galerie des Wetzlarer Kunstvereins, Altes Rathaus, Hauser Gasse 17, gezeigt. Bis zum 7. Oktober sind sie hier freitags (16 bis 18 Uhr), samstags 11 bis 14.30 Uhr) und sonntags 13 bis 16 Uhr) zu sehen.

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