16. Mai 2018, 19:00 Uhr

Innenstadt-Gastronomie

»Nette Toilette«: Doppelt so viele Lokale machen mit

Verrenkungen, mit denen man sich am Kellner vorbeidrückt, will die »Nette Toilette« Besuchern der City ersparen. Der rote Kleber ziert nun doppelt so viele Lokale wie vor einigen Monaten.
16. Mai 2018, 19:00 Uhr
Hier dürfen auch Nichtgäste das WC nutzen: Der rote Aufkleber »nette Toilette« ist jetzt doppelt so häufig in der Innenstadt zu finden wie bisher. (Foto: Schepp)

Vom peinlichen Aufreger zum erfolgreichen Steuerungsinstrument: Die Neuregelung der Biergarten-Gebühr hat innerhalb eines Dreivierteljahres eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Die Idee der Stadt, der »Netten Toilette« mit finanziellen Vorteilen einen neuen Schub zu geben, ist aufgegangen. Statt bisher neun Anbieter gebe es nun doppelt so viele. Mit zwei Wirten sei man in Verhandlungen, weitere wolle man bald ansprechen. Das berichtet Magistratssprecherin Claudia Boje auf GAZ-Anfrage.

»Wir waren schon immer der Meinung, dass Toiletten für jedermann zur Verfügung stehen sollten. Wir haben nie jemanden abgewiesen, der höflich gefragt hat, und auch kein Geld dafür angenommen«, erklärt Minas Adis, Mitinhaber von Gutburgerlich sowie Schwätzer & Söhne. Nun ziert der offizielle rote Aufkleber »nette Toilette« die Eingangstüren. Damit verbunden ist eine deutliche finanzielle Entlastung.

Quasi versehentlich hatte die Stadtverordnetenversammlung im Juni 2017 die drastische Erhöhung der Außengastronomie-Gebühr durchgewinkt. Erst durch die GAZ-Berichterstattung wurde öffentlich, dass etliche Wirte zwei- bis zweieinhalbmal so viel bezahlen sollten wie zuvor. Es folgte ein »Shitstorm« und eiliges Zurückrudern, verbunden mit einem Kniff: Die Stadt versprach all denen einen Rabatt, die ihre sanitären Anlagen auch für Nicht-Gäste öffnen (siehe Kasten). Am meisten sparen können die Lokale mit großen Terrassen – erfahrungsgemäß erwarten Passanten dort, dass die Bedienungen keinen Überblick über ihre Gästeschar haben, und nutzen deshalb besonders häufig das WC.

 

Win-Win-Win-Win-Win-Situation

 

Dass die Stadt die Pflichtgebühr mit der eigentlich freiwilligen Teilnahme an der »netten Toilette« verknüpfte, hat in Minas Adis’ Augen zwar einen »faden Beigeschmack«. Letztlich sei aber eine »Win-Win-Situation« entstanden.

Man könnte drei weitere Male »Win« anfügen, denn tatsächlich profitieren fünf Interessengruppen. Erstens: Innenstadtbesuchern bleibt es erspart, den Gast zu mimen und sich mit vermeintlich unauffälligen Verrenkungen am Kellner vorbeizudrücken. Zweitens: Diejenigen Gastronomen, die öffentliche Freiflächen belegen, zahlen im Vergleich zu früher nur eine mäßig erhöhte Gebühr. Das kommt drittens auch den Gästen zugute: Überlegungen wie höhere Getränkepreise oder weniger Tische draußen wurden nicht umgesetzt.

Viertens: Die Stadt kann auf selbst betriebene öffentliche Toiletten weitgehend verzichten. Nicht nur in Gießen sind die meisten Anlagen längst geschlossen, weil sie immer wieder Vandalen anzogen. Mehrere zehntausend Euro kostet die Unterhaltung samt Reparaturen im Jahr. Viel günstiger ist es, den Wirten eine Entschädigung für Reinigung, Aufsicht und Kosten für Wasser, Seife und Klopapier zu bezahlen. Und so hat – fünftens – letztlich auch der Steuerzahler etwas von dem bundesweit verbreiteten Konzept.

»Wir sind froh darüber, dass bekannte Betriebe dabei sind«, erklärt Claudia Boje und nennt Alt- und Neuteilnehmer wie Türmchen, Stadtcafé, News-Café, Bolero, Geschmacksverkehr, Koia, McDonald’s, Karstadt, Zum Löwen, Da Vinci, Hawwerkasten, Café Geißner, Gianoli, Gutburgerlich und Schwätzer & Söhne. Angesprochen habe die Stadt bisher nur Lokale in der Innenstadt, an denen viel Publikumsbetrieb herrscht und die besonders vom Biergartengebühr-Rabatt profitieren. »Natürlich kann bei der Aktion aber jeder mitmachen, jeder ist willkommen. Wir werden die Werbung dafür weiter intensivieren.«

In den letzten Jahren hatte es offenbar kaum Informationen gegeben. »Ich kannte das Projekt vorher gar nicht«, sagt ein Gastronom, der seit wenigen Jahren ein Restaurant in der Innenstadt betreibt. Er war noch nicht im Geschäft, als eine von der Stadt beauftragte ehrenamtliche Agenda-Gruppe im Vorfeld der Landesgartenschau 2014 erstmals für die »nette Toilette« trommelte und stolz 26 Standorte meldete (darunter auch einige in öffentlichen Gebäuden vom Museum bis zum Rathaus). Beim derzeitigen Boom der roten Aufkleber gibt es also noch Luft nach oben.

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