"Basilico"

Pizza und Pasta im früheren "Burghof"

Der "Burghof" in der Neuen Bäue in Gießen war jahrzehntelang eine Institution. Nun hat ein neues Restaurant in dem geschichtsträchtigen Haus eröffnet.
12. Januar 2018, 14:00 Uhr

Von Jonas Wissner , 1 Kommentar
Unter neuem Namen hat der »Burghof« kürzlich wieder eröffnet. (Foto: Schepp)

1872: In Glasgow findet das erste Fußball-Länderspiel statt, im ein Jahr zuvor gegründeten Deutschen Kaiserreich erklärt Reichskanzler Bismarck den »Kulturkampf« mit den Katholiken. Eine längst vergangene Zeit, aus der keine Zeitzeugen mehr berichten können. Auch viele Gießener Gebäude aus dieser Epoche stehen nicht mehr, sind ausgebombt oder abgerissen worden. Doch manches Baudenkmal ist als stummer Zeuge geblieben.

Das gilt auch für das Haus mit der Nummer 23 in der Neuen Bäue, erbaut 1872. Der spätklassizistische Bau mit hohen Fenstern ist »aus städtebaulichen und geschichtlichen Gründen« als Denkmal geschützt, wie es im Gießener Denkmalverzeichnis heißt. Über die Jahrzehnte hinweg war das Haus ein für die Stadt wichtiges Gebäude – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Die größte Bekanntheit erlangte es als Sitz des Lokals »Burghof«. In jüngster Vergangenheit wechselten die Gastronomen häufig. Soeben ist das Restaurant »Basilico« eröffnet worden.

Jüdische Besitzer verfolgt

Einst residierte dort jedoch das Bankhaus Herz, geführt von Joseph Herz. Nachdem sein Sohn Moritz den Betrieb übernommen hatte, begann das düsterste Kapitel des Hauses, nachzulesen auf der Internetseite von »Stolpersteine Gießen«. Die Nationalsozialisten übernahmen die Macht und gingen bald daran, jüdische Mitbürger aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Im März 1938 muss Moritz Herz das Bankgeschäft aufgeben.

Nachdem schon in den Jahren zuvor jüdische Unternehmen boykottiert worden waren, tobt am 9. November 1938 in vielen Städten ein wütender Mob: In der »Reichspogromnacht« gehen Synagogen in Flammen auf, auch die Räume des Bankhauses werden verwüstet. Moritz Herz wird für etwa fünf Wochen in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht, kommt dann wieder frei. Vergeblich versucht er, seine Kinder im Ausland in Sicherheit zu bringen. 1942 wird die Familie Herz mit vielen anderen Gießener Juden per Zug deportiert. Moritz Herz stirbt im Vernichtungslager Treblinka. Inzwischen hatte die gefürchtete Geheime Staatspolizei (Gestapo) im früheren »Bankhaus « Quartier bezogen. Im Keller werden Menschen qualvoll gefoltert.

Das Haus überlebt den Krieg – und beherbergt einige Jahre später wieder ein Unternehmen. Die Gastronomie hält Einzug und das Gebäude wird als »Burghof« allmählich zu einer festen Größe in der Gießener Restaurantszene.

Der »Burghof« war mein Leben

Ex-Inhaber Carmelo Parise

1978 übernimmt Carmelo Parise das Lokal, bietet dort deutsche und italienische Küche an. »Ich wollte mein Glück versuchen, habe nach einem Restaurant in guter Lage gesucht. Es ist mir gelungen, dort eine Heimat zu finden«, blickt der heute 70-Jährige zurück. 30 000 Mark habe er damals für das Inventar an die Vorbetreiberin gezahlt und auch eine Wohnung in dem Haus gemietet. 1981 folgt eine Grundsanierung, fünf Jahre später kauft Parise das frühere Bankhaus. Beliebt war der »Burghof« nicht zuletzt wegen der langen Öffnungszeit: Bis 3 Uhr nachts war die Küche geöffnet, eine große Ausnahme in der Gießener Restaurantlandschaft. »Die Leute vom Stadttheater hatten oft bis spät abends Proben oder Konzerte und wollten dann noch etwas Warmes essen«, sagt Parise. »Sie haben bei der Stadt ein gutes Wort für mich eingelegt«. So kam der Wirt zu seiner Nachtkonzession. 2000 Mark habe ihn das pro Quartal gekostet, »aber es hat sich gelohnt«. Als sich die langen Öffnungszeiten und das kulinarische Angebot herumgesprochen hatten, brachen »goldene Jahre« an, erinnert sich Parise. »Ich danke Gott heute noch, dass er mir das geschenkt hat.«

Harte Arbeit

Der Preis für guten Umsatz war harte Arbeit, von morgens bis nachts. »Manche sind nachts um zehn vor drei gekommen und wollten essen. Ich konnte nicht Nein sagen, ich wollte niemanden enttäuschen.« Seine Frau war Küchenchefin, er hatte im Service das Sagen. Der Betrieb lief rund – bis der Chef 2006 schwer erkrankte. Seine Familie habe ihn gebeten, mit Blick auf die Gesundheit aufzuhören. »Einen Monat später war ich wieder fit, aber da war der Vertrag mit dem neuen Pächter unterschrieben«, sagt Parise wehmütig. Bis 2010 führte er eine Bar am Kugelberg, aber »der ›Burghof‹ war mein Leben, ich hing sehr dran«.

Im geschichtsträchtigen Gebäude in der Neuen Bäue folgte das »Bakchos« mit griechischer Küche. Als der Betreiber aus Altersgründen aufgehört habe, sei als nächstes ein türkisches Restaurant eröffnet worden, diesmal wieder als »Burghof«. Doch der bewährte Name brachte offenbar wenig Glück. Der Inhaber sei »kein Gastronom gewesen«, sagt Parise. Nach etwa einem halben Jahr war Schluss. Danach wurden im »Il Cilento«. wieder italienische Speisen serviert. Zum 31. August 2017 schloss der Chef dieses Restaurant aus gesundheitlichen Gründen – so wie einst Parise selbst. »Das ist typisch für die Gastronomie. Erst dreht man Däumchen und dann könnte man plötzlich sechs Hände gebrauchen, um alle zu bedienen«, sagt Parise über den Stress, dem der Körper auf Dauer Tribut zollen muss.

Nach einer Umbaupause hat nun der nächste Gastronom eröffnet. Das neue Restaurant heißt »Basilico«. Die Speisekarte ist breit gefächert: Von italienischen Spezialitäten wie Pizza und Pasta über Ofenkartoffeln bis hin zu Burgern und Steaks. Das Design des Gastraums ist modern gehalten. Der Pachtvertrag läuft – laut Parise – vorerst über fünf Jahre mit Option auf weitere fünf Jahre. Parise, der inzwischen nicht mehr in der Neuen Bäue wohnt, ist guter Dinge, dass es diesmal besser klappt.

Zusatzinfo

Außenwerbung muss weg

Bei der Gestaltung seiner Außenwerbung war der Betreiber des neuen Restaurants »Basilico« in der Neuen Bäue 23 offenbar zu voreilig und hat die Rechnung ohne die Vorgaben der Stadt gemacht. An der Hausfassade bewarb er bisher verschiedene angebotene Speisen auf einer Länge von mehreren Metern, wie auf dem Foto zu erkennen ist.»Die Werbeanlage im Sockelbereich entspricht nicht der Werbeanlagensatzung der Stadt Gießen«, teilte die Pressestelle der Stadt am Mittwoch auf Anfrage dieser Zeitung mit. »Lediglich während zweier Wochen aus Anlass von Geschäftseröffnungen sind solche Transparente zulässig. Da diese Zeit überschritten ist, wurde der Betreiber heute aufgefordert, die Transparente wieder abzuhängen«, heißt es in der Antwort der Stadt.

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