09. März 2018, 06:00 Uhr

Grippewelle

So stemmt das Gießener Gesundheitssystem die Grippewelle

Die Wartezimmer sind voll und das Krankenhaus zählt mehr stationäre Grippepatienten. Die Grippewelle schwappt noch immer über die Stadt. Wie läuft das Gesundheitssystem im Hochbetrieb?
09. März 2018, 06:00 Uhr
Das Gesundheitssystem muss derzeit einiges aushalten. Die Grippewelle fordert das Praxispersonal, die Ärzte sowie die Krankenkassen in Gießen. (Foto: Schepp)

Es tut mir leid, die Wartezeit beträgt heute mehrere Stunden«, sagt die Arzthelferin ins Telefon. Kaum hat sie den Hörer aufgelegt kommt schon der nächste, schniefende Patient zur Tür herein. Die Praxis in der Neustadt gleicht einem Taubenschlag. »So schlimm wie in diesem Jahr, war es noch nie«, sagt Samantha Winterkorn über die Grippewelle. Als Arzthelferin arbeitet sie seit sechs Jahren in der Gemeinschaftspraxis Rak, Schöndorf, Meisler und Fleck. Zwei bis drei Stunden müssten die Patienten mitunter auf eine Behandlung warten. Oft schicke sie weniger stark Erkrankte noch einmal weg, zum Beispiel nach Hause oder in ein Café.

Die Grippe ist nach Fasching losgebrochen wie ein Paukenschlag

Dr. Werner Fleck

»Das Wartezimmer birgt ein Infektionsrisiko«, erklärt Werner Fleck diese Praxis. Die langen Wartezeiten ließen sich leider nicht immer vermeiden. »Man muss die Patienten sehr genau untersuchen«, sagt Fleck. »Nicht jeder hat eine Grippe. Auch Patienten mit Erkältung, Scharlach oder Lungenentzündung erwarten eine korrekte Diagnose.« Nichtsdestotrotz, ist sind die häufigeren Grippeerkrankungen auch in der Gießener Praxis zu beobachten. »Während im Januar noch relativ wenige Fälle aufgetreten sind, ist die Grippe nach Fasching losgebrochen wie ein Paukenschlag«, sagt er.

 

Grippe kann zur Gefahr werden

Der größte Patientenansturm des Jahres heißt für die Ärzte und Arzthelferinnen kurze Mittagspausen und viel Arbeit bis in den Abend. »Es ist schon stressig«, sagt Winterkorn. »Viele Patienten fragen nach den Wartezeiten und wir müssen sehr viel planen und gut organisiert sein.« Von den sechs Helferinnen und vier Ärzten der Praxis ist bislang niemand an Grippe erkrankt. »Wir desinfizieren uns nach jedem Patientenkontakt die Hände«, sagt sie. »Und wir sind gegen Influenza geimpft.« Zu einer Impfung mit dem vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Vierfach-Impfstoff rät auch Fleck.

Gefährlich und sogar lebensbedrohlich kann eine Grippe etwa für ältere Menschen und solche mit Herz- oder Lungenproblemen sein. Diese Patienten schickt der Hausarzt bei Bedarf ins Krankenhaus – vermehrt ist das auch in Gießen der Fall. »Wir merken seit Ende November die stetige Zunahme an Fällen«, sagt Frank Steibli, Pressesprecher des Uniklinikums Gießen.

Mit einer normal verlaufenden Grippe muss man nicht ins Krankenhaus

Frank Steibli, Pressesprecher des Uniklinikums Gießen

Auch an den Wochenenden kämen immer wieder Patienten mit Grippesymptomen ins Haus. »Mit einer normal verlaufenden Grippe muss man nicht ins Krankenhaus«, sagt er. Dafür sei in der Regel der ärztliche Bereitschaftsdienst zuständig, der ebenfalls im Klinikum sitzt und an den die Klinikärzte dann verweisen. Nur wenn zusätzliche Symptome, wie etwa Atemnot, zu einer bedrohlichen Situation für den Patienten führen, wird er im Krankenhaus untersucht und bei Bedarf stationär aufgenommen.

 

50 Prozent mehr Anrufe beim Bereitschaftsdienst

Stoßzeit beim hessischen Bereitschaftsdienst ist genau dann – wenn viele Ärzte am Wochenende eine Pause vom Trubel in der Praxis haben. Die Zentralen in Fulda und Frankfurt rufen Patienten unter 116117 derzeit verstärkt an, um medizinischen Rat zu erhalten oder nach dem Notdienst vor Ort zu fragen. »Wir verzeichnen im Moment Steigerungen von annähernd 50 Prozent bei den Anrufen«, sagt Eckhard Starke, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. »Statt rund 1100 Anrufen an einem normalen Samstag oder Sonntag sind es derzeit 1900 Anrufe und mehr pro Standort.«

Auch bei der Barmer Gießen laufen die Drähte heiß. An der Grippe-Hotline der Krankenkasse sollten Ärzte eigentlich nur eine Woche lang Anrufer beraten. Der Service wurde wegen der großen Nachfrage jedoch um eine weitere Woche verlängert.

Die Erreger machen jedoch auch vor einer Krankenkasse nicht Halt. Von den sieben Mitarbeitern in Gießen, seien zeitweise drei krank gewesen, berichtet Michael Jäger, Regionalgeschäftsführer der Barmer in Gießen. Die verbleibenden Kollegen seien eingesprungen und auch Jäger selbst habe am Stehpult gestanden, um Versicherte zu beraten. »Ich habe als Regionalgeschäftsführer eigentlich andere Aufgaben, aber ich hab’s dann einfach mitgemacht«, sagt er. Über die dennoch längeren Wartezeiten hätten sich die Versicherten nicht beschwert. Vielleicht weil die Mitarbeiter ihnen dafür Wasser und Tee servierten.

Info

Grippe-Hotline bis zum 09.03.2018

Wegen der aktuellen Grippewelle in Hessen hat die Krankenkasse Barmer Hotlines in allen Kreisen und kreisfreien Städten Hessens eingerichtet. Die beratenden Ärzte gehören zum zentralen Team des sogenannten Teledoktors der Krankenkasse, das bundesweit aktiv ist. Noch bis zum 09.03.2018 ist die Grippe-Hotline kostenlos für alle Interessierten von neun bis 21 Uhr erreichbar unter der Nummer 0800/8484111.

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