04. Januar 2019, 06:00 Uhr

AStA-Finanzen

Was macht der AStA mit dem Geld der Studenten?

Etwa zehn Millionen Euro umfasst der Haushalt der Studentenschaft der Universität Gießen. Woher kommt das viele Geld? Und was wird damit gemacht? Die beiden AStA-Finanzreferenten erklären es.
04. Januar 2019, 06:00 Uhr
Henrik Marx (22, links) und Lucas Müller (24) sind beim Allgemeinen Studierendenausschuss der Justus-Liebig-Universität für die Finanzen zuständig. (Foto: Schepp)

Was haben Bundestag, Stadtverordnetenversammlung und Studentenparlament gemeinsam? Einiges! Es sind demokratisch gewählte Gremien, die wichtige Entscheidungen treffen: Für 80 Millionen Menschen in Deutschland, 85 000 Gießener oder die 28 000 Studierenden der Justus-Liebig-Universität. Bei ihnen heißt das Parlament Stupa, die Regierung AStA, was für Allgemeinen Studierendenausschuss steht. Und einmal im Jahr verabschiedet das Stupa – so wie anderen Parlamente – einen Haushalt. 9,7 Millionen Euro umfasst der Etat 2019.

Aufgestellt haben ihn zwei Studenten in ihrem Amt als Finanzreferenten: Henrik Marx, 22 Jahre, er studiert im »Hauptberuf« Wirtschaftswissenschaften. Und Lucas Müller, 24, Jura-Student. Sie gehören der Jusos-Hochschulgruppe an, die mit der Grünen Liste koaliert, sie stellen im Stupa die Mehrheit. Gedruckt umfasst der Haushalt 45 Seiten.

Ein Posten sticht heraus, das Semesterticket. Mit rund 9 Mio. Euro verschlingt es den Löwenanteil der Ausgaben. Dahinter verbergen sich: Freie Fahrt im öffentlichen Personennahverkehr in ganz Hessen, aber auch freier Eintritt in den Gießener Freibädern oder im Stadttheater und kostenlose Leihfahrräder – Zuckerstückchen, bei denen man neidisch werden kann.

Ist es ein Geschenk für die Studenten, wie das Jobticket, das das Land seinen Bediensteten spendiert? Nein! Die Studenten finanzieren diese Angebote selbst, mit rund 130 Euro pro Semester, die sie bei jeder Rückmeldung als Teil des Semesterbeitrags zahlen. Grundlage sind Verträge, die der AStA mit dem Rhein-Main-Verkehrsbund, den Stadtwerken und anderen abgeschlossen hat. »Es sind Projekte, von denen die Studierenden direkt profitieren«, sagen Marx und Müller, die darin die »rot-grüne Handschrift« sehen. Jusos und Grüne Gruppen waren Mitte der 90er Jahre dabei, als der erste Semesterticketvertrag mit dem RMV in Gießen abgeschlossen wurde.

So früh so viel Verantwortung zu übernehmen macht schon ein bisschen stolz

Henrik Marx

Was der AStA tun und lassen darf oder muss, ist im hessischen Hochschulgesetz festgeschrieben. Unter anderem soll er die sozialen und kulturellen Belange der Studenten wahrnehmen und ihre »politische Bildung und das staatsbürgerliche Verantwortungsbewusstsein« fördern. Auch hier setzt der amtierende AStA die Tradition seiner Vorgänger fort: So bietet er kostenlose Beratungen an (23 500 Euro pro Jahr), beispielsweise zum Bafög- und Mietrecht, und psychologische Sprechstunden (43 000). Hier stehen Fachleute wie Rechtsanwälte oder Therapeuten bereit, die der Studentenausschuss bezahlt. Es gibt einen »Solifonds« für »unverschuldet in Not geratene Studierende«, der nach Prüfung Darlehen zur Verfügung stellt, wenn der Studienabbruch droht und sonst niemand hilft (43 000 Euro pro Jahr).

Auch Veranstaltungen zu Themen wie Wohnen, Antifaschismus oder Diskriminierung von Minderheiten gehören dazu. In kleinem Umfang werden auch außeruniversitäre Einrichtungen wie das Gießener Frauenhaus oder der Verein Wildwasser unterstützt, sie erhalten jeweils rund 6000 Euro jährlich. Das sei notwendig und legitim, bekräftigen die Finanzreferenten: »Beide Einrichtungen sind auch für Studentinnen da«.

Auch das Geld für diese Leistungen kommt nicht vom Land und auch nicht von der Universität, sondern allein von den Studierenden – über ihren Beitrag zur Verfassten Studierendenschaft, derzeit sind das acht Euro pro Person und Halbjahr, die jeder Einzelne bei seiner Einschreibung und dann bei jeder Rückmeldung zum Semester zahlen muss. Bei 28 000 Studenten kommen so pro Jahr über 400 000 Euro zusammen. Das Geld taucht als zweitgrößter Einnahmeposten (nach dem Semesterticket) im Haushalt auf. Hinzu kommen dann nur noch kleinere Beträge wie die Einnahmen bei Veranstaltungen, etwa der großen Erstsemester-Party.

Ich kann hier hochschulpolitisch arbeiten und etwas erreichen

Lucas Müller

Finanzielle Unterstützung erhalten auch die studentischen Fachschaften für ihre Arbeit in den elf Fachbereichen der Universität (42 000). Im AStA-Büro fallen zudem Personalkosten für Fachkräfte an, die die Verwaltung am Laufen halten (80 000 Euro). Die Referenten selbst bekommen auf Antrag eine »Aufwandsentschädigung«, maximal 400 Euro pro Monat, etwas mehr als der halbe Bafög-Höchstsatz. Hintergrund ist, dass sich das Studium durch die Arbeit im AStA oft verlängert. Bei den 19 Referaten summieren sich die Kosten pro Jahr auf 100 000 Euro.

Lucas Müller ist erst seit zwei Monaten dabei. Bislang studiert er »ganz normal«, erledigt seinen Referentenjob außerhalb der Vorlesungen (»ich verzichte dafür lieber mal am Abend auf eine Party«). Kollege Marx ist schon zwei Jahre im Amt, hat also mehr Erfahrung und weiß schon, welche Belastungen die Arbeit mit sich bring. »In der Regelstudienzeit werde ich mein Studium wohl nicht beenden können.« Dennoch betonen beide, dass es die richtige Entscheidung war, sich in den Gremien zu engagieren. Man lerne sehr viel. So früh so viel Verantwortung zu übernehmen, mache stolz. »Ich kann hier hochschulpolitisch arbeiten und etwas erreichen«, erklärt Müller, der wie Henrik Marx SPD-Mitglied ist.

Ob sie sich eine politische Karriere vorstellen können? Marx sagt, er sehe seine Zukunft eher im »Financial Management«. Da würden die Erfahrungen als AStA-Finanzreferent bestimmt nicht schaden. Ein politische Karriere strebe er nicht an. Müller tut das auch nicht, will sie aber auch nicht ausschließen.

Sollten beide später tatsächlich in der Politik landen, wären sie nicht die ersten Gießener Studenten. Die langjährige Wirtschafts- und Justizministerin Brigitte Zypries war hier in den 70ern Präsidentin des Studentenparlaments – und der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Fachschaft Jura aktiv.

Zusatzinfo

Stupa und andere Gremien

An den hessischen Hochschulen gibt es eine studentische Selbstverwaltung, das ist gesetzlich festgelegt. Dazu gehören Gremien wie in der »großen Politik«. So wählen die Studierenden – an der Justus-Liebig-Universität sind es derzeit 28 000 – einmal im Jahr das Studentenparlament. Dabei treten verschiedenen Listen an. Im Gießener Stupa haben derzeit Jusos und Grüne Liste die Stimmenmehrheit. Das Parlament wählt auch die Referenten des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), die »Regierung«, und verabschiedet den Haushalt.

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