14. März 2019, 14:00 Uhr

Straßenbahn

Welche Rolle spielt die Straßenbahn in der Verkehrsplanung der Stadt Gießen?

Spielt die Schiene bei der Verkehrsentwicklungsplanung der Stadt Gießen auf absehbare Zeit eine Rolle? Dazu gab es bei der Sitzung der Agenda21-Gruppe »Nachhaltige Mobilität« klare Meinungen.
14. März 2019, 14:00 Uhr

Von Burkhard Möller , 1 Kommentar
Bis zum Neuen Friedhof fuhren früher die Gießener Straßenbahnen. (Foto: Stadtarchiv)

Als sich die neue Agenda21-Gruppe »Nachhaltige Mobilität« vor einigen Wochen gründete, wurde die Zukunft des Schienennahverkehrs von den über 50 Anwesenden zum wichtigsten Thema gewählt. In der dritten Sitzung am Dienstagabend im Vortragsraum der Kongresshalle musste die Gruppe zur Kenntnis nehmen, dass eine Reaktivierung der Straßenbahn derzeit kein Thema für die Stadt ist. Im aktuellen Prozess zur Erstellung eines neuen Verkehrsentwicklungsplans (VEP) spiele die Schiene keine Rolle, erklärte der städtische Verkehrskoordinator Ralf Pausch. Gleichzeitig schloss Pausch nicht aus, dass es zu einem späteren Zeitpunkt eine Studie gibt, ob ein schienengebundener Nahverkehr in Gießen machbar ist, sagte der Stadtmitarbeiter. Angesichts komplexer Fragestellungen könne man eine Straßenbahn mit Kilometerkosten zwischen »zehn und 20 Millionen Euro« nicht einfach in den aktuellen VEP-Prozess integrieren. Pausch: »Da stellen sich ja auch so Fragen wie: Wo parkt die denn?«

 

Kirchhof wird gerügt und legt nach

Die mit knapp 50 Teilnehmern erneut gutbesuchte Sitzung hatte mit einem »unangenehmen Thema« begonnen, wie sich Gruppengründer Klaus Hass ausdrückte. Für großen Unmut in der neuen Agenda-Gruppe hatte das Vorgehen von Thomas Kirchhof, Vorsitzender des BID-Vereins Marktquartier, gesorgt. Wie berichtet, hatte Kirchhof im Nachgang der ersten Sitzung in einem Schreiben die Hauseigentümer und Geschäftsleute des Marktquartiers zur Mitarbeit in der Agenda-Gruppe aufgerufen, um zu verhindern, dass sich dort die Befürworter einer autofreien Innenstadt durchsetzen und ihre Ideen – Kirchhof nannte den autofreien Brandplatz als Beispiel – ins Stadtparlament tragen. Mit Wohlstand hätten diese Leute, die vermutlich von staatlichen Geldern lebten, nämlich nichts am Hut.

Mit Hinweis auf das in den Agenda-Gruppen geltende Konsensprinzip forderte Hass den BID-Vorsitzenden auf, »diese Art der Kommunikation einzustellen« und zur sachlichen Arbeit in der Gruppe zurückzukehren. Andere Teilnehmer wurden deutlicher, nannten das Vorgehen Kirchhofs »unterste Schublade« und »Verunglimpfung« von Gruppen-Mitgliedern. In der Sache blieb Kirchhof bei seiner Kritik: »Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass hier einige keine Vorstellung davon haben, wie hart der Einzelhandel um Umsätze kämpfen muss und wie er in Zukunft sein Geld verdienen soll.« Auch »in Teilen der Stadtpolitik« vermisse er dieses Verständnis, fügte Kirchhof hinzu, ohne Parteien zu nennen. In seinem Schreiben hatte er SPD und Grüne genannt, die Forderungen nach einer Verbannung der Autos vom Brandplatz womöglich dankbar aufnehmen würden.

 

Anlagenring als Einbahnstraße

Der frühere Stadtmitarbeiter und Stadtplaner Reinhard Bayer schlug vor, künftig nicht mehr mit dem Begriff »autofrei« zu arbeiten, sondern realistischerweise mit der Formulierung »autoarm«. Kirchhof habe sich »unglücklich ausgedrückt«, aber der BID-Vorsitzende sei bestimmt kein Autofanatiker. »Als wir 2003 bei der Stadt den Umbau des Markplatzes geplant haben, hat uns Thomas Kirchhof dabei unterstützt, dass die Busse nach dem Umbau weiter zum Marktplatz fahren können«, sagte Bayer.

Im Mittelpunkt des weiteren Abends stand dann ein Vortrag des früheren Industriemanagers Dr. Volkhard Nobis, der sein Konzept »Gießen 21+« für einen nachhaltigen Stadtverkehr mit Radschnellwegen, einem einspurigen Anlagenring als Einbahnstraßensystem und dem »regenerativen Stadtauto« mit Elektroantrieb vorstellte, das man auch in einem Zugträgersystem überallhin mitnehmen könnte. Für seinen visionären Ansatz erhielt der Busecker Lob aus der Runde, aber auch viel Skepsis war spürbar: »Die Bahn ist ja nicht einmal in der Lage, die Fahrräder zu transportieren«, stellte ein Teilnehmer fest.

Später stimmte die Gruppe noch das weitere Vorgehen ab. Angesichts der Größe der Gruppe, der Vielzahl an Themen und deren Komplexität wird es wohl auf die Bildung von drei Arbeitsgruppen zu den Themen Radfahrer/Fußgänger, Autoverkehr und Schiene/ÖPNV hinauslaufen.

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