07. Mai 2008, 19:00 Uhr

»Sein Schweigen hat vielen das Leben gerettet«

Alsfeld (ml). »Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, der wird blind für die Gegenwart«. Dieses Zitat des Altbundespräsidenten Richard von Weizsäckers ist Motivation für die Geschwister-Scholl-Schule Alsfeld einmal jährlich Projekttage zu veranstalten, in denen man an die Namensgeber der Schule erinnert.
07. Mai 2008, 19:00 Uhr
Zeitzeugin Anneliese Knoop-Graf berichtete über die Widerstandsgruppe Weiße Rose. (Foto: ml)

Alsfeld (ml). »Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, der wird blind für die Gegenwart«. Dieses Zitat des Altbundespräsidenten Richard von Weizsäckers ist Motivation für die Geschwister-Scholl-Schule Alsfeld einmal jährlich Projekttage zu veranstalten, in denen man an die Namensgeber der Schule erinnert. So auch in dieser Woche. Vom 6. bis zum 8. Mai befasste sich der Unterricht in den Jahrgangsstufen fünf, sieben und neun ausschließlich mit den Themen Nationalsozialismus und die Widerstandsgruppe Weiße Rose. Denn man wolle den Namen der Schule auch zur Verpflichtung machen und den Schülern vermitteln, was es damit auf sich hat, so der zweite Konrektor Ulf-Dieter Fink.

Dazu hatte man auch in diesem Jahr wieder eine Zeitzeugin gewinnen können, die den Schülern der neunten Klassen von ihren Erfahrungen und ihrem Leben berichtete. Anneliese Knoop-Graf war zwar nie selbst Mitglied der Weißen Rose, aber ihr Bruder Willi Graf gehörte zu der Gruppe um Hans und Sophie Scholl. Organisiert wurden die Projekttage von Fink sowie dem Fachlehrer Michael Winter und Birgit Kasten, Fachbereichsleiterin Politik und Wirtschaft. Normalerweise wurden diese Projekttage im Februar durchgeführt, was durch verschiedene Termine dieses Jahr nicht möglich gewesen sei, erklärte Fink. Man habe sie daher bewusst auf die Zeit zwischen dem 5. Mai (Europatag) und dem 8. Mai (Kriegsende) gelegt.

Ein großes Interesse der Schüler könne man während der gesamten Projekttage deutlich spüren, meinte Kasten. Es werde nicht »bloßes Geschichtsbuch-Wissen« vermittelt, sondern aus erster Hand berichtet, sagte Fink. Und die Zeitzeugin Anneliese Knoop-Graf trug ihren Teil zu gelungenen Projekttagen bei. Sie berichtete den Schülern von ihren Erlebnisse in jener Zeit, von den Begegnungen mit den Geschwistern Scholl und besonders über ihren Bruder. Während Willi Graf von Anfang an ein entschiedener Gegner der Nazis war, bevorzugten ihre Eltern den Weg des stillen Duldens. Er weigerte sich, der Hitlerjugend beizutreten und wurde im Krieg als Sanitäter eingesetzt. In dieser Zeit gab es einen regen und intensiven Briefkontakt mit seiner Schwester, und er berichtete auch von den Gräueltaten der Wehrmacht an der Ostfront.

1942 zog Knoop-Graf nach München zu ihrem Bruder, wo sie dann auch die anderen Mitglieder der Weißen Rose kennenlernte. Sie selber war aber nie in Aktivitäten der Gruppe eingeweiht oder gar involviert, obwohl sie »eine Ahnung hatte«. Ihr Bruder habe sie stets rausgehalten, weil er der Meinung war, dass diese gefährlichen Aktionen »nichts für Mädchen sind«. Einige Tage wohnte Knoop-Graf sogar bei den Geschwistern Scholl. Dort habe sie sich allerdings »mehr am Rand bewegt«, und es sei keine Freundschaft daraus geworden. Heute bedauere sie dies sehr. »Zu meiner Trauer muss ich sagen, dass ich damals nicht begriffen habe, dass Sophie Scholl etwas ganz Besonderes war«, so Knoop-Graf. Im Alltag habe es wenig Kontakt zu den Scholls gegeben. Denn trotz der schweren Belastungen durch den Krieg habe man versucht, sein eigenes Leben in Formen zu bringen. Im Gegensatz zu ihrem Bruder seien die Geschwister Scholl anfangs keine Nazi-Gegner gewesen, Hans war sogar Obergruppenführer in der Hitlerjugend, seine Schwester Inge Scholl sogar Gauführerin. Es sei ein schwerer, innerer Weg gewesen, um vom begeisterten Jugendführer zum entschiedenen Gegner zu werden.

Willi Grafs Aufgabe innerhalb der Weißen Rose sei es gewesen, Mitstreiter für den passiven Widerstand auch in anderen Städten zu finden und diesen über die Stadtgrenzen Münchens hinaus zu tragen. Gemeinsam mit Hans Scholl und Alexander Schmorell pinselte er auch Parolen wie »Nieder mit Hitler« oder »Massenmörder Hitler« an Hauswände. Einen Tag nachdem die Geschwister Scholl verhaftet wurden, kam die Gestapo auch zu den Geschwistern Graf. Auch sie wurde verhaftet und verbrachte einige Zeit in Untersuchungshaft.

Während Hans und Sophie Scholl am 22. Februar, vier Tage nach der Verhaftung, hingerich- tet wurden, verurteilte man Willi Graf erst am 19. April. Bis zu seiner Hinrichtung vergingen weitere sechs Monate. Man hoffte, weitere Namen von Mitgliedern aus ihm herauspressen zu können. »Sein Schweigen hat vielen das Leben gerettet«, meinte Knoop-Graf. Kurz vor seiner Hinrichtung habe er mit Hilfe des Gefängnisgeistlichen seiner Schwester noch einen Brief zukommen lassen. Darin war der Auftrag enthalten, sein Gedenken für die Zukunft zu bewahren und die Botschaft der Weißen Rose weiterzutragen. »Das Gedenken an die Namensträger dieser Schule, die Ehrfurcht vor dem Geschehenen und die Sorge, dass so etwas nie wieder passieren wird, das ist eure Aufgabe«, sagte sie an die Schüler gerichtet. Ihren Bruder wolle sie nicht als Helden bezeichnen, denn dieses Wort sei von den Nazis missbraucht worden. Aber die Weiße Rose habe etwas ganz Besonderes geleistet.

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