29. Juni 2009, 20:16 Uhr

Auch die Großmutter tanzte gern zum »waltz«

Alsfeld (jol). Ein lauer Sommerabend unter einem grünen Blätterdach mit Klezmer im Walzertakt, muntere jiddisch-amerikanische Erzählungen um die Musik der osteuropäischen Juden und Informationen zum Gedenken an die Opfer der Dritten Reichs verschmolzen am Freitagabend zu einem denkwürdigen Musikfest im Regionalmuseum.
29. Juni 2009, 20:16 Uhr
Unter einem grünen Blätterdach im Hof des Museums gestalteten Elisabeth Schwartz, Peter Stan und Yale Strom eine wunderbare Reise durch die Gefilde der Klezmermusik. (Foto: A. Ruhl)

Alsfeld (jol). Ein lauer Sommerabend unter einem grünen Blätterdach mit Klezmer im Walzertakt, muntere jiddisch-amerikanische Erzählungen um die Musik der osteuropäischen Juden und Informationen zum Gedenken an die Opfer der Dritten Reichs verschmolzen am Freitagabend zu einem denkwürdigen Musikfest im Regionalmuseum. Für die Initiative Stolpersteine Alsfeld erinnerte das Klezmer-Trio »Hot Pstromi« daran, was an kultureller Vielfalt durch die Nazi-Zeit in Deutschland verloren gegangen ist. Eine musikalische Erinnerungsarbeit leistete das Konzert mit dem US-Trio, das virtuos und voller Spielfreude verschiedene Bereiche der Klezmermusik zusammenführt - abseits von den reinen Tanzliedern, die oft im Zentrum von Konzerten dieses Genres stehen, die aber nur einen Teil des Klezmer-Repertoires ausmachen.

In der Begrüßung stellte Michael Riese die Initiative Stolpersteine Alsfeld vor, die im Herbst mit dem Verlegen der Erinnerungsplatten für Opfer des 3. Reichs beginnen will. Getragen wird die Initiative unter anderem von der Stadtverordnetenversammlung, dem Förderverein Jüdische Geschichte Vogelsberg und dem Geschichts- und Museumsverein. Mit Unterstützung des Bundesprogramms »Vielfalt tut gut« war nun das beeindruckende Konzert mit »Hot Pstromi« in Alsfeld emöglich. Zur Einstimmung stellte Bandleader Yale Strom seinen Dokumentarfilm »A great day on Eldridge street« vor, das rund um ein Straßenkonzert von über 100 Klezmermusikern vor der Synagoge in der New Yorker Eldridge Street entstanden ist. Schon da wurde deutlich, wie viele Klezmerstile es gibt, wie variabel Tuba, Trompete, Akkordeon und Geige in den »jiddischen Jazz« eingebunden sind. Im begrünten Innenhof des Regionalmuseums legten dann Sänger und Geiger Strom, Akkordeonist Peter Stan und Sängerin Elisabeth Schwartz los. Fast zwei Stunden lang unternahmen sie mit dem begeisterten Publikum eine Reise durch Osteuropa, mit ganz verschiedenen Schattierungen der Klezmermusik. Dabei zeigte sich, wie viel Yale Strom bei seinen ausgedehnten Reisen durch Osteuropa auf den Spuren der jüdischen und Roma-Musiker gesammelt hat.

Yale Strom erzählte auf jiddisch und englisch, dass er mit Klezmermusik groß geworden ist. Die Musik, die meist bei religiösen Zeremonien wie Hochzeiten gespielt wurde, habe er von seinem Vater gelernt. Auch seine Großmutter tauchte in seinen Erzählungen auf, wenn er sich daran erinnerte, dass die betagte Dame gern zu einem »Waltz«, Musik im Walzertakt, getanzt hat. Die Spielfreude des Trios übertrug sich auf das Publikum, das zwar nicht mittanzte, aber mit starkem Applaus zeigte, dass der Funke von der hochvirtuosen Gruppe übergesprungen ist.

Viele Lieder wurden mit improvisierten Passagen ausgestaltet, das Zusammenspiel der Instrumente und Stimmen war großartig. Yale Strom war Erzähler, Sänger und virtuoser Geiger, der zwischen Melancholie und Tanzrhythmen changierte. Peter Stan lieferte mit dem Akkordeon die Basis und den Kontrapunkt für Geige und Stimmen. Dabei blitzte intuitives Verstehen der Spielweise Stroms durch, er streute Musette-Klänge ein, untermalte die Gesangseinlagen mit tollen Läufen auf seinem Instrument, dabei auch mal schnellere Passagen des Balkan-Folk einfügend. Elisabeth Schwartz mit Rhythmus-Instrumenten und wunderbarer Altstimme brachte viel Gefühl in die Lieder - die jiddischen Texte wurden lebendig. Am Ende verabschiedeten sie sich mit »Wir sind alle Brüder« (und Schwestern) - und gingen mit Riesen-Applaus.

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