23. Juli 2010, 21:52 Uhr

In 140 Jahren zum globalen Unternehmen

Alsfeld (jol). Noch heute riecht sie den intensiven Geruch der Lacke und Lösungsmittel gerne und steht damit in einer guten Familientradition: Barbara Harlfinger ist Miteigentümerin des Lack-Herstellers Diegel und führt damit die Familienunternehmen in der vierten Generation fort. Gegründet wurde der Betrieb von dem Apotheker Ernst Diegel vor 140 Jahren.
23. Juli 2010, 21:52 Uhr
Gründer mit Frau: Marie und Ernst Diegel.

Alsfeld (jol). Noch heute riecht sie den intensiven Geruch der Lacke und Lösungsmittel gerne und steht damit in einer guten Familientradition: Barbara Harlfinger ist Miteigentümerin des Lack-Herstellers Diegel und führt damit die Familienunternehmen in der vierten Generation fort. Gegründet wurde der Betrieb von dem Apotheker Ernst Diegel vor 140 Jahren. Am 12. Juli 1870 ist in der örtlichen Zeitung die Eröffnungsanzeige für ein Material und Farbwarengeschäft in der Mainzer Gasse erschienen, heute ist dort die Hirsch-Apotheke. Von einem kleinen Geschäft entwickelte man sich zu einem international operierenden Unternehmen. Heute arbeiten 85 Menschen bei Diegel creative coatings, 70 Prozent des Umsatzes wird im Ausland erwirtschaftet, wie Geschäftsführer Jörg Warning erläuterte.

Im Gespräch mit der Allgemeinen Zeitung erinnerte Babara Harlfinger an eine wechselvolle Geschichte des Traditionsunternemens. Ihr Großvater musste einst vor den Nazis flüchten, das Werk wurde ausgebombt und hielt nach dem Krieg mit innovativen Farben den Anschluss an die weltweit erfolgreichen Hersteller von Spezialfarben. Ernst Diegel hat 1870 im Zeitalter der Industrialisierung auf Farben gesetzt - und gewonnen. Noch vor der Jahrhundertwende begann er den Bau einer Fabrik an der Alicestraße. Daneben wurde ein älteres Gebäude zum Wohnhaus umgebaut. Aus seiner Zeit sind alte Rezepte erhalten, nach denen die Angestellten vor Ort die Farben aus Pigmenten und Lösungsmitteln mixten. Linöl, Terpentin, Mangan, Ocker und sogar zerstoßener Bernstein wurden verwendet.

Offenbar lief das Geschäft gut, jedenfalls konnte Sohn Otto eine gesunde Firma übernehmen. Otto wollte eigentlich Theologie studieren, aber die Familientradition ging vor - so wurde er Farbenhersteller. Schon damals mischte das Unternehmen keine Massenware, sondern speziele Rezepturen für Anstriche von Öfen, Metallteilen und Kutschen.

Otto Diegel hatte drei Kinder, darunter Barbara Harlfingers Vater Arnold. Bis zu seinem Tod mit 88 Jahren setzte er sich für seine Firma ein - auch lange nachdem SohnArnold mit seinem Bruder Ernst die Firma übernommen hatten. Otto Diegel war patriotisch und konservativ, der Glaube bedeutete ihm sehr viel, wie sich Barbnara Harlfinger erinnerte. Das illustriert ein Vorfall aus 1938: Nach der Pogromnacht schrieb er an die verbliebenen jüdischen Alsfelder Briefe, in denen er sich als Christ für die Gewalt gegen sie entschuldigte. Er weigerte sich wohl auch, mit »Heil Hitler« zu grüßen, es ist überliefert, dass er einmal flüchten musste, weil ihn die Nazis verfolgten. Persönlich lebte er sehr bescheiden, wie sich Barbara Harlfinger an ihren Großvater erinnert, er war durch und durch solider Kaufmann.1945 übernahm ihr Vater Arnold die Geschäftsführung, Betriebsleiter wurde sein Bruder Ernst, der erst Jahre nach Kriegsende aus der Gefangenschaft heimgekehrt war. Backstein für Backstein musste die Fabrik wieder aufgebaut werden, weil sie am 22. Februar 1945 bei einem alliierten Luftangriff zerstört wurde. Die Flieger hatten es wohl auf den Bahnhof abgesehen, vermutet Barbara Harlfinger. Immerhin konnte die Familie 1947 wieder die Produktion aufnehmen. Die Farben wurden teilweise in alte Gasmaskenbehälter abgefüllt. »Man musste improvisieren, es gab kaum Rohstoffe.« Ihr Vater hatte eine Riecher für die Materialien der Zukunft und setzte bereits 1955 auf Farben für Plexiglasplatten. Unter den Kunden waren später namhafte Unternehmen, die ihre Werbeschilder mit Diegel-Farben verzierten. Bis 1959 arbeitete Großvater Otto im Unternehmen mit, »das war sicher nicht immer einfach für meinen Vater«. Dieser habe sich sehr um seine Beschäftigten gekümmert, so gab es Sonderurlaub beim Geburtstag.

Dem Betrieb ging es glänzend, immer wieder wurde am alten Standort an der Alicestraße angebaut. Allerdings wurde in den 1980er Jahren die Nachfolgefrage drängend, weil Ursula und Arnold Diegel zwei Töchter hatten, die an der Übernahme des Unternehmens kein Interesse hatten. Deshalb stellte Arnold Diegel in den 80er Jahren einen Geschäftsführer ein. Weiteres Problem: Am alten Standort gab es keine Entwicklungsmöglichkeiten, die Auflagen der Behörden waren immer schlechter einzuhalten. So setzte sich der Ehemann Barbara Harlfingers, Dr. Christoph Harlfinger, sehr dafür ein, dass die Lackfabrik noch einmal umzog.

Am 9. November 1989 kaufte man das Grundstück im Industriegebiet Ost und legte mit hohem Tempo beim Bau los. Ein Jahr später war das Gebäude fertig, obwohl eine ganze Latte an Auflagen einzuhalten waren. Der Geruch von Lösungsmitteln, der Barbara Harlfinger über Jahrzehnte begleitet hat, war im Neubau kein Thema mehr. Geschäftsführer Warning erläuterte, weshalb die neue Fabrik notwendig wurde. In der alten konnten die Produktionsabläufe für eine moderne Farbenherstellung nicht umgesetzt werden. Die neuen Maschinen erfordern viel Platz, den es nicht gab. Flexible, exakte Produktion war Teil der Unternehmensstrategie, weil der mittelständige Betrieb nur in Nischen besser sein konnte als die großen Hersteller. »Wir stellen keine Massenprodukte für Baumarkt oder die Pkw-Karosserie her.« Stark ist Diegel in der Entwicklung neuer Produkte und in Nischen, wo schnelle und kundenfreundliche Arbeit gefordert ist. So stellte man noch in der 1970er Jahren Lacke für Fernseh-Gehäuse her, bis dann die Hersteller nach Asien auswanderten. In den 1980er Jahren bot Diegel erstmals Lacke für Radabdeckungen an, damit ist man noch immer im Geschäft, auch wenn inzwischen Alu-Felgen den Radabdeckungen den Rang abgelaufen haben. Seit 1990 stellt Diegel Laserlacke für Radioabdeckungen in Pkws her. Das sind Lacke für Knöpfe, deren Beschriftungen eingelasert werden. Ab 1996 bot man die Lacke für Glasflaschen (Parfüm, Glasteller, etc) auch auf Wasserbasis an. Mit den Diegel-Lacken lassen sich 3-D-Effekte erzeugen, die bei hochwertigen Glaswaren (Ikea) oder für Parfümflakons verwendet werden. Seit 2003 stellt Diegel wasserlösliche Lacke für die Autoindustrie her. Zunächst waren das kleinere Mengen für Druckknöpfe, die stark beansprucht werden, später auch »Flächenteile«. Stolz ist Warning über den Auftrag eines VW-Zulieferers, der bei Türzuziehgriffen im Golf auf Diegel-Oberflächen setzt. Da steckt viel Know-how drin: Spritzgussteile müssen mit einem edel wirkenden Überzug versehen werden, der Sonnenmilch, Schweiß und Schläge aushält. Das bedeutet, dass man die hohen Standards von VW und Audi erfüllen muss, obwohl diese Firmen »nie eine Rechnung von uns erhalten«, weil Diegel für den Zulieferer arbeitet. Weitere Hürde: Digel muss die Farben auch für Hersteller in anderen Teilen der Welt herstellen, weil die Autoindustrie weltweit produziert. Ähnlich wie die Bundesrepublik hat das Familienunternehmen in den 14 Jahrzehnten eine große Veränderung durchgemacht - von beschaulichen Verhältnissen der Farben-Mischerei in der Mainzer Gasse zum globalen Speziallack-Hersteller. »Diegel creative coatings« macht 70 % des Umsatzes im Ausland. Große Abnehmer sitzen in China (10% des Umsatzes) und Polen (15%).

Das liegt auch daran, dass Firmen wie VW und Ikea in Asien produzieren lassen. Diegel liefert Halbfertigprodukte in die anderen Staaten, damit es nicht so leicht fällt, die Mischungen nachzumixen. Und flexibel muss der Hersteller allemal sein - für die Kunststoffbeschichtung hat Diegel über 200 Schwarz-Varianten im Sortiment. Je nachdem, was der Entwicklungs-Ingenieur will, eher samtig oder glänzend - Diegel stellt es unter Garantie her.

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