07. September 2010, 20:32 Uhr

Auch sechsjähriges Kind in den Tod deportiert

Alsfeld (jol). Es ist unvorstellbar, einen Sechsjährigen über hunderte Kilometer hinweg in ein Konzentrationslager zu deportieren und dort zu ermorden - und doch war das Realität im 3. Reich.
07. September 2010, 20:32 Uhr
Initiator Gunter Demnig bei der Arbeit am Haus Ludwigsplatz 2: Er setzte Gedenksteine für Rosa und Julius Justus, deren Lebensdaten vorgestellt wurden. (Foto: AAZ)

Alsfeld (jol). Es ist unvorstellbar, einen Sechsjährigen über hunderte Kilometer hinweg in ein Konzentrationslager zu deportieren und dort zu ermorden - und doch war das Realität im 3. Reich. Seit Dienstag erinnert ein Stolperstein vor dem Haus Zeller Weg 3 an Ernst Stein, der 1941 als Sechsjähriger aus Alsfeld abtransportiert wurde und im Jahr darauf mit Mutter Alice und dem vier Jahre älteren Bruder Walter im litauischen KZ Kowno (Kaunas) getötet wurde. Insgesamt 13 Gedenkplatten wurden am Dienstag in Alsfeld von dem Künstler Gunter Demnig verlegt, sie sollen den Opfern des Nationalsozialismus ihren Namen wiedergeben, wie Peter Remy für die Organisatoren erläuterte. Bürgermeister Ralf Becker rief dazu auf, sich für Toleranz und Demokratie einzusetzen. Ziel sollte ein friedliches Zusammenleben der Kulturen sein.

Über 100 Menschen, darunter viele Schüler der Geschwister-Scholl-Schule und der Max-Eyth-Schule gingen mit Initiatoren der Arbeitsgruppe Stolpersteine Alsfeld einen längeren Weg halb um die Altstadt herum. Angeführt wurde der Marsch zu verschiedenen Wohnhäusen, in den einst jüdische Familien bis zu ihrer Deportation gelebt haben, von den Musikern Uli Schimpf und Alexander Kowalsky. Getragene Jazztöne verliehen dem langen Zug den Charakter eines Trauermarschs. Auftakt war am Haus Altenburger Straße 21, wo Familie Strauss lebte. Josef wurde 1872 geboren, den 70-Jährigen holten die Nationalsozialisten 1942 ab, als Todestag im Konzentrationslager Theresiensadt gilt der 30. November 1942. Seine Frau Rebekka war nur ein Jahr jünger, sie wurde 1942 zusammen mit Tochter Meta in Riga ermordet - Meta Strauss wurde nur 36 Jahre alt. Aus dem Gebäude Grünberger Straße 22 wurde Sally Flörsheim ebenfalls 1942 deportiert, er wurde 78 Jahre alt.

Einige Häuser weiter oben in der Grünberger Straße haben Therese und Markus Strauss gelebt, der 60-Jährige und seine 58 Jahre alte Frau wurden 1941 über Frankfurt in das KZ Theresienstadt deportiert und kamen dort um. Sohn Julius konnte noch in die USA flüchten, der andere Sohn, Arthur, war bereits 1933 in die Schweiz emigriert. Er hat sich zeitlebens Vorwürfe gemacht, dass er es nicht schaffte, seine Eltern zur Flucht zu überreden. Aber diese fühlten sich als alt eingesessene Deutsche sicher in ihrem Heimatland. Markus Strauss war übrigens Teilhaber der Bekleidungsfabrik Steinberger, einem einst großen Arbeitgeber in Alsfeld, wie der Forscher Heinrich Dittmar erläuterte.

Am Haus Ludwigsplatz 2 wurde an Rosa und Julius Justus gedacht, die 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Julius Justus starb im Mai 1943, Rosa Justus überlebte bis Mai 1944. Vor dem Haus Obergasse 19, das einst das Geschäft von T. H. Rothschild beherbergt hat, wurde Frieda Rothschild gedacht. Die jüngeren Angehörigen flüchteten, nur die 1867 geborene Seniorin wurde 1942 von Nationalsozialisten abgeholt und starb im KZ Theresienstadt. »Damen aus gutem Hause hatten bei den schrecklichen Zuständen im Konzentrationslager Theresienstadt keine Überlebenschance«, so Dittmar.

Zum Abschluss meinte Peter Remy, dass die große Gruppe gemeinsam einen Weg mit sieben Stationen gegangen sei, wobei man 13 Menschen gedacht hat. Jeder solle bei sich dafür sorgen, dass er aufrecht durch das Leben gehe, damit solch etwas Schreckliches nicht wieder passiert. Schließlich seien die Mörder der Nationalsozialisten ganz normale Menschen gewesen, die zu Tätern wurden. Damit knüpfte er an eine Bemerkung zu Auftakt an, als er meinte, dass die Teilnehmer der Verlegungsaktion generationenübergreifend eher auf der Täterseite sein, auch wenn sie selbst keine Schuld hätten. Die Stolpersteine geben den Menschen ihre Namen wieder, die ihnen die Nazis 1938 geraubt haben. Bürgermeister Becker dankte besonders den Organisatoren der Stolperstein-Aktion, den Spendern und Forscher Heinrich Dittmar sowie dem Bau-Betriebshof für die gute Vorbereitung.

Gunter Demnig verwies darauf, dass er selbst überrascht war, dass inzwischen seine 1993 angestoßene Aktion Stolpersteine so weite Kreise gezogen hat. Inzwischen seien fast 26000 Steine mit dem eingeprägten Namen der Opfer der Nazi-Zeit verlegt, auch in Niederlanden, Österreich, Ungarn und Belgien. Die Stolpersteine »sind ein Geschenk der Bürger an ihre Kommune«. Am Nachmittag wurden weitere Stolpersteine in Lauterbach verlegt.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Deportationen
  • Gunter Demnig
  • Heinrich Dittmar
  • Konzentrationslager
  • Mord
  • Nationalsozialisten
  • Rothschild
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 12 x 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.