11. November 2011, 17:33 Uhr

Gedenktafel für Synagoge Angenrod soll bald kommen

Alsfeld-Angenrod (ia). Der Gedenkveranstaltung soll bald eine bleibende Erinnerung an die Synagoge Angenrod folgen. Zur Gedenkfeier am Mittwoch teilte Maritta Fink-Schlosser mit, dass eine Tafel angebracht wird.
11. November 2011, 17:33 Uhr
Lesung durch die Konfirmanden, von links Janina Schmidt, Lorena König und Adrian Weppler. (Foto: ia)

Alsfeld-Angenrod (ia). Im Rahmen der Pogromgedenkfeier am Platz der ehemaligen Synagoge in der Judengasse wurde am Mittwoch erstmals öffentlich – vorgetragen von Pfarrvikar Christian Coenen – der angedachte Text für die vorgesehene Synagogengedenktafel bekannt gemacht: »Der Allgegenwärtige – er tröste Euch inmitten des Rests derer, die um Zion und Jerusalem weinen«. Die Gedenktafel selbst, für die bereits insbesondere externe Spenden durch Privatinitiative eingeworben werden konnten, werde jetzt, wie Stellvertretende Ortsvorsteherin Maritta Fink-Schlosser mitteilte, »in absehbarer Zeit« errichtet.

Am 9. November denke man an »ganz furchtbare Verbrechen – an die systematische Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden.« Als Symbol für die Judenverfolgung stehe bis heute die sogenannte Reichskristallnacht. Die stellvertretende Ortsvorsteherin zeigte sich erfreut, dass wieder ein großer Kreis zusammengekommen war, um gemeinsam zu gedenken.

Nach wie vor sei, und dies solle im Vordergrund stehen, mutiges Eintreten und Kämpfen für eine gerechte Welt auf der Basis allgemein anerkannter Menschenrechte sehr wichtig. Neu errichtete Gedenkstätten oder schon bestehende erreichten aber nicht von allein die Herzen der nachwachsenden Generation, lenkte Fink-Schlosser den Blick auf die angedachte Gedenkstätte in Angenrod. Um so erfreulicher sei es, dass es nicht nur in Angenrod engagierte Bürger gebe, die dazu beigetragen hätten, für eine Gedenktafel zu spenden, darunter die Friederichs-Stiftung. Dieser positiven Entwicklung ungeachtet gelte es weiterhin, Fragen zu stellen, »auf die wir vielleicht nie eine Antwort bekommen.« Und dann wurde die Sprecherin noch deutlicher, indem sie fragte: »Wie konnten Millionen ihr Gewissen ausschalten?«

Wie habe es passieren können, dass Millionen denjenigen mit Verachtung und Hass gegenüber getreten seien, mit denen sie seit Generationen friedlich Tür an Tür gelebt hätten? Könne so eine Situation wiederkommen, sei nur eine der Fragen, die einen an solch einem Tag bewegten: »Fragen, die mahnen und die zur Wachsamkeit aufrufen.« Dies gelte besonders mit Blick auf Wahlerfolge der Rechtsextremen. Es seien Fragen, die motivierten, »gegen rechts aufzustehen.« Und die stellvertretende Ortsvorsteherin rief dazu auf, für ein Miteinander der Kulturen und Religionen einzutreten. Sie dankte allen Teilnehmern, unter anderem dem Kirchenvorstand und den Konfirmanden.

Den bereits erwähnten Text für die Synagogengedenktafel, bereits in englischer Sprache aufgrund eines Fotodokuments in der Lebensbeschreibung von M. Wertheim-Stein (Atlanta) dokumentiert, danach 2007 im Rahmen von Forschungsarbeiten auch in den Mitteilungen des Geschichts- und Museumsvereins Alsfeld publiziert, interpretierte Pfarrvikar Christian Coenen auf Basis des jüdischen Religionsverständnisses, wie dies auch Dr. Ursula Wippich, die vor geraumer Zeit die Übersetzung des hebräischen Ursprungstextes ins Deutsche übermittelt hatte, unterstrichen hatte. Manche Ereignisse, so der Vikar, könne man nur schwer in Worte fassen, und er nahm mit Worten aus dem Psalm 74, im Wechsel gebetet mit den Umstehenden, Anlehnung an die Verfolgung des Volkes Israel in Vorzeiten, darin auch schon die Passage: »Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande.«

Die Konfirmanden Janina Schmidt, Lorena König und Adrian Weppler gingen auf den Synagogentafeltext ein. Er soll in hebräischer und in deutscher Sprache geschrieben gewesen sein. Es handele sich um einen Segen für trauernde Menschen. Zugleich erinnere der Segenswunsch aber auch an das lange Leiden des Volkes Israel in den Zeiten des Exils und der Trennung von Zion und Jerusalem. Und im Wechsel mit Vikar Coenen, der wiederholt den Vers rezitierte, bekundeten die Konfirmanden auch, der Vers verbinde uns »mit einem Stückchen Leben in der hiesigen jüdischen Gemeinde.« Angenrod besaß 1861 mit 41,94 Prozent Bevölkerungsanteil eine große jüdische Religionsgemeinde, prozentual Rang 2, bezogen auf das jetzige Bundesland Hessen.

Es wurde ein Statement von Dr. Ursula Wippich, die lange über die Geschichte der Angenröder Juden geforscht habe, mitgeteilt: »Wenn das als Inschrift in der Synagoge stand, dann hatte es vermutlich den Zweck, dass Bestattungsgäste, die nicht ganz gut mit hebräischen Gebeten zurechtkamen, wenigstens diesen guten Wunsch rasch noch mal nachlesen können sollten, falls sie kein Gebetbuch bei sich trugen.« Die Gedenkfeier wurde musikalisch umrahmt von Bläserklängen der Konfirmandinnen Marieke Ebert (Billertshausen, Trompete) und Kristin Schneider (Zell, Tenorhorn). Eine humorigen Akzent in der würdevollen Gedenkfeier setzte dann noch Martin Reibeling zu Thema »Das Lachen und der Humor in der jüdischen Tradition.« Rezitierend gab Reibeling ein schönes Beispiel mit einer frappierenden und viel Heiterkeit bei den Umstehenden auslösenden Schlusspointe zum Besten.

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