12. November 2013, 20:58 Uhr

Jugendliche erinnern an Angst der verfolgten Juden

Alsfeld (jol). Diesmal kamen besonders viele Menschen, um des »Kulturbruchs« der Pogromnacht von 1938, so Bürgermeister Stephan Paule, vor 75 Jahren zu gedenken.
12. November 2013, 20:58 Uhr
Zum Gedenken an die 48 getöteten Alsfelder Juden legten Teilnehmer der Gedenkveranstaltung Steine mit deren Namen an den Synagogen-Gedenkstein. (Fotos: jol)

Im Zentrum des Interesses von gut 100 Teilnehmern standen dabei nachdenkliche Worte von Jugendlichen, die an der Geschwister-Scholl-Schule in Unterrichtsprojekten das Leiden der verfolgten Jüdinnen und Juden im 3. Reich erkundet haben. Sie stellten Texte vor, die von der Angst der Menschen damals zeugten, von dem Gefühl, ganz schnell flüchten zu müssen. Umrahmt wurden diese Gedanken von der Klarinettengruppe der Schule mit Uli Schimpf.

Bürgermeister Paule erinnerte an die Opfer der menschenverachtenden Politik vor 75 Jahren. Die Synagoge sei angezündet worden, ihr Abbruch habe dann eine Leerstelle im Gedächtnis der Stadt hinterlassen. Das Gebäude habe einst von einem emanzipierten Judentum gezeugt. Über 1000 Jahre hinweg hätten Juden in Alsfeld gelebt. Im Mittelalter mussten die Schutzgeld entrichten, erst nach der französischen Revolution hätten sie Bürgerrechte erhalten. Die zunehmende Gleichberechtigung Ende des 19. Jahrhunderts wurde begleitet von stärker werdenden Vorurteilen. Daran konnte die Ideologie der Nationalsozialisten anknüpfen, was zum Kulturbruch führte. Es sei wichtig, »sich das menschliche Leid zu vergegenwärtigen«. Man müsse immer wieder bedenken, wie sehr die demokratische Gesellschaft eine Voraussetzung dafür sei, dass ein solches menschenverachtendes Regime nicht wieder an die Macht komme. Paule dankte besonders den Engagierten der Veranstaltungsreigen zum 75. Jahrestag der Pogromnacht.

Pfarrer Peter Remy erinnerte an den 74. Psalm, der Feuer im Heiligtum benennt. Konfirmanden verlasen die Namen der 48 ermordeten Alsfelder Juden. Kiesel mit ihren Namen legten Teilnehmer der Veranstaltung am Gedenkstein nieder.

Im Anschluss ging etwa die Hälfte der Gedenkenden weiter zur Dreifaltigkeitskirche. Dort boten Marina und Wladimir Pletner auf E-Piano und Geige ein erlesenes Musikprogramm, aufgestellt war das 1:25-Modell der Alsfelder Synagoge. Es war ein ganz besondere Ereignis, im Altarbereich der Kirche das imposante Modell des jüdischen Gotteshauses zu sehen. Dazu erklangen anrührende Klänge aus der Filmmusik für Schindlers Liste und Stücke von jüdischen Komponisten oder solchen mit Bezug zum Judentum.

Der musikalische Genuss galt dem Synagogen-Modell, das der Geschichts- und Museumsverein Alsfeld ermöglicht hat. Der Verein hat das Geld gesammelt, damit Modellbauer Hans Heinrich Graue detailliert das Bauwerk von 1905 nachbauen konnte. Pfarrer Remy las aus dem Buch über die Geschichte der Juden in Alsfeld die Passagen zur Einweihung der Synagoge vor.

Das Synagogen-Modell stand auch am folgenden Sonntagmorgen im Zentrum, als wieder Pfarrer Remy den Gottesdienst ganz auf das Erinnern an die Pogrome von 1938 zuschnitt. Dabei erinnerte er an die lange Tradition des christlichen Antisemitismus, unter anderem durch Martin Luther.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Juden
  • Martin Luther
  • Pfarrer und Pastoren
  • Stephan Paule
  • Synagogen
  • Totengedenken
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 20 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.