08. Dezember 2017, 12:00 Uhr

Auswanderer

Missouri ist wie Vogelsberg

Anfang des 19. Jahrhunderts halten hunderte Mittelhessen den Druck der Staatsmacht nicht mehr aus. Sie wollen nur weg. Einer ist Friedrich Münch aus Nieder-Gemünden. Er geht in die USA.
08. Dezember 2017, 12:00 Uhr
Zu dieser Farm in den USA wandern die Gemündener aus. (Foto: Brake)

Unterdrückung, Verfolgung und Bespitzelung treiben Anfang des 19. Jahrhunderts viele Deutsche in die Flucht. Sie sehen in Hessen keine Zukunft mehr für sich und ihre Kinder. Sie sammeln sich in der »Giessener Auswanderergesellschaft« und wollen in Amerika einen neuen Staat gründen. Das klappt zwar nicht, auf dem fremden Boden musste doch jeder sein Schicksal in die Hand nehmen. Etliche, längst nicht alle, haben das geschafft – allerdings unter harten Bedingungen. Zu den Auswanderern zählte der Nieder-Gemündener Pfarrer Friedrich Münch, der wie sein Bruder, der im benachbarten Homberg auf der Kanzel stand, in die Fremde zog.

Ihrer Geschichte ist unter anderem Rolf Schmidt nachgegangen. Der pensionierte Lehrer aus Bremen war durch seine Schultheatergruppe auf die ungewöhnliche Geschichte gestoßen. 1834 waren vor den Toren Bremens auf der Insel Harriersand Auswanderer aus Mittelhessen hängen geblieben und sie warteten auf ihr Schiff zur Überfahrt in die USA. Das Schicksal der Auswanderer ließ Schmidt nicht los, er hat es seither in mehreren Büchern beleuchtet. Das neue liegt seit einigen Wochen vor, es heißt »Die Aufforderung.« Darin widmet sich der Autor den Anfängen. Warum haben sich damals so viele Menschen für den äußerst risikoreichen Aufbruch in die neue Welt entschieden? Wie sahen die Lebensbedingungen aus? »Sie wollten Freiheit«, bringt es Schmidt auf eine knappe Formel. Und konnten es nicht mehr ertragen, überwacht zu werden. »Denn die Spitzel des Staates kamen sogar in den Gottesdienst nach Gemünden und Homberg. Und wehe, in der Predigt fiel ein falscher Satz, das wurde sofort noch oben gemeldet«.

Erkundungen vor Ort in den USA

Schmidt lässt die Geschichte jedenfalls nicht los und er hat gemeinsam mit einer Gruppe, darunter der Gießener Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake, eine Reise nach Missouri unternommen, um zu erkunden, wo und wie die Auswanderer gelebt haben. Dort trafen sie auch Carol Münch, eine Nachfahrin, die inzwischen schon in Deutschland zu Besuch war. Schmidt: »Ich hänge seit zehn Jahren an diesem Fall und entdecke immer wieder Neues.«

Im jüngsten Buch widmet er sich vor allem den Frauen, deren schweres Los er schildert. Denn Luise Münch, die zweite Ehefrau von Friedrich, war im Jahr der Auswanderung gerade einmal 21 Jahre alt, hatte soeben ein Kind bekommen »und wäre sicher am liebsten daheim in der vertrauten Umgebung geblieben.« Kurz nach der Niederkunft hatte sie wohl Kindbettfieber – »und nun musste sie mit dem Baby auf die Kutsche nach Bremen und dort noch eine gefühlte Ewigkeit warten, bis endlich das bestellte Schiff kam.« Schmidt glaubt, dass sie sehr gelitten hat, weil sie fort musste aus dem Vogelsberg. In der neuen Heimat bekam das Paar noch etliche weitere Kinder, deren Versorgung neben der ganzen Haus- und Hofarbeit an Luise hing, während der Gatte in die Politik ging und später Senator in Washington wurde.

Münch baut sogar Wein an

Jedenfalls dürfte die viele Arbeit auf der Farm in Missouri mit einer der Gründe dafür gewesen sein, warum der erklärte Sklaverei-Gegner Münch später eine schwarze Angestellte beschäftigte. Die Münchs siedelten sich übrigens in Missouri an. »Kaum zu glauben, aber dort sieht es aus wie im Vogelsberg,« berichten Schmidt und auch Ludwig Brake nach Erkundungen der Gegend. Die Aussiedler fanden eine eher kleinteilige, aber auch recht fruchtbare Mittelgebirgslandschaft. Münch war allerdings geschickter als sein Gießener Bekannter Follenius. Denn der kaufte eine Farm im Überschwemmungsgebiet, wurde schwer krank und starb elend und mittellos.

Auswanderer Münch besann sich auf seine landwirtschaftlichen Kenntnisse, er baute später sogar Weinreben an und schrieb auch Bücher über den Weinbau. Eine »Winery« in Missouri zeugt noch von diesem Aspekt seines Wirken.

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