Klimawandel

Harald Lesch und die Ghana-Tomate

Von der Kanzel herab, aber stets auf Augenhöhe mit seinem Publikum, sprach Harald Lesch in Gemünden über die Folgen des menschengemachten Klimawandels.
16. Dezember 2017, 12:15 Uhr
Der Physikprofessor und Fernsehmoderator Harald Lesch spricht von der Kanzel in der Kirche Nieder-Gemünden über Klimawandel und Flucht. (Foto: jol)

Er will aufrütteln, deshalb brachte Harald Lesch erschreckende Zahlen in seinem Vortrag in Nieder-Gemünden. Wenn der Mensch die Atmosphäre weiter als Müllhalde für Kohlendioxyd verwendet, werden um 2060 rund 1,4 Milliarden Menschen aus überfluteten Küstenstädten flüchten müssen.

Bereits jetzt sind 25 Millionen Menschen auf der Flucht vor Folgen der Klimaerwärmung, mehr als durch Kriege, erläuterte der Fernsehmoderator in der evangelischen Kirche Nieder-Gemünden. Gut 230 Besucher erlebten bei der Veranstaltung der Flüchtlingsinitiative einen rhetorisch herausragenden Referenten. Beeindruckend war, wie er die komplexe Materie um die Schockthemen Flucht und Klimawandel vorstellte. Zur Abrundung trug der gebürtige Nieder-Ohmener von der Kanzel das Hohelied der Liebe aus der Bibel vor und riet dazu, Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen.

Der Physiker startete mit einem Blick auf unsere komfortable Situation in Europa, den Kontinent mit der größten Sicherheit für seine Bürger. Die Menschen verfügen über Strom und Wasser, das Abwasser wird geklärt, es herrscht Rechtsicherheit, »es ist erstaunlich, dass sich so viele unsicher fühlen«. Wenn Menschen flüchten, tun sie dies nicht aus freien Stücken. Sie verlassen ihre Heimat, geben Sprache, die Gerüche der Kindheit und ihren Lebensstandard auf.

Das sei ein traumatisierendes Erlebnis, »wie wir es in Deutschland bei vielen Vertriebenen nach 1945 gespürt haben.« Flüchtlinge suchten Sicherheit für sich und ihre Kinder. Eine wichtige Flutursache sei der Klimawandel, »das wird noch unsere Kindeskinder beschäftigen«. Meist suchen sie Platz in Nachbarländern, nur wenige kommen nach Europa, sagt Lesch.

Ein Treiber sei unsere Wirtschaftsweise, so erinnerte er an die »Ghana-Tomate«. In Ghana haben die Bauern eine leckere Tomatensorte angebaut, bis die Europäische Union ihre Überproduktion als Dosentomaten zum Billigpreis auf den Markt warf. Heute werden keine Tomaten mehr in Ghana angebaut, die jungen Leute wandern aus und ernten die Tomaten in Süditalien, die als Konserven in Ghana landen. Der Klimawandel bringe auch mehr Flüchtlinge, wenn der Boden die Menschen nicht mehr ernährt, wie er es Jahrhunderte getan hat.

Die menschengemachte Klimaerwärmung führe zu mehr Stürmen, Dürre und Flutwellen. Wenn der dicke Eispanzer auf Grönland schmilzt, wird das Meer viele Küstenstädte überfluten. Besonders betroffen sind Regionen in Asien und den USA, in Europa die Niederlande. Starke Stürme haben in Spanien zu verheerenden Waldbränden geführt. In den letzten Jahren sei 70 bis 80 Prozent der Insektenmasse in Deutschland verschwunden, für den Physiker ist das »ein Menetekel an der Wand«.

Wenn die Menschen so weiter wirtschaften, werden in 100 Jahren viele Staaten am Äquator zu heiß zum Leben sein. Das betrifft den Norden Südamerikas, Zentralafrika und Teile Asiens mit den Großstaaten Indien und Indonesien. In einigen Regionen wird es kein Wasser mehr geben. »Dann werden noch mehr Menschen kommen,« sagt Lesch.

Wenn alle Menschen so leben würden wie die Deutschen, brauche man zweieinhalb Erden, meinte er. »Wir müssen den Ausstoß von Kohlendioxyd mindern und zwar schnell. Dabei muss Deutschland den Vorreiter spielen, denn das Land ist reich genug, neue Wege zu erproben«. Es müsse aber schnell geschehen, »wir haben nur wenig Zeit für eine Vollbremsung«.

Auf die Frage aus dem Publikum – da stand Lesch wieder unten bei den Besuchern –, was wir konkret tun können, verwies er auf die Klimafibel des Staates Thüringen. Tipps: Weniger fliegen, weniger Fleisch essen, das Haus gut dämmen und Zeit mit Freunden statt am Computer verbringen.

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