Internet

Warum die Telekom ihrem Kunden kündigt

Für Peter Wiederhold wird ein Alptraum wahr. Der Bernsfelder wird im April von der Telekom regelrecht abgehängt. Sein Vertrag wird gekündigt.
29. Dezember 2017, 08:00 Uhr

Von Kerstin Schneider , 1 Kommentar
In der Talstraße in Bernsfeld, wo Peter Wiederhold wohnt, ist schnelles Internet bislang nur ein Wunschtraum der Anwohner. Sie müssen sich mit Behelfslösungen so lange begnügen, bis das Netz vor Ort aufgerüstet ist. (Fotos: ks/Archiv)

Die Telekom kündigt ihrem Kunden den Vertrag. Da muss ich zweimal nachfragen. So unglaublich klingt das. Wo gibt es denn so etwas? In Zeiten, in denen die Anbieter normalerweise hinter der Kundschaft her sind wie der sprichwörtliche Teufel hinter der armen Seele?

»Wir bauen das Telekommunikationsnetz der Zukunft und eröffnen Ihnen immer neue Möglichkeiten.« Das hat die Telekom dem Mücker vor einigen Wochen ganz freundlich geschrieben. Denn momentan telefoniere und surfe er mit zwei unterschiedlichen Leitungsnetzen. Das soll sich ändern und beides künftig gemeinsam über das sogenannte IP-Netz laufen. So weit, so (noch) gut.

Dann bekam Familie Wiederhold einen neuen Tarif angeboten. Denn: »Wir möchten, dass Sie unser Kunde bleiben.« Aber als er den neuen Tarif buchen will, staunt er nicht schlecht. Aus technischen Gründen könne man den Vertrag leider nicht abschließen. Im kommenden April wird sich somit ihr langjähriger Telefonanbieter von den Wiederholds verabschieden. Bei Gesprächen im Ort haben sie gehört, dass es ihnen ebenso ergeht. Viele sind ratlos. Ohne Internet? Für die allermeisten nicht mehr vorstellbar. Der Bernsfelder ist in einigen Vereinen tätig, Kreisjugendfußballwart, klar, dass er vernetzt sein muss und den Internetzugang braucht – »oder soll ich mir jetzt eine Trommel anschaffen?«

An der Hotline der Telekom versuchte er sein Glück, ohne Erfolg. Er fragte bei der Bigo nach, der Gesellschaft, die gegründet wurde, um den Breitbandausbau voran zu bringen. Mit Telefonie hat die Bigo nichts zu tun, erklärt Geschäftsführer Walter Bathke. »Wenn die Telekom ihr Übertragungsprotokoll ändert und auf IP umstellt, dann ist das sicher eine Entscheidung, die sie sich zum jetzigen Zeitpunkt hätte gut überlegen sollen. Aber das ist von der Bigo in keiner Weise zu beeinflussen«.

Man habe helfen wollen und eine Kontaktadresse ermittelt, damit Wiederhold überhaupt einen regionalen Ansprechpartner hat, der ihm zu Problemen mit seinem individuellen Telefonanschluss Auskunft geben kann. Bathke: »In einem Call-Center anrufen, macht keinen Sinn. Die freundlichen Telekom-Mitarbeiterinnen in Heide-Holstein oder Stralsund wissen natürlich nicht, welche Versorgungsprobleme in Bernsfeld bestehen«.

Dennoch beschlich h Wiederhold im Zuge seiner Erkundigungen mehr als deutlich das Gefühl: »Man ist hilflos.« Er erkundigte sich bei der Gemeindeverwaltung, aber auch dort konnte man ihm nicht helfen. Und wie reagiert die Telekom auf Anfrage? Das Unternehmen kann nichts machen, heißt es dort. Pressesprecher George-Stephen McKinney gegenüber dieser Zeitung: »Wir stellen in Deutschland jede Woche an die 70 000 Kunden um, aber so einen Fall haben wir extrem selten.« Der geschilderte Fall komme bei unter einem Prozent der Kunden bundesweit vor: »Wir reden im Prinzip von einer Handvoll Menschen, denen wir nicht helfen können.«

Fakt sei, dass sich die Anlage des Kunden leider nicht auf die neue IP-Technik umschalten lasse, weil die Bandbreite nicht reicht. Um eine ordentliche IP-Anlage zu bekommen, brauche es mindestens 250 Kilobit, »erst dann können Sie zum Beispiel ruckelfrei telefonieren.« Es sei wegen des Aufwands auch nicht möglich, alte ISDN-Anschlüsse länger aufrecht zu erhalten, bis das Breitband kommt. McKinney: »Wir können nicht ein neues Netz um einzelne Kunden drumherum bauen«.

Er verweist auf die Anstrengung, 28 Millionen Anschlüsse bundesweit auf das neue Netz umzustellen. »Das ist ein Riesenrad, das gedreht werden muss.« In Bernsfeld sind außer Peter Wiederhold noch mehr Bewohner betroffen. Aber die Probleme gibt es laut Aussage nicht nur auf dem Land. »In Randbezirke von Frankfurt, die von Bad Vilbel aus versorgt werden, gibt es Menschen mit den gleichen Problemen und teilweise eine ganz bescheidene Leitung«.

Denn je nachdem wie die alten Leitungen verlegt sind, reicht nicht unbedingt ein von der Hauptleitung abgehender Strang gleichmäßig zu allen Haushalten einer Straße. Es kann sein, dass die Leitung U-förmig verlegt ist und wer am anderen Ende und im maximaler Entfernung von einem Verteilerkasten liegt, der hat Pech. »Wer an der Ecke wohnt, der hat unter Umständen noch ein ordentliche Bandbreite und der Nachbar von gegenüber nicht.« Möglichkeiten, auf andere Leitungen umzuschalten, gebe es nicht, »wir bedauern das sehr.«

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