14. September 2018, 12:00 Uhr

Hilfe

Christof Brüning in Gemünden über Seenotrettung

Der Einsatz auf dem Rettungsschiff hat sich für Christof Brüning gelohnt: »Es sind viele nicht ertrunken«. Er berichtete in Gemünden über seine Erfahrungen.
14. September 2018, 12:00 Uhr
Gut 14 000 Menschen hat die Crew des Schiffs Iuventa vor dem Ertrinken im Mittelmneer gerettet, davon berichtet Christof Brüning (l.) bei der Flüchtlingsinitiative Gemünden, von rechts Peter Gabriel, Rainer Lindner und Christian Hendrichs (ev. Dekanat). (Foto: jol)

Der 42-jährige Hamburger hat bei fünf vierzehntägigen Rettungsaktionen die Maschinen der »Iuventa« betreut. In fast zwei Jahren Einsatz haben die Besatzungen des umgebauten Fischkutters rund 14 000 Menschen aus dem Wasser des Mittelmeers gezogen oder zumindest mit Schwimmwesten vor dem Ertrinken gerettet. Am Mittwoch kam Brüning zur Aufführung des Dokumentarfilms »Iuventa« und sprach auf Einladung der Flüchtlingsinitiative in Nieder-Gemünden über die Hintergründe der Rettungsaktion.

Dabei ist der politische Erfolg der Aktion fast wichtiger als der direkte Rettungseinsatz. Denn die freiwilligen Helfer in ihren kleinen Booten haben politischen Druck auf die offiziellen Stellen in Rom und Brüssel ausgeübt, mit Schiffen der Küstenwache, der europäischen Grenzschutzorganisation Frontex und Handelsschiffen noch mehr hilflose Menschen aus Seenot zu retten.

Diese Hilfe war immer ein Grundprinzip der Seefahrt, fügt Brüning nachdenklich an, doch inzwischen geht vor allem die italienische Regierung massiv gegen die Retter vor. So wurde die Iuventa im vergangenen Jahr beschlagnahmt, der Betreiber »Jugend rettet« konnte die Herausgabe noch nicht wieder erreichen, wie Brüning berichtet.

Vorangegangen war eine zweijährige Rettungsaktion der Iuventa vom Hafen Malta aus. 16 Missionen von je 14 Tagen Dauer absolvierten die Helfer, an fünf Fahrten war Brüning beteiligt. Er ist gelernter Schiffsingenieur, hat bei der Wasserschutzpolizei und der Feuerwehr gearbeitet. »Das traf sich gut mit meinen Fähigkeiten,« erläutert der 42-Jährige in einem Pressegespräch vor der Filmaufführung. Die Crew umfasste 15 Menschen in wechselnden Besetzungen, davon einige, die zwei Schlauchboote zum Retten bemannten, andere waren für Schiffstechnik zuständig und Ärzte sowie Rettungssanitäter für die Versorgung der Verletzten.

Bei den zwei Wochen auf See wurden wetterabhängig manchmal nur die Besatzung eines Gummiboots mit 120 bis 160 Geflüchteten gerettet. »Das konnten aber auch acht Boote an einem Tag sein, das wusste man nie«, erinnert sich Brüning.

Wenn die Iuventa-Crew die Menschen nicht an Bord nehmen konnte, dann verteilte man Schwimmwesten. Denn die Geflüchteten hatten keine oder nur unzureichende Schwimmwesten für die total übermüdeten Menschen. »Die waren oft schon zwei Tage auf See, hatten auf engstem Raum zusammengekauert gesessen, waren seekrank und viele waren verletzt,« erinnert sich Brüning. Ausgelaufenes Benzin und Salzwasser haben die Haut geschädigt, die Menschen waren ausgetrocknet. Darunter waren auch Frauen mit Kleinkindern.

Einmal rettete die Iuventa-Crew eine junge Mutter aus einem halb untergegangenen Boot, das Baby ertrank in der Dunkelheit. »Das war das Schlimmste,« sagt Brüning. Bis zu 450 Menschen konnten an Bord des Schiffs kommen, oft nur Verletzte oder Mütter mit Kindern. Manche hatten so viel Schreckliches erlebt, dass sie wie versteinert waren, eine Frau krampfte sich zusammen und schrie, wenn sich ein Helfer näherte.

Die Zeit an Bord hat Brüning verändert. Er weiß, wie ein Boot mit Ertrinkenden aussieht und riecht. Eine Nachricht, dass wieder einmal ein Schlauchboot mit über 100 Geflüchteten im Mittelmeer untergegangen ist, geht ihm nahe.

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