09. Oktober 2018, 08:00 Uhr

Einer von 160

Bundesprogramm fördert Hazeem Bhatti aus Flensungen

Hazeem Bhatti ist im Kreisjugendparlament, er ist Klassensprecher und will ein sehr gutes Abitur machen. Und er ist in zwei Kulturen daheim. Zu Hause in der pakistanischen, draußen in der deutschen.
09. Oktober 2018, 08:00 Uhr
Wird über das Start-Programm gefördert: Hazeem Bhatti aus Flensungen vor seiner Schule. (Foto: jol)

Kürzlich war Aufnahmefeier für das Start-Programm. 20 Jugendliche aus Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Bayern kamen voller Vorfreude in der Evangelischen Akademie in Frankfurt zusammen. Unter den 20 jungen Leuten war Hazeem Bhatti aus Flensungen. Der 16-Jährige gehört zu den Jugendlichen mit Migrationsgeschichte, die nun drei Jahre lang besonders gefördert werden. Ziel ist es, sie zu befähigen, »aktiv das demokratische Miteinander in der Bundesrepublik zu bereichern«. Deutschlandweit sind dieses Jahr 160 Jugendliche aufgenommen worden.

Michael Okrob, Geschäftsführer der Start-Stiftung, sagt, »Start sucht außergewöhnliche junge Menschen, die den festen Glauben in sich tragen, die Welt ein bisschen besser machen zu können.« Neben einer materiellen Förderung bietet Start ein »Studium generale« und viele Bildungsangebote. Ein Demokratiekongress, bei dem die Schüler in Kontakt mit Führungskräften aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft kommen, rundet das Programm ab.

Hazeem ist nach den ersten Erfahrungen vom Programm begeistert. »Das ist wie eine zweite Familie,« berichtet er von Treffen mit jungen Leuten und Betreuern. Alle kommen aus Familien mit Migrationshintergrund, »sind aber unterschiedlich in ihren Ansichten«. Darunter sind Geflüchtete, die erst wenige Jahre in Deutschland sind, und Menschen wie Hazeem, die in Deutschland ihre komplette Kindheit verbracht haben. Toll fand er die Podiumsdiskussion bei der Feier in Frankfurt, an der eine ältere Stipendiatin teilnahm. »Die ist erst seit drei Jahren in Deutschland, und ich fand es beeindruckend, wie gut sie deutsch kann.«

 

Mit zwei Sprachen aufgewachsen

An dem Kreis der Start-Jugendlichen schätzt er, dass der Migrationshintergrund bei allen dafür sorgt, »dass sie wissen, wie es sich anfühlt, aus einem anderen Kulturraum nach Deutschland zu kommen«. Er selbst hat kein Problem mit dem Begriff »Migrationshintergrund«, weil er ihn für eine sachliche Aussage hält. »Aber ich weiß, dass andere ihn ablehnen, weil sie sich dadurch ausgegrenzt fühlen«, sagt der 16-Jährige.

Er selbst hat nur selten das Gefühl bekommen, nicht ganz dazuzugehören. In der Grundschule ist er einmal darauf verwiesen worden, dass er anders sei, »das hat mich getroffen«. Ansonsten ist er »ganz normal« in Kindergarten und Schule mit Freunden und Klassenkameraden umgegangen. »Ich bin mit zwei Sprachen aufgewachsen, mit Deutsch und Urdu«. Zu Hause »lebe ich in der pakistanischen Kultur, draußen in der deutschen«. Es sei ein großer Vorteil, zwei Kulturen parat zu haben, »das finde ich ziemlich cool«. Er will weiterhin die Stärken aus zwei Kulturen beziehen, »ich bin beides«, fügt der Elftklässler an. Dabei kann ihm die Förderung im Start-Programm helfen. Vorgesehen sind Rhetorik-Kurse und Bildungsveranstaltungen, Hazeem erhofft sich, mehr Selbstbewusstsein zu bekommen und bei Präsentationen in der Schule besser zu werden.

 

Weg zur Schule ist ein Problem

Ausgewählt wurde der Flensunger auch wegen seines Engagements im Kreisjugendparlament (KJP). Er hatte sich ohne große Hoffnung beworben, wurde aber gewählt. Im KJP macht er sich unter anderem für bessere Verkehrsanbindungen stark. Denn die Busverbindungen könnten besser sein. Das weiß er besonders seit seinem Wechsel an die Theo-Koch-Schule in Grünberg. Denn er muss erst einmal von Flensungen nach Stockhausen gelangen, um dort einen Bus zu nehmen.

Ein anderes großes Thema für ihn ist Diskriminierung, »weil jemand anders aussieht oder dicker ist«. Er hat von anderen Jugendlichen erfahren, wie Mobbing funktioniert, wenn gemeine Sachen über das Telefon geschickt werden. »Wenn sich das steigert, ist das extrem für die Betroffenen«, deshalb will das KJP Referenten zum Thema an Schulen holen. Auf die Idee, sich bei Start zu bewerben, kam Hazeem über seinen großen Bruder. Der ist sein Vorbild und nun im letzten Abschnitt des Medizinstudiums. Den Notendurchschnitt von 0,9 im Abitur würde Hazeem auch gerne erreichen, »aber das ist sehr schwer«, sagt er. Der große Bruder hat vor elf Jahren am Start-Programm teilgenommen, »dann kam der Erfolg«, fügt Hazeem an.

Übrigens ist der Flensunger auch Klassensprecher. Deshalb gestaltet er nun die SV-Stunden und weiß, wie schwer es für einen Lehrer sein muss, eine Gruppe Jugendlicher ruhig zu halten und zu unterrichten. Seine Konsequenz: Er will auf keinen Fall Lehrer wie seine Schwester werden, »vielleicht Rechtsanwalt oder Arzt«, meint er unbekümmert.

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