07. November 2018, 12:00 Uhr

Politiker in der Kirche

Gottesdienst der anderen Art in Ober-Ohmen

Vikar Jörg Niesner war unzufrieden mit dem Predigtthema Obrigkeit. Dann fragte er einen Freund, ob er einen besonderen Gottesdienst mitmachen könne. Ex-CDU-Generalsekretär Dr. Peter Tauber kam.
07. November 2018, 12:00 Uhr
Vikar Jörg Niesner (l.) befragt in der Kirche den CDU-Politiker Peter Tauber. (Foto: sf)

Unter der Überschrift »Jedermann sei untertan der Obrigkeit« fand am Sonntag ein besonderer Gottesdienst statt. Es beteiligte sich nämlich der parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung und frühere CDU-Generalsekretär Dr. Peter Tauber daran. In Anlehnung an den Titel des Gottesdienstes, der dem Bibeltext entstammt, fragte Vikar Jörg Niesner eingangs: »Wünscht ihr euch in Berlin nicht manchmal, dass wir Leute ein bisschen mehr Untertanengeist haben?« Tauber entgegnete, es sei gut, dass die Menschen in Deutschland, auch aufgrund ihrer Geschichte, eine gesunde Skepsis gegenüber ihren gewählten Politikern mitbringen und Entscheidungen kritisch hinterfragen. Allerdings habe sich der Ton verändert. Es sei schon »etwas rauer« geworden, sagte der Staatssekretär, der als einer der engsten Vertrauten von Bundeskanzlerin Angela Merkel gilt.

Vikar Niesner beschrieb die geschichtliche Situation für den Text von Paulus, der als Grundlage für das Gespräch diente. Paulus sei entschieden dagegen gewesen, dass Christen sich nur als Bürger des Reiches Gottes verstehen und irdische Obrigkeit ablehnen und verachten. Vielmehr sei staatliche Ordnung auch für das Zusammenleben von Christen wichtig. Politischen »Aufrührergeist« habe Paulus verhindern wollen. Der Text aus dem Römerbrief, meinte Niesner, habe in der Geschichte eine mitunter fatale Wirkungsgeschichte entfaltet. Blinder Gehorsam gegenüber einem Unrechtsstaat, betonte Niesner, dürfe keineswegs aus ihm abgeleitet werden.

Als Christ Umgang mit Waffen

Leidenschaftlich diskutierten die beiden die Frage, wie sich mit christlichen Werten Politik machen lässt: »Peter, kann man mit der Bibel in der Hand Politik machen?«, fragte Niesner den bekennenden Protestanten Tauber. Dieser verwies auf die Bergpredigt Jesu und führte aus, dass dort ein »paradiesischer Zustand« beschrieben werde. »Den wünsche ich uns allen«, so Tauber.

Jedoch lebe man in einer anderen Realität. Man könne also nicht einfach alles in der Bibel eins zu eins umsetzen, sondern müsse immer neu fragen, wie man diesem Ideal unter den heutigen Bedingungen nahe kommen kann. Niesner hakte ein: »Wie kann es sein, dass du als Christ in deinem Ministerium unter anderem für die Beschaffung von Kriegsgerät zuständig bist?« Der Politiker führte dann sehr grundsätzlich aus, wie diese Spannung zwischen Gewaltlosigkeit als christliche Maxime und Bundeswehr zu denken ist. Freiheit sei zentral im christlichen Glauben, und manchmal müsse diese Freiheit auch verteidigt werden, Menschenrechte müssten mitunter gewaltsam durchgesetzt werden. Anhand eines Gebetes aus dem evangelischen Gesangbuch für Soldaten erklärte Tauber etwas über das Selbstverständnis von Soldaten in der Bundeswehr. Die Bitte um »Bereitschaft zu Gespräch, Verhandlung und Versöhnung« sei da zentral.

Man darf für Politiker beten

Niesner betonte, es dürfe nie um bloße Pflichterfüllung gehen. Dies sei keine tragfähige evangelische Ethik. Christsein heiße, Verantwortung zu übernehmen, auch auf die Gefahr hin, das man sich schuldig macht. In der Welt nicht zu handeln und sich nur ins Private zurückzuziehen, sagte Niesner, führe genauso in die Schuld.

Man könne aus dem Glauben lernen, dass man für Politiker beten soll, auch für die ungeliebten. Letztlich gehe es um Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Da könne man immer auch falsch liegen. Das Gebet für die Politiker führe wieder zu der Frage nach guten Entscheidungen. Luther habe immer gefragt »Was Christum treibet«. Das sei wesentlich, um gute und gerechte Politik zu machen. Man müsse den Blick von unten einnehmen. Auf die Frage Niesners, ob Tauber sich an eine Entscheidung erinnert, bei der ihn besonders sein Glaube geleitet hat, nannte er die Entscheidung gegen die Präimplantationsdiagnostik und die Entscheidung für die Homo-Ehe. Die evangelischen Kirchen hätten ja zuvor schon entschieden, dass sie homosexuelle Paare segnen würden und dass das nicht Gottes Wille widerspreche. Der Staat habe da die Aufgabe gehabt, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen.

Sehr persönlich wurde das Gespräch, als es um Peter Taubers schwere Erkrankung ging, die ihn zweimal dazu gebracht habe, dass er meinte sterben zu müssen. Da habe er gebetet, und das habe ihm gutgetan. Zum Schluss vervollständigte Tauber einige Satzanfänge. Dabei verriet er unter anderem, dass die Weihnachtsgeschichte ihn besonders geprägt hat.

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