16. November 2018, 08:10 Uhr

Flüchtlinge

Bei Diskussion in Gemünden wird Bilanz gezogen

Die Integration von Flüchtlingen läuft im Kreis sehr gut. Vorfälle, wie sie bundesweit die Debatte überschatten, hat es nicht gegeben. Erkenntnisse bei einer Podiumsdiskussion in Gemünden.
16. November 2018, 08:10 Uhr
»Unsere Angebote werden nicht angenommen«. Rainer Lindner (Gemündener Flüchtlingsinitiative) bedauert, dass viele Einheimische keinen Kontakt zu Zuwanderern möchten. Ausnahmen wie hier gibt es natürlich. (Foto: Archiv)

Nach dem Ende der rund zweieinhalbstündigen Diskussion waren die meisten sicher schlauer als vorher. Peter Gabriel von der einladenden Flüchtlingsinitiative äußerte sich sehr zufrieden, dass es angesichts von rund 70 Besuchern »recht voll geworden ist«. Rainer Lindner zog im DGH Nieder-Gemünden kurz Bilanz, mittlerweile ist die größere Unterkunft in Burg-Gemünden geschlossen, es gibt noch zwei kleinere. Er und Ulli Kill äußerten sich erneut enttäuscht, dass es nicht gelungen ist, über die Betreuergruppe hinaus Kontakte zwischen Zuwanderern und Eingesessenen anzubahnen. Zudem fühlt man sich von der Kommunalpolitik (»mit Ausnahme einer Fraktion«) alleine gelassen, durch das Desinteresse werde die Arbeit der Helfer entwertet (Ulli Kill).

SPD-Politiker Rüdiger Veit nennt Zuwanderung einen »ganz normalen Vorgang«, ohne würden massiv Arbeitskräfte fehlen. Sandra Oestreich von der Kommunalen Vermittlungsagentur berichtete von guten Fortschritten ebenso wie Hans-Ulrich Merle vom Amt für soziale Sicherung. »Nicht alle, aber die allermeisten sind angekommen,« so Merle. 816 Arbeitsverträge seien eine sehr ansprechende Zahl.

Safa Moki, die 2015 aus Syrien kam, berichtete von Problemen etwa durch das lange Warten auf Sprachkurse, »teilweise wurden wir auf der Ausländerbehörde unfreundlich behandelt, weil wir uns natürlich am Anfang nicht gut verständlich machen konnten.« Das Ziel der Künstlerin und Mutter: »Eine eigene Galerie.« Monika Wüllner von der VHS berichtete von der gut gemeisterten Herausforderung, Kurse für die Neuankömmlinge aus dem Boden zu stampfen. Diese in wenigen Monaten so weit bringen, dass sie in einem fremden Land klarkommen, »das war heftig, da haben die Köpfe geraucht.«

Die Max-Eyth-Schule Alsfeld war durch ihre Geschichte auf die Aufnahme von Geflüchteten gut vorbereitet, so Antje Schäfer. Ewald Mönnig (Kreishandwerkerschaft) betont, das Handwerk gebe jedem Zuwanderer eine Chance, »selbst wenn er keinen Hauptschulabschluss hat.«

Roman Eisenbach von der Polizeidirektion Vogelsberg betonte auf die Frage von Moderator Burkhard Bräuning (Gießener/Alsfelder Allgemeine Zeitung), »dass man im Vogelsberg nachts sicher durch die Straße gehen kann.« Allerdings sei das subjektive Empfinden oft anders. So hat er mitbekommen, dass sich sommerlich gekleidete junge Frauen sehr unwohl fühlten, als sie einer Gruppe männlicher Flüchtlinge begegneten: »Das Ortsbild von Alsfeld und Lauterbach hat sich verändert.«

Die Zahlen seien nicht Besorgnis erregend. Zwar wurden 2017 von 166 Straftaten von Ausländern 111 von Geflüchteten verübt, allerdings ging es meistens um Verstoß gegen die Aufenthaltsbestimmungsrecht, es folgen Diebstahl und Körperverletzung. Auf neun Personen, die wegen Körperverletzungsdelikten als besonders auffällig gelten, hat die Polizei ein besonderes Auge.

In der aktuellen Debatte um schwere Straftaten sieht Rüdiger Veit große Vollzugsdefizite. Es sei Menschen nicht zu vermitteln, warum aktenkundige Straftäter nicht abgeschoben werden. Das liege oft daran, dass die Herkunftsländer sie nicht zurücknehmen: »Hier sollte man über schärfere Sanktionen nachdenken.« Das gelte auch für EU-Länder, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Zudem gebe es Abstimmungsprobleme zwischen Bundes- und Landesbehörden. Ralf Müller äußerte sich zur Ausbildung von Flüchtlingsbegleitern, Pfarrerin Ursula Kadelka zum Kirchenasyl.

Deutlich wurde, dass die Menschen, die sich um Flüchtlinge kümmern, inzwischen sehr viel Fachwissen gesammelt haben. Rainer Lindner sprach von der Kritik, die sich in den sozialen Netzwerken Bahn bricht. Nicht zuletzt nannte er den Wahlerfolg der AfD in Burg-Gemünden mit 26 Prozent. »Ich habe die Kritiker eingeladen, aber sie sind nicht gekommen.« Der Wind sei rauer als zu Beginn, Frust und Wut würden offener kundgetan, zudem fehle Unterstützung durch die Kommunalpolitik.

Bürgermeister Lothar Bott nahm die Kommunalpolitiker in Schutz, die sich ebenfalls sehr engagieren würden, nur eben anders. Er sieht große Versäumnisse bei der »großen Politik«. Diese schaffe es nicht, Probleme rechtzeitig genug anzugehen und sei so mitverantwortlich für einen Rechtsruck. Das unterstrich Rüdiger Veit: »Die Regierung ist erst aufgewacht, als die Leute hier waren, obwohl die Lage in Südeuropa bekannt war.«

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