23. November 2018, 08:00 Uhr

Schnelles Internet

Warum die Bürokratie den Breitbandausbau im Vogelsberg ausbremst

Die Ungeduld treibt manchen Vogelsberger fast zur Verzweiflung. Warum dauert es so lange bis zum schnellen Internet? Das erklärt Walter Bathke, Geschäftsführer der Breitbandinfrastruktur-Gesellschaft Bigo.
23. November 2018, 08:00 Uhr
Der Stecker eines Netzwerkkabels. Mit diesen auch LAN-Kabeln genannten Leitungen werden Computer unter anderem an das Breitbandinternet angeschlossen. Im Kreis warten viele noch darauf, rund 28 000 Nutzer können bereits schneller surfen. (Foto: dpa)

Es ist nicht so, dass sich nichts tut. Die Telekom rüstet an Standorten Verteilerkästen mit der sogenannten Vectoring-Technik auf. Trotzdem schleichen immer noch sehr viele über die Datenautobahn und fragen: Wann passiert bei mir etwas? Und warum wird keine Glasfaserleitung verlegt? Bathke hat hierzu eine klare Meinung: Für die allermeisten Nutzungen von Privatleuten ist die Bandbreite, die sie über Vectoring bekommen, völlig ausreichend. Das gelte auch für das immer beliebter werdende Streamen von Serien im Internet

Nicht umhin kommt er, an das Hin und Her beim Breitbandausbau zu erinnern (siehe Infokasten unten). »Wir hatten den Ausbauplan für den ganzen Kreis fertig in der Schublade.« Dann trat die Telekom, die sich bis dahin bedeckt gehalten hatte, plötzlich auf den Plan. Im Gesetz heißt es, dass der Breitbandausbau keine öffentliche Aufgabe ist und von Unternehmen der Privatwirtschaft erledigt werden soll. Richtiger wäre es aus Sicht von Bathke gewesen, »wenn man uns nicht hätte reingrätschen dürfen.« Nachvollziehen kann er aber zumindest, dass die Telekom als Dax-Konzern nicht will, »dass der Markt kleinflächig zersplittert«.

 

Schnelles Internet im Vogelsberg: Zuerst Firmen und Schulen

Als das Betreibermodell platzte, war es nicht mehr möglich, dass die Bigo ohne Unterstützung und Geld aus der Wetterau den Vogelsberg ausbaut. Verhandlungen und die Aussicht auf Förderung brachten die Telekom dazu, dass sie sich im Dezember 2016 bereit erklärte, den Vogelsberg nun doch in weiten Teilen eigenwirtschaftlich auszubauen. Was übrig bleibt, macht die Bigo. Zunächst müssen Firmen und Schulen die schnelle Leitung erhalten. Dafür machte der Kreis rund 20 Millionen Euro an Förderung locker. Dieser geförderte Ausbau muss vorrangig erfolgen, weil er immer dort, wo durch Vectoring-Ausbau bereits eine Übertragungsrate von 30 MBit/s erreicht wird, nicht mehr möglich ist. 85 Prozent der Nutzer sollen am Ende Geschwindigkeiten zwischen 50 und 100 MBit/s nutzen können.

Ein enormer bürokratischer Aufwand ist nötig, um an Fördergeld zu kommen, sagt Bathke, das ist ein großer Bremsklotz. Zwischendurch muss außerdem immer wieder abgefragt werden, ob sich Unternehmen für den Ausbau interessieren. Deshalb gehen schnell bis zu acht Monate ins Land. Nun werden für Mitte/Ende Januar die endgültigen Förderbescheide erwartet. Dann werden die Aufträge vergeben und es wird die Ausbaureihenfolge festgelegt. Die Baufortschritte hängen dann aber auch an verpflichtend Synergien genutzt werden: Wenn eine Gemeinde ohnehin eine Straße aufreißt, dann hängt man sich dran. Tiefbauarbeiten sind teuer.

Und warum machen Kreis und Gemeinden nicht selbst das Geld für den Ausbau locker? Bathke erinnert daran, dass der Kreis (und einige Kommunen) wegen hoher Verschuldung vor kurzem noch unter dem Schutzschirm waren. Und der Breitbandausbau sei eine freiwillige Leistung. So könnten trotz einer vom Bund versprochenen 50-prozentigen Förderung auf eine Gemeinde schnell zig Millionen zukommen: »Und wer will das zahlen?«

 

Schnelles Internet im Vogelsberg: Glasfaser für alle sei Unsinn

Er hält die Forderung nach Glasfaser für alle im Prinzip für Unsinn, lässt er durchblicken. Die Kunden jedenfalls wollen die teure Leitung bis ins eigene Heim nicht zahlen, hätten Umfragen ergeben. Eine Ausnahme sind einzelne Firmen, die sehr umfangreiche Datenpakete hin- und herschicken (die AAZ berichtete am Mittwoch). Am Ende werde man durch Super-Vectoring an einigen Standorten auch schnelle 250 mBit/s erreichen, »das nutzen Sie privat fast nie.«

Bathke betont, man sei auf einem guten Weg. Immerhin wurden bis Ende 2017 13000 Anschlussnehmer ans schnelle Netz gebracht. Bis Ende 2018 sollen es weitere 15000 sein. Trotzdem sei noch viel zu tun, räumt er ein. Nicht nur wenn man »an Homberg und drumherum denkt«, wo die Versorgungslage ganz schlecht sei. In Orten wie Appenrod oder Bernsfeld ist zudem noch das Mobilfunknetz schlecht. Am Ende sollen keine weißen Flecken bleiben, er werde sich für alle Orte einsetzen. So kann geförderter Ausbau auch heißen, dass beim Ausbau eines Gewerbegebietes Anschlüsse im Ort mitgemacht werden.

Nur beim Zeitrahmen lässt sich Bathke nicht festlegen. Ursprünglich sollte die Erschließung bis Ende 2019 alles fertig sein, doch das wird nicht klappen. Auf die Frage, ob Mitte 2020 möglicherweise realistisch ist, möchte Bathke nicht antworten.

Das liegt halt nicht in seiner Hand, man sei auf Firmen angewiesen und auch auf das Wetter. Und doch: »Wenn ich das alles richtig hinzimmere, dann haben sich 48 Berufsjahre gelohnt.« Und: »Am Ende werden alle zufrieden sein.«

Info

Schnelles Internet im Vogelsberg: Die Vorgeschichte

Bekanntlich hatten die Telekom und andere Anbieter zunächst kein Interesse, den Vogelsberg auszubauen. Dann wurde die Bigo gegründet, die Teile von Wetterau und den Vogelsberg ausbauen, Leitungen legen und diese vermieten wollte (Betreibermodell). Als die Bigo kurz vor der Vergabe von Dienstleistungen stand, verkündete die Telekom, sie wolle nun doch Wetterau und Teile des Vogelsbergkreises ausbauen. Das Betreibermodell war geplatzt, die Bigo musste eine neue Strategie entwickeln. Sie erschließt nun mit Fördermitteln Schul- und Unternehmensstandorte und verbleibende weiße Flecken. (ks)

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