05. Dezember 2018, 12:00 Uhr

Jugend

Hemmschwelle für Gewalt sinkt

Schon Grundschüler haben ein Smartphone und damit »die Welt der Erwachsenen in der Hosentasche«, sagt Nicole Grün. Die Jugendsozialarbeiterin sieht das kritisch und bietet Hilfen an.
05. Dezember 2018, 12:00 Uhr
Viele Grundschüler haben bereits ein Smartphone und können damit überfordert sein. (Foto:jol)

Sie häkelt Emojis mit Jugendlichen, gestaltet Freizeiten mit Fünftklässlern, damit die Klassendynamik stimmt und ist Ansprechpartnerin, wenn Gewalt und Mobbing zum Problem werden. Nicole Grün gestaltet schulbezogene Jugendsozialarbeit im Bereich Homberg, Gemünden, Kirtorf und bekommt die Veränderungen in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen unmittelbar mit. Sie bietet Arbeitsgemeinschaften und Freizeiten für Schüler an, ist aber auch für Beratung nach einer Schlägerei in der Klasse da. Diese Bandbreite von der Vorbeugung bis hin zur Krisenintervention ist bei der schulbezogenen Jugendsozialarbeit gewollt, wie Silvia Lucas, Leiterin des Sachgebiets Jugendarbeit beim Vogelsbergkreis, sagt.

Nicole Grün sagt, »ich kann mich nicht über zu wenig Arbeit beklagen«. Jede Generation hat so ihre Besonderheiten, so hatten noch vor zwei Jahren die Kinder ab 5. Schuljahr Handys, inzwischen »haben sie spätestens in der 3. Klasse ein Smartphone - auch neue Modelle«. Das Problem sind Geräte mit unbegrenzten Internet-Zugang, »da haben sie die Welt der Erwachsenen in der Hosentasche«. So werde die Sexualerziehung schon digital vorweg genommen, auch ohne Lehrerin.

Früher endete Streit nach Schule

Ein anderes Thema hängt ebenfalls mit dem Kleincomputer in der Tasche zusammen: Mobbing hat sich verlagert, wie Grün beobachtet. »Früher war ein Streit nach dem Unterricht vorbei, heute geht es nachmittags erst richtig los.« Schwierig ist für Kinder auch, Textnachrichten richtig einzuordnen. Wenn jemand schreibt, »heute bringe ich dich und deine Familie um«, weiß ein Erwachsener, dass dies ein schlechter Scherz ist. Für Kinder sei dasselbe aber bedrohlich.

Deshalb ist es gut, dass Nicole Grün ebenso wie ihre Kolleginnen und Kollegen der vorbeugenden Jugendarbeit an allen Schulen im Kreis verankert sind. Sie haben Büros und feste Sprechzeiten, da »steht immer die Tür offen«, wenn ein Kind eine Frage hat oder ein Problem besprechen will. Grün bietet auch Freizeitangebote an, weshalb viele Kinder sie bereits kennen. Von Vorteil ist, dass sie keine Lehrerin ist und zur Verschwiegenheit verpflichtet ist.

Eingebunden wird sie, wenn es einem Kind in einer Klasse nicht so gut geht und es gehänselt wird. Dann sucht Grün unter den Mitschülern erst einmal Jungen und Mädchen, die bereit sind, dem bedrängten Mit-Kind zu helfen. Dabei lernen sie gleich, dass es gut tut, sich für andere einzusetzen. Wichtig sei es, nicht nach »dem Schuldigen« zu suchen, sondern erst eine Unterstützergruppe zu bilden.

Zweitklässler ausgerastet

Die heile Welt besteht nicht im Vogelsberg, wie Silvia Lucas anfügt. So gab es den Fall eines Zweitklässlers, »der völlig ausgerastet ist, sich in die Toilette eingeschlossen und Lehrerinnen mit der Klobürste attackiert hat«. An einer Grundschule gab es fünf Kinder, die auch mal ihre Mitschüler mit Scheren bedroht haben. Grün bestätigt, dass die Hemmschwelle für Gewalt gesunken sei. Da sei es gut, dass an der Ohmtalschule Streitschlichter aktiv seien. Sie selbst bietet den Klassen ein Angebot zum sozialen Lernen an. Sie kommt auch in den Unterricht, »um zu besprechen, dass Wrestling nicht die optimale Pausengestaltung ist, »weil dann immer einer weint«.

Grün fügt nachdenklich an, dass sie den Eindruck hat, mehr Kinder haben eine psychische Erkrankung. »Vielleicht wird das aber auch nur mehr attestiert als früher«. Die Inklusion von Kindern mit Behinderung oder Beeinträchtigung finden die beiden Jugendarbeiterinnen übrigens vollkommen richtig. Sie sollte nur so umgesetzt werden, dass der zusätzliche Bedarf an Unterstützung abgedeckt ist. Das erfordert unter Umständen mehr Personal.

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