06. Dezember 2018, 12:00 Uhr

Altes Handwerk

Neue Chancen für Buchbinder in Maulbach

Siegfried Kraus ist Buchbinder und liebt seinen Beruf über alles. Die Zeiten sind angespannt für sein Handwerk. Aber Kraus versucht kreativ dagegen zu halten. Und seine Produkte kommen an.
06. Dezember 2018, 12:00 Uhr
Wenn ihm etwas in die Finger fällt, überlegt er, was er damit machen kann. Siefried Kraus in seiner Werkstatt. (Foto: ks)

Das gebürtige »Münchner Kindl« fremdelt mit seiner neuen Heimat gar nicht. Siegfried Kraus ist nach dem Umzug in Arbeitsklamotten erst einmal schräg gegenüber in die Kneipe »Pein’s Eck« gegangen. Er hat sich vorgestellt und mit den Anwesenden ein Bierchen getrunken: »Das kenne ich so von früher, dass man sich vorstellt.«

Bis vor einiger Zeit wohnte der 45-Jährige mit seiner Lebensgefährtin, die Konditormeisterin ist, zur Miete in Frankfurt und hatte dort seinen Laden. Doch der Immobilienmarkt in der Großstadt lässt auch Handwerkern immer weniger Spielraum. Da kam das große Grundstück mit Haus und Laden gerade recht. Seit einigen Monaten sind sie da, einige Sachen sind noch in Frankfurt.

Der gelernte Buch- und Offset-Drucker und Buchbinder kann hier seine Leidenschaft zum Buch und zum Papier voll ausleben. Und die sieht man in jeder Ecke der Werkstatt, die hinter dem Laden in der Wäldershäuser Straße liegt. Mit seinen Erzeugnissen geht er auf Märkte, auch beim Kalten Markt konnte man ihn treffen. Am Stand bietet er Geschenkpapiere, originell eingebundene Notizbücher und seine Stufenkästen an, formschöne Stapelkistchen in allen Größen. Ansonsten repariert er auch Bücher und stellt individuelle Terminplaner her: »Manche wollen halt was Persönliches«.

Kontakte über Jahrmärkte

Kunden bringen ihm zudem wertvolle Sachen wie eine Familienbibel von 1854. Etwa ein Jahr lang wird er zu tun haben, um das gute Stück zu reparieren, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Begeistert ist er auch vom alten Kochbuch, das eine Kundin gebracht hat: »Damals hat man die Zubereitung von Speisen noch von Anfang an gelernt, etwa wie man einen Hasen zerteilt.« Den Kontakt zu neuen Kunden bekommt er meist über die Märkte, wo man ins Gespräch kommt. Auch bei den großen Buchmessen wie Frankfurt oder Leipzig ist er vertreten. Sein Handwerk wird fast so traditionell ausgeführt wie seit hunderten von Jahren. Darauf verweist die hölzerne Heftlade. Nähen, heften, leimen, binden – daran hat die moderne Technik nichts geändert. Mit einem speziellen Leim kann er sogar zerfledderte, angerissene Seiten wieder herstellen: »Wenn ich mit dem Buch fertig bin, hält es wieder 200 Jahre.« Das Papier wird es aus seiner Sicht noch lange geben: »Wer möchte schon mit seinen Enkeln die Bilder auf Tablet anschauen?«

Sein Brot- und Butter-Geschäft ist allerdings das Binden von Texten für Rechtsanwälte und Steuerberater, hier hat er sich deutschlandweit einen Kundenstamm aufgebaut. Darüber hinaus bedruckt er T-Shirts und Pullover, auch ein Maulbach-Shirt ist bereits dabei, er stellt Briefbögen her, macht Autofolien oder Fensterbeschriftungen.

Buch mit alter Jeans eingebunden

Manchmal, wenn die Fantasie mit ihm durchgeht, setzt sich Kraus an seine Industrienähmaschine und bindet ein Buch nicht in normale Pappe ein, sondern in eine alte Jeans oder eine Schallplatte. Industriebuchbinder gibt es viele, aber sein Handwerk ist vom Aussterben bedroht, weil sich kaum noch jemand selbstständig machen will und viele Kunden die Preise für Handwerksarbeit nicht zahlen wollen. »Wir haben das Problem wie die Schuster, die sind auch fast verschwunden«.

Nach Stationen im Rodgau und Frankfurt nun also Maulbach. »Ich fühle mich sehr wohl, ich fühle mich als Maulbacher.« Die Umgebung gefällt ihm gut, und mit Bus und Bahn hat er gelernt weiter zu kommen, wenn seine Frau das Auto braucht: »Von Nieder-Gemünden aus geht das ganz gut.«

Die Aktivitäten auf dem Grundstück in Maulbach werden übrigens noch ausgebaut. Davon zeugt eine riesige Teigrührmaschine im Hof. Seine Lebensgefährtin, die unter anderem Motivtorten herstellt, will bald ihre Backstube einrichten.

Und wenn er schon mal dabei ist: Eine Internetseite für Maulbach schwebt ihm vor, wo alles vorgestellt wird, was es so gibt: »Das ist so viel, man könnte zum Beispiel eine Werkstattreise anbieten...«

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