16. Januar 2019, 12:00 Uhr

Geld- und Platzmangel

Es fehlt ein Vogelsbergarchiv

Heinrich Dittmar war eine Institution unter den Lokalforschern, es gibt einen umfassenden Nachlass. Doch für seine Unterlagen ist kein Platz im Kreis, wie seine Witwe Marga erfahren musste.
16. Januar 2019, 12:00 Uhr
Witwe Marga Dittmar hat den Nachlass auf drei Archive verteilt. (Foto: jol)

Marga Dittmar ist zufrieden, denn vier Jahre nach seinem Ableben sind Fachbibliothek und handschriftliche Unterlagen ihres Mannes Heinrich in kundigen Händen. »Es war immer sein Wunsch, ein Archiv im Vogelsbergkreis zu haben, aber leider vergeblich«, sagt sie. Deshalb musste der Nachlass des Heimatforschers auf verschiedene Stellen verteilt werden. Die handschriftlichen Unterlagen sind im Staatsarchiv Darmstadt, Bücher und Zeitschriften zur hessischen und Regionalgeschichte nach Ulrichstein und Fulda abtransportiert.

Dahinter verbirgt sich einiges an Arbeit, wie Marga Dittmar anmerkt. So hat das Stadtarchiv in Fulda vor einem Jahr 940 Druckwerke erhalten, und erst vor wenigen Wochen war die Katalogisierung der »Sammlung Dittmar« abgeschlossen. In die Vogelsberg-Bibliothek des Vorwerk-Museums Ulrichstein sind 322 Bücher und Zeitschriften eingepflegt worden. Die Arbeiten an den handschriftlichen Unterlagen im Staatsarchiv Darmstadt sind noch nicht abgeschlossen. Drei Mitarbeiter kamen mit einem Kleintransporter, um die vielen Umzugskisten voller Unterlagen nach Darmstadt zu bringen. Marga Dittmar ist froh, dass sich Profis um die Bücher und Dokumente kümmern, damit sie für die weitere Forschung zur Verfügung stehen.

Damit erfüllt Marga Dittmar einen innigen Wunsch ihres verstobenen Mannes. »Es fehlt ein Vogelsberg-Archiv für lokale Forscher und Familienkundler«, das habe ihr Mann immer bemängelt, berichtet sie. Seine Vorstöße, ein solches Archiv einzurichten, seien stets gescheitert. In Stadtbüchereien gebe es dafür keinen geeigneten Platz, meint Marga Dittmar resigniert. Solch ein Archiv wäre auch deshalb wichtig, weil die Zeitzeugen wegsterben und mit ihnen die Erinnerungen an historische Ereignisse. Inzwischen halten ihre Tochter und ihr Sohn die Kontakte zu Nachfahren ehemaliger Alsfelder, die im Dritten Reich vertrieben wurden. Das hat vorher Heinrich Dittmar geleistet.

Oft auf Ablehnung gestoßen

Er hat Anfang der 1970er Jahre angefangen, zu Aspekten der regionalen Geschichte zu forschen. Der Lehrer und Leiter einer Schule für Lernbehinderte hatte ein breites Spektrum an Interessen, wie sich Marga Dittmar erinnert. Immer wieder hat er Aufsätze geschrieben und Vorträge gehalten, um Themen aus der Alsfelder Stadtgeschichte wie das Christkindwiegen zu beschreiben. Lange Jahre war er Vorstandsmitglied des Geschichts- und Museumsvereins Alsfeld sowie im Denkmalbeirat. Bekannt wurde Heinrich Dittmar durch seine Forschungen zum jüdischen Leben im Raum Alsfeld. »Er hatte immer ein großes Interesse am Leben von Minderheiten«, sagt Marga Dittmar. Dabei kam er immer wieder auf die Spuren der Juden in der Region, befragte Zeitzeugen und durchstöberte Archive. »Dabei ist er oft auf Ablehnung gestoßen, es hieß oft, was willst Du denn da schauen«, erinnert sich Marga Dittmar. Da kam es schon mal vor, dass plötzlich die Schlüssel zum Archiv nicht mehr aufzufinden waren, wenn er Einlass begehrte.

Die jüdischen Friedhöfe besuchte das Ehepaar oft, um zu schauen, ob die Anlagen gepflegt werden. Denn dafür sind die Kommunen zuständig, die dafür eine Entschädigung vom Land erhalten. Die Recherchen mündeten in das Buch »Geschichte der Juden in Alsfeld«, das mit Dr. Herbert Jäkel und Helmuth Riffer entstanden ist.

Viele Gespräche mit Alsfelder Juden

Die Notizen enthalten viele Gespräche mit Alsfelder Juden, die vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten fliehen mussten. Manche Gespräche sind auch in Video-Interviews eingeflossen. Die Informationen bereitete Dittmar für Stadtführungen, Vorträge und Ansprachen zum Gedenken an die Pogromnacht auf. Sein Arbeitszimmer und ein Raum im Untergeschoss des Hauses waren voller Bücher und Unterlagen. »Leider hat Heinrich nie die Muße gefunden, das in einem Buch zusammenzufassen«, bedauert Marga Dittmar. Aber nun seien die Unterlagen gut untergebracht und könnten eine Basis für weitere Forschungen bilden.

Alsfelds Bürgermeister Stephan Paule sieht das Problem, das aber nur in gemeinsamer Anstrengung mehrere Kommunen gelöst werden könne. »Ein heimatkundliches Archiv wäre sicherlich eine schöne Sache«, sagt er. Die Archive von Städten, Gemeinden und Landkreis hätten gesetzlich bestimmt lediglich die Aufgabe, sich um das Schriftgut der Körperschaft zu kümmern. In Alsfeld werde »einiges mehr gemacht als nur Verwaltungsschriftgut zu verwalten«. Dennoch sei die Annahme und Verwaltung ganzer Nachlässe nicht immer möglich.

Ein heimatkundliches Archiv, eigenständig oder angedockt an ein Archiv von Kreis oder Kommunen, wäre eine freiwillige Leistung, »die nur möglich wäre, wenn alle Kommunen der abgedeckten Region auch finanziell zusammenarbeiten würden«. Paule weiter: Der Kreis oder eine Kommune allein könnten dies nicht schultern.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Der Kreis GmbH & Co KG
  • Erbschaften
  • Gespräche
  • Heimatforscher
  • Heinrich Dittmar
  • Juden
  • Stephan Paule
  • Vogelsberg
  • Zeitschriften
  • Alsfeld
  • Joachim Legatis
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.