21. März 2019, 22:06 Uhr

Notverkauf für die Flucht

21. März 2019, 22:06 Uhr
Zum ersten Teil des Vortrags über Braukunst und Juden bietet Ralf Weidert israelisches Bier an, nun informierte er über Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg. (Foto: jol)

Führungen in der ehemaligen Synagoge, Arbeiten am Mundart-Buch und das Erinnern an jüdische Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg – ein breites Spektrum deckte das Jahrestreffen des Vereins Historisches Feldatal ab. Man traf sich im Kulturhaus Alte Synagoge, wobei Vorsitzender Ernst Uwe Offhaus betonte, dass der Bau wegen aufsteigender Feuchte saniert werden müsse. Er sei bereits im Gespräch mit Bürgermeister Bach.

In der Jahresbilanz berichtete Offhaus, dass sechs Führungen in der ehemaligen Synagoge erfolgten und der Zustand des jüdischen Friedhofs überwacht wird. Die historische Sammlung des Vereins wird im Alt- archiv verwahrt, nachdem das »Haus Schuh« verkauft wurde. Im vergangenen Jahr gab es mehrere Kontakte mit Mitarbeitern des Senckenbergmuseums Frankfurt im Hinblick auf die früheren Arbeiten von Hans Hupke. Der Verein arbeitet eng mit Vereinigungen zusammen, die sich mit Heimatgeschichte befassen.

Weiterhin im Werden ist das Mundart-Wörterbuch, wie Erich Seim sagte. Er will die Zusammenstellung möglichst in diesem Jahr abschließen. Den Kassenbericht stellte Horst Bernhardt vor, es gab keine Beanstandungen. Einstimmig wiedergewählt wurde der Vorstand: Vorsitzender Ernst Uwe Offhaus, Schriftführerin Gudrun Großkopf, Rechner Walter Stein, Beisitzer sind Michaela Eckstein und Heinz Frank.

Brauerei wurde 1935 arisiert

Einen großen Bogen von jüdischen Frontsoldaten zur Geschichte der Alsfelder Brauerei schlug Ralf Weidert. In Fortsetzung seines Vortrags zur Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht 1938 im November 2018 erinnerte er daran, dass die deutschen Juden in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu nationalbewussten Bürgern wurden. Im Krieg kämpften rund 100 000 Männer aus jüdischen Familien mit, viele zeichneten sich aus, wie Weidert am Beispiel von Fliegerkameraden Hermann Görings deutlich machte. Moses Katz aus Kestrich starb 1916 an der Front, Hugo Bacharach im November 1918 an Kriegsverletzungen. Dennoch gab es eine antisemitische Propaganda, wonach sich gerade Juden vor dem Militärdienst drücken würden. Das griffen die Nationalsozialisten auf. Bereits im Jahr nach Beginn der NS-Ära emigrierte Theo Goldenberg aus Kestrich, 1936 konnte der Rest der Familie ebenfalls flüchten. Die Alsfelder Brauerei wurde 1935 arisiert, dabei bedrohten Nationalsozialisten Angehörige der Familie Wallach mit einer Pistole. Die Familie konnte 1937 nach Argentinien flüchten. Spätere Versuche, die Brauerei weiterzuführen, misslangen.

In Kestrich musste das Ehepaar Katz ihr Textilgeschäft verkaufen, um 1937 der Tochter die Flucht zu ermöglichen. Die Eltern Mathilde und Leopold Katz wurden später deportiert und ermordet, wie Weidert aufzählte. Als letzte jüdische Kestricher verschleppte die Polizei im September 1942 Sally Bacharach sowie Leopold und Irma Kapenberg in den Tod.

Weidert bedauerte, dass nach dem Zweiten Weltkrieg nur Einzelne für Verbrechen gegen Juden belangt wurden. Es habe bis in die 1960er Jahre gedauert, bis in den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt wenigstens einige direkte Täter verurteilt wurden.

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