26. März 2010, 20:46 Uhr

Vor 65 Jahren Bombenangriff auf Bahnhof Mücke

Mücke - Aus dem Kampf bis zum Endsieg, den die Nationalsozialisten propagiert hatten, war im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges ein Kampf bis zur totalen Niederlage geworden. Im Zuge der Rückwärtsbewegungen der deutschen Truppen war Mitte März 1945 auf dem Bahnhof Mücke ein Flakzug eingetroffen.
26. März 2010, 20:46 Uhr
Die Gleise des Bahnhofs wurden durch den Angriff aus der Luft weitgehend zerstört, die Munitionswagen explodierten, Eisenteile flogen durch die Luft, und auf dem Platz des Sägewerkes Wittich brannten mehrere Holzstapel. (Foto vom Verfasser)

Mücke - Aus dem Kampf bis zum Endsieg, den die Nationalsozialisten propagiert hatten, war im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges 1945 ein Kampf bis zur totalen Niederlage geworden. Am 24. März 1945 überquerten amerikanische Truppen bei Oppenheim den Rhein. Manche Deutsche erwarteten sie als Befreier, viele jedoch fürchteten den Einmarsch der Sieger. Nicht weniger ängstlich beobachtete allerdings die Masse der kriegsmüden Bevölkerung die letzten Versuche von NS-Funktionären und SS-Einheiten, den sinnlosen Kampf fortzusetzen. Im Zuge der Rückwärtsbewegungen der deutschen Truppen war Mitte März 1945 auf dem Bahnhof Mücke ein Flakzug eingetroffen. Dieser Flakzug, bestehend aus einem 10,5 Zentimeter Flakgeschütz, einer Zwei-Zentimeter-Vierlingsflak sowie Mannschafts- und Munitionswagen, war auf dem nördlichen mittleren Gleis der Strecke Laubach - Mücke abgestellt. Dieser Zug war auch von der Strecke Laubach - Mücke gekommen, denn ein Einwohner aus Merlau war in Freienseen, ohne dass er bemerkt wurde, auf den Zug aufgesprungen. Zum selben Zeitpunkt stand auf dem rechten äußeren Gleis der Strecke Gießen-Alsfeld ein KZ-Gefangenentransport und zwar in Höhe des heutigen Verwaltungsgebäudes der Gemeinde Mücke. Laut Zeitzeugenbericht wurden die KZ-Gefangenen von Kindern der nahen Anwohner mit Wasser versorgt, ohne dass sie von der Wachmannschaft daran gehindert wurden. Zu der damaligen Zeit war dies eine mutige Handlungsweise, zumal man auch ständig mit Luftangriffen rechnen musste.

Am 27. März 1945 starteten in Metz/Frescaty, Frankreich, 16 Jagdbomber vom Typ Thunderbolt zu einem bewaffneten Aufklärungsflug nach Deutschland. Der Befehl lautete: Den Eisenbahnlinien in dem angegebenen Gebiet zu folgen und Züge sowie militärische Einrichtungen sofort anzugreifen und zu zerstören.

Der Angriff dieser Jagdbomber auf den Bahnhof Mücke, begann gegen 14.30 Uhr und dauerte bis 16.30 Uhr. Der Flakzug wurde vollständig vernichtet, es gab vier Tote Flaksoldaten. Sie wurden am 30. März 1945 in Flensungen beerdigt. Das Wachpersonal des KZ-Transportes hatte an den Wagen die Türen geöffnet, und die Gefangenen samt dem Wachpersonal flüchteten nach allen Richtungen. Die Gleise des Bahnhofs wurden weitgehend zerstört, die Munitionswagen explodierten, Eisenteile flogen durch die Luft, und auf dem Platz des Sägewerkes Wittich brannten mehrere Holzstapel. Auch die Scheune von August Munch wurde ein Raub der Flammen. Die Merlauer Feuerwehr und die Wehr aus Nieder-Ohmen versuchten zwar nach dem Angriff die Brände zu löschen, aber es war vergebliche Mühe, zumal es auch wegen der noch immer explodierenden Munition gefährlich war.

Von den KZ-Gefangenen gab es ebenfalls vier Tote, die man aber »namenlos« in einem Bombentrichter beerdigte. Die Anderen wurden von der Wachmannschaft wieder zusammengetrieben, und nachdem sie das Bahnhofsgelände verlassen hatten, lagerten sie in Merlau direkt neben der Seenbachbrücke. Etwa 50 Meter davon entfernt, vor dem Haus Schlossgasse 11, befand sich gleichzeitig ein Trupp amerikanischer Kriegsgefangener, die an diesem Tag zu Fuß aus Richtung Grünberg gekommen waren, denn sie mussten wegen des zerstörten Bahngeländes den Transportzug unterwegs verlassen. Alles war in Bewegung von Westen nach Osten in Richtung Thüringen: Kriegsgefangene, KZ-Gefangene, Zivilisten, Parteifunktionäre und deutsches Militär aller Waffengattungen, denen man langsam die Auflösungserscheinungen anmerkte.

Die Merlauer Einwohner sahen mit Bangen und gemischten Gefühlen dem nächsten Tag entgegen.

Alle US-Truppen, die in der zweiten Märzhälfte 1945 in Hessen kämpften gehörten zur 1. und 3. US-Armee der 12. US-Armeegruppe unter dem Befehl des berühmten General Omar N. Bradley. Die 1. US-Armee stand unter dem Kommando von Generalleutnant Courtney Hodges und die 3. US-Armee unter dem Kommando von Generalleutnant George S. Patton.

Am 28. März erreichten die US-Truppen Grünberg, Göbelnrod und Beltershain

In der Nacht zum 28. März 1945 setzte um 1 Uhr die 80. US-Division von Mainz und Gustavsburg aus zum Sturm auf den Rhein-Main-Bogen an. Von Oppenheim aus waren weitere US-Einheiten bereits in Richtung Hanau vorgestoßen. Am Morgen des 28. März 1945 brachen die amerikanischen Verbände der 3. US-Armee von Hanau in Richtung Norden auf und trafen bei Gießen auf Verbände der 1. US-Armee. Vom Brückenkopf Hanau aus stießen drei US-Kampfverbände mit der Bezeichnung Kampfkommando »A«, Kampfkommando »B« und Kampfkommando »C« nach Norden vor. Das Tagesziel der Kampfkommandos war die Höhenlage bei Grünberg. Die beiden Kommandos »A« und »B« gingen parallel vor während das Kommando »C« bei Münzenberg in Reservestellung ging. »A« erreichte Grünberg gegen 18 Uhr, und »B« ging auf der Höhe zwischen Göbelnrod und Beltershain in Stellung.

Gegen 15.15 Uhr hatten amerikanische Aufklärer in Atzenhain eine starke Anhäufung von deutschen Fahrzeugen festgestellt. Daraufhin eröffneten die amerikanischen Panzer gegen 17 Uhr von der Höhe bei Beltershain aus das Feuer auf Atzenhain. Insgesamt fielen dem Feuerüberfall drei Wohnhäuser und sieben Scheunen zum Opfer, und es gab sechs Tote.

In und um Merlau wurde es in dieser Situation immer unruhiger. Man hörte das Schießen von Atzenhain her und immer mehr zurückwei- chende deutsche Soldaten kamen durch den Ort. Viele Merlauer vergruben Wertsachen, Kleidung und ließen heimlich Hitlerbilder und NSDAP-Embleme verschwinden. Langsam kam der Abend und mit ihm die Angst vor dem Morgen. Die meisten blieben in ihren Häusern und suchten die Kellerräume auf. Einige zogen es vor die Nacht in einem Stollen des Bergwerkes zu verbringen. Zudem wurden auf dem Kirchturm nach allen vier Seiten weiße Fahnen heraus- gehängt. Aber man hatte die Rechnung ohne einige fanatische Kampfkommandanten der SS, der Wehrmacht und einiger Parteifunkti- onäre gemacht. Ortsgruppenleiter Klinkel und Bürgermeister Kochendörfer wurden ultimativ aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die Fahnen sofort wieder eingezogen würden, andernfalls werde man in Merlau eine Verteidigungsstel- lung errichten. Die Fahnen wurden wieder ab- genommen, mehrere Einwohner versorgten die Soldaten mit Eßwaren und bewegten sie zum weiterziehen.

SS-Leute griffen geflohene KZ-Gefangene auf und erschossen sie am Sportplatz

In dieser Nacht passierte trotzdem noch ein schreckliches Ereignis, welches ich als Zwölfjähriger damals zum Teil miterlebt habe. Bei dem Tieffliegerangriff auf den Bahnhof Mücke am Tage vorher waren ja die KZ-Gefangenen flüchten gegangen. Die Wachmannschaft hatte zwar versucht, so viele wie möglich wieder einzufangen, aber einigen war doch die Flucht geglückt. Diese hielten sich nun in Schuppen, Scheunen, Gebüsch und Wald versteckt. Zwei von ihnen wurden leider durch SS-Leute aufgegriffen und gefangengenommen. Sie führten die Gefangenen durch das Dorf bis zum Sportplatz in der Heegwiese und erschossen sie dort hinterrücks. Es war glatter Mord.

In Merlau befanden sich zu dieser Zeit noch polnische und russische Fremdarbeiter. Einer davon, ein Pole, der bei Bürgermeister Kochendörfer war, machte diesen auf das Geschehen aufmerksam. In derselben Nacht noch haben dann Wilhelm Müller II. und dieser polnische Fremdarbeiter die beiden Erschossenen in einem Splittergraben an der Atzenhainer Straße beerdigt. Nun beherrschte jeden in Merlau noch stärker die Frage: Was wird morgen sein?

Am Morgen des 29. März 1945 gegen 6 Uhr hörte man das Rasseln der Panzerketten und von Atzenhain herkommend, tauchten die Amerikaner am Ortsrand von Merlau auf. Es ist allgemein bekannt, dass es Karl Kämmer zu verdanken war, dass Merlau nicht beschossen wurde, denn er hat an diesem Morgen als erster die weiße Fahne herausgehängt. Kurz darauf rollten die ersten Panzer in den Ort und nahmen den Weg in Richtung Mücke. Langsam wagten sich immer mehr Merlauer auf die Straße, und überall hingen nun die weißen Fahnen an den Häusern. Jeder war froh und glücklich, dass kein Schuß gefallen war, und man beobachtete verstohlen die vorbeifahrenden Sieger. Panzer auf Panzer, Lastkraftwagen, Halbkettenfahrzeuge und Jeeps, alle schwer bewaffnet und vollbesetzt mit Soldaten, rollten in das Dorf. Zum ersten Mal sahen auch die Merlauer farbige GIs.

Mit Hammerschlägen wurde das Schild »Adolf-Hitler-Schule« beseitigt

Nach etwa einer halben Stunde kamen die Panzer aus Richtung Mücke wieder zurück und nahmen den Weg durch die Burgstraße und die Schlossgasse in Richtung Kirschgarten. Der Grund war: Bei der Gaststätte »Zur alten Mücke« hatte die SS am Abend vorher die Brücke gesprengt. Als die ersten Panzer, Lkw und Jeeps durch die Burgstraße fuhren (damals noch Unterdorf) gab es doch noch eine brenzlige Situation. An der Hofeinfahrt zur Schule war am rechten Eckpfosten das Schild »Adolf-Hitler-Schule« angebracht. Keiner hatte daran gedacht dieses Schild zu entfernen. Als nun die ersten Fahrzeuge an der Schule vorbeifuhren, blieb ein Jeep stehen - ein Soldat stieg aus - stieg auf den davor stehenden Milchbock und zertrümmerte mit einem Hammer das angebrachte Namensschild. Mit dem Zerschlagen dieses Schildes wurde jedem deutlich demonstriert, dass die braunen Machthaber verspielt hatten und für Merlau am 29. März 1945 der Krieg zu Ende war.

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