18. Februar 2019, 20:17 Uhr

Das Erinnern des Pfarrers

Auf eine längst vergessene Chronik über Ereignisse in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 sowie in den beiden nachfolgenden Jahren ist unlängst Historiker Professor Jürgen Müller gestoßen. Verfasst hat die Chronik der Ostheimer Pfarrer Friedrich Karl Fink, der 1947 gestorben ist. Nun hat die Chronik einen neuen Glanz.
18. Februar 2019, 20:17 Uhr
Professor Jürgen Müller hat bei seinen Recherchen zum Leben im Ersten Weltkrieg in Ostheim eine verschollene Chronik von Pfarrer Fink gefunden, die nun aufgearbeitet und gebunden worden ist. (Foto: Jürgen W. Niehoff)

Ich weiß, dass viele Pfarrer eine Art Tagebuch führen, in das sie die wichtigsten kirchlichen Ereignisse notieren«, sagt Jürgen Müller. Vor fast fünf Jahren arbeitete der Frankfurter Historiker an einem Projekt, das mehr Licht in die Lebensumstände der Menschen auf dem Lande während der Kriegsjahre bringen sollte.

Müller, der in Eichen wohnt und dort im Kirchenvorstand engagiert ist, hatte sich vorgenommen dafür in Pfarrämtern auf die Suche zu gehen. Er durchkämmte die Archive der umliegenden Pfarrhäuser.

Im Ostheimer Pfarramt ist er bei seiner Suche dabei auf einen kleinen Schatz aus Sicht eines Historikers gestoßen. Auf 118 handgeschriebenen Seiten schildert der damalige Pfarrer Friedrich Karl Fink (1860–1947) den Kriegsalltag in Ostheim von der Mobilisierung der Soldaten im August 1914 bis zur Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen aus Russland im Jahr 1920.Ergänzt werden die Erinnerungen durch Zeitungsausschnitte aus dieser Zeit, durch Schreiben und Anweisungen der Kirchenleitung für den Umgang mit Soldaten und deren Angehörigen und später dann auch durch Todesanzeigen.

Eine dieser Anzeigen zeigt die Todesnachricht des Pfarrersohnes, der als Pilot über Russland abgeschossen, von der Bevölkerung aus dem Wrack gerettet und später von russischen Soldaten dann doch hingerichtet wurde. 32 junge Männer aus Ostheim sind während des Ersten Weltkrieges nicht mehr lebend von der Front zurückgekehrt.

Diese sehr persönliche Chronik von Pfarrer Fink gibt nach den Worten Müllers einen tiefen Einblick in das gesellschaftliche Leben der damaligen Kriegsjahre. Zunächst wurde jeder junge Mann, der in den Krieg zog, mit großem Tamtam von der Verwandtschaft und der Bevölkerung gefeiert. Als dann aber die ersten Verwundeten und später dann sogar die Nachrichten von den ersten Toten eintrafen, wandelte sich die Stimmung. Aus Jubelfeiern wurden Gedächtnisfeiern und Gedenkgottesdienste und aus Geschenkpaketen wurden Hilfspakete mit dringend benötigten Lebensmitteln und zusätzlichen Kleidungsstücken.

Stimmung gekippt

Auch in Ostheim selber wechselte die Stimmung, wie Pfarrer Fink notierte. Aus anfänglicher Euphorie für den Krieg wurde im Laufe der Zeit Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge und später auch für Gefangene, die in der Landwirtschaft mithelfen mussten, weil die eigenen Männer an der Front waren. Es bildete sich auch in Ostheim die sogenannte »Kriegsfrauenhilfe«, die Hilfsmaßnahmen für die Soldaten im Feld und deren Angehörige zu Hause organisierten.

Ab März 1916 fanden dann auch noch Kinder aus dem Ruhrgebiet, deren Eltern gefallen waren, Aufnahme in Ostheim. Dabei soll sich insbesondere Käthe Fink, die Tochter des Pfarrers, hervorgetan haben. »Es sind wirklich beeindruckende Schilderungen, die die Zeit und die damaligen Lebensumstände in unzähligen Details wiedergeben«, berichtet Müller.

Die Chronik stellt damit eine seltene und bislang weitgehend unbekannte Quelle für die Kriegserfahrungen der ländlichen Bevölkerung dar. Müller fand das wertvolle Dokument in einem verstaubten und verschlissenen Pappdeckel und unter Bergen von Papieren. Zusammen mit dem Ostheimer Heimat- und Geschichtsverein hat Müller die Unterlagen von einem Buchbinder in einen festen und dauerhaften Einband binden lassen und am vergangenen Sonntag nach dem Gottesdienst an Pfarrer Dr. Lukas Ohly wieder übergeben. »Ich führe heute natürlich auch noch eine Art Chronik. Nur werden darin ausschließlich kirchliche Dinge festgehalten. Und deshalb geht diese Chronik auch nur von Pfarrer zu Pfarrer und unterliegt im Übrigen dem strengen Beichtgeheimnis. Also auch in 100 Jahren wird kein Historiker Einblick in diese Unterlagen erhalten.«

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