20. März 2019, 20:06 Uhr

Abnehm-Song für Rainer Calmund

20. März 2019, 20:06 Uhr
Bei seinen Gesangseinlagen begleitet sich Emmerlich auf der Gitarre selbst. (Foto: har)

Gunther Emmerlich gehört zu den bekanntesten Opernsängern in Deutschland, aber auch als Autor, Moderator sowie als Sänger von Swing- und Dixieklassikern ist der gebürtige Dresdener bestens bekannt.

»Ich habe schon in der New Yorker Carnegie Hall und vor dem König von Norwegen und sogar in Hongkong vor Chinesen gesungen und jetzt in einem Eisenbahnwaggon, das ist ein Aufstieg«, meinte der 74-Jährige zu Beginn seiner musikalischen Lesung im Rahmen von »Zugluft«, der beliebten Reihe von Veranstalter Holger Baake und den Eisenbahnfreunden Wetterau.

»Ich bin ja schon in historischen Zügen gefahren, aber noch nie darin aufgetreten«, erzählte der Künstler auf der Hinfahrt im Salonwagen. Seine »Zug-Premiere« jedenfalls genossen die »Mitreisenden«, wie der Künstler die Besucher im seit Wochen ausverkauften Theaterwagen nach Ankunft in Griedel begrüßte, sichtlich.

Im großen Rohrsessel auf der kleinen Bühne las der gebürtige Ost-Thüringer aus seinen drei Büchern »Spätlese«, »Zugabe« und »Ich wollte mich mal aussprechen lassen« Anekdoten und Erlebnisse aus seinem bewegten Leben.

Dazwischen plauderte er munter mit den Besuchern und er sang, wobei er sich auf der Gitarre selbst begleitete – und das ganze ohne jegliche elektronische Verstärkung. »Das gibt die Akustik sicher her«, meinte Emmerlich und sollte recht behalten, zumal die Besucher ihm konzentriert zuhörten, es sei denn sie lachten laut los, denn zu Lachen gab es jede Menge.

Das begann schon mit der ersten Lesung aus seinem zweiten Buch »Zugabe«. »Ich fange mal mit meiner Betrachtung über das Phänomen »Zugabe« an, vielleicht gibt es ja nachher keine«, meinte Emmerlich, wohl wissend, dass dem nicht der Fall sein würde.

»Ich kann Zugaben gut leiden, nicht nur bei anderen Sängern«, las Emmerlich vor, definierte die verschiedenen »Zugabestufen«, um schließlich von der nicht ganz alkoholfreien »Zugabe« nach der Fernsehsendung zum 100. Geburtstag von Johannes Heesters zu erzählen.

Aus seinem Alter machte der Dresdner kein Hehl. »Für mich sind alle älter, die mein Alter plus 15 Jahre haben, also 60 plus, rechnen Sie mal«, meinte der zweifache Vater, der sichtlich stolz von seinen neun Enkelinnen und seinem ersten Urenkel erzählte. »Ja, das ist ein Junge, ich erwarte einen Urknall, drei Enkelinnen sind um die 20«, sagte der Urgroßvater, der bei der Feier zum 20-jährigen Bestehen des MDR mit seiner hübschen Enkelin Sarah als Begleitung für Gesprächsstoff sorgte. »Ich spürte Neid, der legte sich erst, als sie sagte: »Opa, das Jahr hat gut angefangen«.

Altern ist kein Spaß

Wie er das Älterwerden sieht, beschreibt Emmerlich so: »Alt werden ist ein weit verbreitetes Phänomen, dem jedermann ausgeliefert ist – und auch jede Frau«. Es ist sein Umgang mit der deutschen Sprache, mit dem er immer wieder überrascht, egal ob er über Glaubensrituale oder der komplizierten Bestellung eines einfachen Butterbrötchens. Gekonnt überrascht Emmerlich die Mitmenschen mit einer bunten Musikauswahl, von Bruce Lows »Noah« über den »Sommernachtstraum des Heiligen Antonius« bis hin zu »Ol’man River«, »den jeder Bassist im Repertiore hat« (Emmerlich).

Aus »Bei mir biste scheen« machte der bekennende Liebhaber jiddischer Musik einen »Abnehm-Song«, dem »Lieblingslied von Rainer Calmund«. Und beim Klassiker »Oh, when the Saints« zum Finale sangen alle mit.

Stehende Ovationen, die von Emmerlich zu Beginn beschriebene »höchste aller Zugabestufen«, waren die Folge. »Darauf war ich vorbereitet«, meinte Emmerlich, der anschließend noch Autogramme schrieb sowie seine Bücher und CDs signierte, als der Zug schon wieder den Nordbahnhof der Badestadt erreicht hatte.

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